Posts mit dem Label Kriminalroman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kriminalroman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 19. Juli 2026

Mason, Simon – Ein Mord im November

Über den Autor

Simon Mason wurde 1962 in Sheffield geboren und studierte englische Literaturwissenschaft an der Lady Margaret Hall in Oxford. Er schreibt sowohl kinder- und Jugendbücher als auch Thriller. Seit 1990 wurden Masons Werke in England veröffentlicht. Bekannt sind auch in Deutschland seine Jugendbücher über die Quigley-Familie. Er wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Betty Trask Award für das beste Romandebüt.
Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitete er einige Jahre als Verlagsleiter von David Fickling Books, einer Tochter von Random House UK. Mason lebt mit Frau und zwei Kindern in Oxford.


Ein Mord im November


Autor: Simon Mason
Titel: Ein Mord im November (DI Wilkins-Reihe #1) 
Genre: Kriminalroman
Erscheinungsdatum: 18. März 2026
Seitenzahl: 432
Verlag: Goldmann Verlag
Preis: 13,00 € (Taschenbuch); 10,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 80/100)

 

Ein College als Schauplatz

Simon Mason, selbst Oxford-Absolvent hat sich als Schauplatz seiner Geschichte das Oxbridge-College Barnabas Hall ausgesucht. Er nimmt sich zu Beginn viel Zeit, um die Figuren mit ihren Eigenarten zu skizzieren, die wir rund um das College kennenlernen. Ob es um den Provost des College Sir James Osborne, die syrische Küchenhilfe Ameena Najib geht, die offensichtlich ein Problem mit dem hohen Staatsgast Scheich al-Medina hat, oder dem Faktotum Jason Birch – um nur einige zu nennen. Das alles ist in einem konventionellen Setting eingebunden.

Wilkins und Wilkins

Im Mittelpunkt dieses Oxford-Krimis stehen allerdings zwei Ermittler, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Klischees von dummen Menschen mit schlechten Manieren aus der Unterschicht und die feinen Herrschaften mit Bildung und tadellosem Benehmen aus der Oberschicht werden hier übertrieben bedient. 

DI Ryan Wilkins ist 27 Jahre alt mit weißer Hautfarbe, wirkt aber rein äußerlich eher wie ein Teenager. Aufgewachsen ist er in ärmlichen Verhältnissen in einem Trailerpark; der Vater Alkoholiker, eine Mutter, die von ihrem Mann regelmäßig misshandelt wird. Colleges kennt er nur von außen. Er war jedoch Jahrgangsbester auf der Polizeiakademie (wie er es dorthin geschafft hat bei einer solch schlechten Prognose bleibt offen). Seine »Dienstkleidung« besteht aus Jogginghose, T-Shirt und Turnschuhen. Das Verhalten ist proletenhaft, sein Auftreten frech und respektlos selbst gegenüber privilegierten Eliten. Zudem steckt ein hohes Agressionspotential in ihm. Aufgrund dessen wurde er wegen Fehlverhaltens strafversetzt zur Thames Valley Police.

Wenn er mit seinem kleinen Sohn Ryan junior zusammen ist, lernt man eine ganz andere Seite von ihm kennen. Da ist er der fürsorgliche Familienvater. Ryan junior ist bei Ryans Schwester Jade in Betreuung, wenn er für den Kleinen keine Zeit hat. Die Mutter von Ryan junior hat ihre Drogenprobleme nie in den Griff bekommen und ist an einer Überdosis gestorben. Trotz seiner ganzen Eigenarten ist Ryan ein Mensch, für den man Sympathie empfinden kann.

DI Ray Wilkins ist Anfang dreißig. Genau das Gegenteil von Ryan: wohlhabendes Elternhaus, ein »Überflieger« einer neuen Generation schwarzer Kriminalbeamter mit Oxford-Abschluss. Dank eines Masterstudiengangs in Kriminalistik ist er zu der Position eines Detective Inspector aufgestiegen. Immer tadellos gekleidet, umsichtig und wortgewandt, hervorragende Manieren, gutaussehend.

Unterschiedliche Berufsauffassung

Die beiden Detectives der Thames Valley Police sollen gemeinsam einen Mordfall an einer jungen Frau aufklären. Der Mord wurde augenscheinlich im Oxbridge-College Barnabas Hall verübt. Die Unbekannte wurde im Arbeitszimmer des Provosts dieser Bildungsakademie, Sir James Osborne, entdeckt. Wie können so zwei unterschiedliche Charaktere gemeinsam einen Mord aufklären? Die Reibereien, die dabei entstehen, sowie die unterschiedlichen Auffassungen von der Art der Vorgehensweise hat Mason sehr prägnant beschrieben.

Der Einstieg in die Ermittlungen läuft alles andere als glücklich. Man ruft vom College aus die Polizei an und der Anruf landet bei Ryan. Der macht sich gleich auf den Weg zum College. Kaum dort angekommen, zerdeppert er mit seinem Verhalten jede Menge »Porzellan«.

Keine Einsicht vorhanden

Mehrmals wird Ryan von seiner Vorgesetzten und auch von Ray aufgefordert, keine Einzelgänge zu unternehmen, was der aber einfach ignoriert. Das erzeugt Wut und Zorn insbesondere bei Ray und man fragt sich bereits gleich am Anfang, ob diese »Zusammenarbeit« dauerhaft funktionieren kann. Aufgrund seiner vielen verbalen Entgleisungen und seinem ungehobelten Benehmen, wobei Ryan mehrfach gegen den polizeilichen Verhaltenskodex verstößt, wird ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet. 

Im Verlauf der Handlung versucht Mason mehrmals, den Leser/die Leserin auf eine falsche Fährte zu locken. Der wahre Täter wird am Ende überführt und diese finale Auflösung sorgt für Überraschung.

Trotzdem endet das Buch mit einem kleinen Cliffhanger. Fans der Krimireihe dürfen sich auf den zweiten Fall »Das kalte Herz von Oxford« des ungleichen Ermittlerduos freuen. Und da darf man gespannt sein, wie Mason das umsetzt.


Fazit

Was man hier liest, ist ohne Tiefgang und unrealistisch, was aber wahrscheinlich auch so gewollt ist. Mason spart nicht mit gesellschaftskritischen Themen, denen er etwas Humor beimischt.
Der Inhalt dieses Kriminalromans definiert sich über zwei Kriminalisten, die völlig unterschiedliche Auffassungen von Ermittlungsarbeit haben. Eine explosive Kriminalgeschichte darf man hier nicht erwarten, es geht eher gemächlich zu.
Die eigentliche Kriminalhandlung läuft als klassischer Whodunit nebenher. Die Spannungsschiene wird dabei selten bedient. Auch sporadisch gesetzte Cliffhanger an manchen Kapitelenden ändern daran nichts. 
Weitere Fälle, die geplant sind, müssen zeigen, ob sich der Ansatz von Mason durchsetzen und sich dafür eine interessierte Leserschaft finden wird. Sehr konträr sind die beiden Figuren, in Bezug sowohl auf ihr Äußeres als auch ihr Verhalten.

Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia; Innenseite Buchcover
Rezensionstext: © V. Kaiser; KI-generiertes Bild


Sonntag, 24. Mai 2026

Moore, Liz – Der Gott des Waldes

Über die Autorin

Liz Moore wurde 1983 in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Sie hat zunächst als Musikerin in New York gearbeitet und anschließend mit dem Schreiben von Romanen begonnen. Im Verlag C.H. Beck erschien ihr Roman »Long Bright River« (2020). »Der Gott des Waldes« war ihr nächster New York-Times Bestseller, erhielt zahlreiche hymnische Besprechungen und stand auf Barack Obamas Lektüreliste. Liz Moore ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.


Der Gott des Waldes


Autorin: Liz Moore
Titel: Der Gott des Waldes
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 10. Dezember 2025
Seitenzahl: 590
Verlag: Verlag C.H. Beck
Preis: 26,00 € (Taschenbuch); 14,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 95/100)

Tolle Landschaft, grauenvolle Familie

Die reiche Familie van Laar lebte einen Traum, den sie in den Adirondack Mountains im US-Bundesstaat New York verwirklichte. Sie errichtete hier das Ferien-Camp Emerson und ein Naturreservat. In dem Ferienlager sollte den Kindern der Umweltschutz nähergebracht werden. Und sie sollten lernen, mit der Natur verantwortungsvoll umzugehen. Innerhalb von zehn Jahren wurde Camp Emerson ein begehrtes Reiseziel für die Kinder wohlhabender Eltern. Jeden Sommer lief das Feriencamp acht Wochen lang.

Als Peter IV. auf die Welt kam, nannten ihn alle »Bear«, weil es bei den van Laars schon so Viele namens Peter gibt. Der kleine Kerl war pummelig und der Flaum auf seinem Kopf erinnerte an den Pelz eines Tierbabys. Für alle war er immer der kleine »Bear« geblieben. Seine Mutter Alice liebte ihn über alles und er war ein Anker in einer Ehe, die für sie von Unterwürfigkeit geprägt war. Für seinen Vater war er mehr oder weniger der Stammhalter. Nach außen hin blieb Alice die taffe Ehefrau des »großen« Peter III. van Laar, der sie demütigte, wo er nur konnte. Außerdem hatte er ein Verhältnis mit einer anderen Frau. Er ist ein grauenvoller Machtmensch.

Wo ist der kleine »Bear«?

Im Alter von acht Jahren brach »Bear« mit seinem Großvater Peter II. zu einer Wanderung in den Wald auf. Weil er sein Taschenmesser vergessen hatte, kehrte er noch einmal ins Camp zurück, um es zu holen. Plötzlich war er verschwunden. Fünf Tag und Nächte waren die Suchtrupps unterwegs – ohne Erfolg. Die van Laars hatten dafür noch nicht einmal ein Wort des Dankes. Es ist tragisch, was der Familie widerfahren ist. Manche sagen, sie haben es verdient.

Eine ungeliebte Tochter

Trotz dem seelischen Schmerz und ihrer zeitweisen Depressionen wurde Alice erneut schwanger – wohl auch, weil es ihr Mann so wollte. Ihre Tochter Barbara war vom Charakter her genau das Gegenteil von »Bear«. Ihr Vater beschrieb sie als unzufriedenes, problembehaftetes Mädchen. Geliebt wurde sie von keinem in der Familie, wohl weil sie immer ihr Ding machte und sich nicht an Regeln halten wollte.

Abgesehen von den Rückblenden vergangener Jahre spielt die Handlung hauptsächlich im August 1975. Ein Sommer, der alles verändert hat. Es ist vierzehn Jahre her, dass der kleine »Bear« verschwunden und nie wieder aufgetaucht ist. Und das gleiche Schicksal droht den van Laars erneut. 

Alice benötigt unbedingt Abstand von ihrer Tochter und hat die Idee, dass Barbara ins Sommercamp einziehen soll. Schon allein das Auftreten von Barbara sorgt für Kopfschütteln. Ihr Äußeres kann man am besten mit dem eines Punks vergleichen. Eines Morgens ist die Dreizehnjährige plötzlich aus dem Camp verschwunden.

Geschlechterabhängige Klassenunterschiede

Im Haus Self-Reliance (Haus des Vertrauens!?) ist jeder darauf bedacht, dass kein Außenstehender dieses Haus betritt. Es wird klar zum Ausdruck gebracht, welch charakter- und empathielose Familie die van Laars sind – mit Ausnahme von Alice. Selbst nach dem Verschwinden von Barbara gewährt man den Ermittlern nur widerwillig Zutritt. Die van Laars und deren Gäste weigern sich sogar nach einer ausgedehnten Partynacht, der Ermittlerin Judy Luptack Fragen zu beantworten, weil sie eine Frau ist. 

Stellvertretend für die Frauen in der amerikanischen Gesellschaft aus dieser Zeit wird die Diskriminierung der Polizistin Judyta (Judy) Luptack sichtbar. Ihr wird in diesem Roman eine tragende Rolle zuteil. Sie lässt sich aber nicht beirren und hat den polizeilichen Spürsinn, um sich in einer von Männern dominierten Umgebung zu behaupten.

Es ist verstörend, wie sich die reiche, gehobene Gesellschaft gegenüber den Personen verhält, die nicht zu dieser Zielgruppe gehören. Einzige Ausnahme ist Alice van Laar, für die man Mitleid und Sympathie empfinden kann. Sehr deutlich treten die sozialen Unterschiede zum Vorschein. Feminismus, Rassismus und Klassenunterschiede sind starke Themen, über die Liz Moore schreibt.

Eine Zeitreise über vierzehn Jahre

Ein Zeitstrahl zu Beginn eines jeden Kapitels weist daraufhin, in welchem Jahr bzw. Monat sich die Handlung gerade bewegt. Die Zeitangaben wechseln häufig zwischen der Vergangenheit von 1961 und der Gegenwart im Jahr 1975. Das erleichtert die Orientierung bei vielen Zeitsprüngen und Perspektivwechseln, was nicht zuletzt die Zuordnung der vielen Haupt- und Nebenfiguren betrifft.

Langsam führt uns die Autorin zu einer lückenlosen Aufklärung hin, die man so nicht unbedingt erwarten konnte. Es gibt verschiedene Theorien und Verdächtige im Laufe der Handlung, die mit dem Verschwinden der Geschwister »Bear« und Barbara in Verbindung gebracht werden.


Fazit

Dieses Buch kann man nicht eindeutig einem bestimmten Genre zuordnen. Die Erzählung einzig an einer Kriminalgeschichte festzumachen, würde dem Roman nicht gerecht werden. Es ist ebenso ein sozialkritischer Roman. 
Die Figurenzeichnung mit Tiefgang kann man als gelungen bezeichnen. Jede einzelne Figur wird in Bezug auf ihren Charakter entweder in ihrer Verletzlichkeit oder in ihrer Arroganz und Unnahbarkeit für den Leser greifbar. Die Anhäufung von Figuren wirkt zuweilen verwirrend.
Die Schreibweise ist präzise und sehr ausführlich, weswegen das Buch letztendlich einen Umfang von 590 Seiten erreicht. Die Handlung ist komplex, wenn auch meiner Meinung nach eine gestrafftere Erzählung für weniger Längen im Text gesorgt hätte.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Innenseite Schutzumschlag und auszugsweise Wikipedia.de
Rezensionstext: © V. Kaiser

Mittwoch, 29. April 2026

Walsh, Colin – Kala

Über den Autor

Colin Walsh stammt aus Galway und lebt in Belgien. Für sein Schreiben wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Seine Texte erschienen unter anderem in The Stinging Fly und The Irish Times und wurden auf RTÉ Radio 1 sowie BBC Radio 4 ausgestrahlt. Kala ist sein erster Roman, der bereits 2023 in englischer Sprache erschien. Das Buch wurde international zu einem großen Bestseller.


Kala


Autor: Colin Walsh
Titel: Kala
Genre: Roman, Kriminalroman
Erscheinungsdatum: 12. Januar 2026
Seitenzahl: 482
Verlag: Gutkind Verlag
Preis: 24,00 € (Paperback); 9,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 94/100)

 

Ein starkes Debüt eines irischen Autors

»Kala« ist der Debütroman des irischen Autors Colin Walsh. Mit diesem komplexen Werk hat Walsh mehr als eine Kriminalgeschichte geschrieben, die zwischen Freundschaft und Gewalt pendelt. Es ist gleichzeitig ein Drama zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die man als Noir bezeichnen kann. Das Buch ist bereits im Jahr 2023 in der englischen Ausgabe erschienen und wurde international zu einem großen Bestseller. Nun liegt die deutsche Ausgabe vom Berliner Gutkind Verlag vor.

Eine Clique im Zentrum des Geschehens

Die Freundschaft von sechs Teenagern im Coming-of-Age Alter steht im Mittelpunkt der Geschichte. »Kala« ist ein intensiv geschriebener Roman. Auf der einen Seite geht es um Gefühle und Verdrängung, wenn es um die Figuren von damals und den drei Haupterzählern in der Gegenwart geht. Aber der Roman ist auch brutal und das betrifft nicht nur den Kriminalfall.

Die Erzählung startet im Sommer 2003 in dem irischen Touristenort Kinlough. Im Vordergrund steht dabei eine unzertrennliche Clique von sechs Jugendlichen im Alter von dreizehn Jahren. Katherine »Kala« Lanann, Aoife und Helen sowie die Jungs Aidan, Joe und Mush erleben eine unbeschwerte Zeit. Kala ist selbstbewusst und empathisch, aber auch charismatisch. Sie möchte immer im Mittelpunkt stehen.

An einer Stelle des Textes ist zu lesen, dass Kala mit dem Fahrrad einen Hügel hinunterrast und am Fuß des Hügels durch eine schmale Lücke blindlings die stark befahrene Hauptstraße überquert. Lediglich Mush folgt ihr. Laut Helen war er immer der Mutigste in der Gruppe.

Die unbeschwerte Zeit nimmt ein jähes Ende, als Kala spurlos verschwindet und nicht wieder auftaucht. Es folgen Jahre des Schweigens. Die Erzählung erfährt ihre Fortführung im Sommer 2018, fünfzehn Jahre später. Man findet menschliche Überreste im Wald. Es ist der Zeitpunkt, als sich drei Freunde der ehemaligen Clique wiedersehen. Wie gehen Helen, Joe und Mush mit dieser Nachricht um? Alte Erinnerungen von damals werden wieder wach. Sie kommen nicht umhin, sich der Vergangenheit zu stellen.

Sie erzählen abwechselnd aus ihrer Sicht, was sich im Jahre 2003 und fünfzehn Jahre später ereignet hat und stellen dabei immer noch Vermutungen an, was mit Kala geschehen sein könnte. Diese drei hatten eine besondere Beziehung zu Kala. Für Joe war es seine erste große Liebe, für Helen ihre beste Freundin und für Mush seine Vertraute. Das Einflechten der Rückblenden in die Erzählungen der Gegenwart ist dem Autor sehr gut gelungen.

Wenn die Gegenwart die Vergangenheit einholt

Helen lebt und arbeitet als freiberufliche Autorin in Kanada. Nach eigener Aussage »über einem beschissenen Pizzaladen in einer beschissenen Stadt« (Buchzitat). Sie hat nichts und niemanden und kehrt nur widerwillig in ihre alte Heimat zur Hochzeit ihres Vaters zurück. Joe ist mittlerweile ein gefragter Musiker und kommt nach Kinlough, um ein Konzert im Flanagan’s zu geben. Er versucht, der Vergangenheit durch Alkohol zu entfliehen. Manchmal ist er so zugedröhnt, dass er am nächsten Tag nicht mehr weiß, was tags zuvor geschehen ist. Mush hat Kinlough nie verlassen und arbeitet im Café seiner Mutter.

Die Vergangenheit und deren Hintergründe werden allmählich aufgearbeitet. Es drängen sich Fragen auf: Warum ist Kala plötzlich nicht mehr da und was ist mit den anderen aus der ehemaligen Clique geschehen? Wo rühren die Narben her, die Mush im Gesicht hat? Es wird Spannung aufgebaut, je mehr man aus der Vergangenheit erfährt. Das Erzähltempo nimmt zu, der Ton wird rauer. Gewalt und die Beschädigungen der Beteiligten treten dabei immer mehr in den Vordergrund. Beim Lesen stellt sich ein Gefühl ein, dass man der Aufklärung der Ereignisse aus der Vergangenheit immer näherkommt.


Fazit

Die einzelnen Figuren sind intensiv gezeichnet. Die Hauptfiguren sind vielschichtig und authentisch. Die Beschreibungen driften dabei nie ins Klischeehafte ab. Der Autor hat in seinen Erzählungen auch einen Blick auf die Abgründe in der irischen Gesellschaft und der Korruptheit der Polizei geworfen.
Es ist kein Roman zum Einfach-weg-lesen. Es geht um Freundschaft, Verlust, Schuld, Verzweiflung, aber auch um Verdrängung. Das hat Walsh alles gut miteinander verbunden. Wenn man sich intensiv mit dem Stoff befasst, wird man Freude an diesem Buch haben.
Gut gelungen und sinnvoll finde ich den Index der Hauptfiguren am Anfang des Buches. Man bekommt dabei eine bessere Sichtweise auf die einzelnen Familienverbände.
 
Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia, Amazon
Rezensionstext: © V. Kaiser; KI-generiertes Foto von der irischen Kleinstadt Kinlough

Donnerstag, 5. Februar 2026

Craven, M.W. – Der Kurator

Über den Autor

Der mehrfach preisgekrönte Sunday Times-Bestsellerautor M. W. Craven wurde in Carlisle in der Grafschaft Cumbria geboren, wuchs jedoch in Newcastle in Northumberland auf. Als Jugendlicher trat er in die britische Armee ein und begann nach zehn Jahren Militärdienst ein Studium der Sozialpädagogik. Fast zwei Jahrzehnte lang arbeitete M. W. Craven als Bewährungshelfer, bevor er sich höchst erfolgreich und in Vollzeit dem Schreiben von Krimis und Thrillern widmete. Seine Kriminalromane wurden mit renommierten Krimipreisen ausgezeichnet, u.a. dem CWA Gold Dagger Award (2019) sowie dem Ian Fleming Steel Dagger Award (2022). Mit seiner SPIEGEL-Bestsellerserie um Washington Poe und Tilly Bradshow hat M.W. Craven auch sein deutsches Publikum begeistert.


Der Kurator


Autor: Michael W. Craven
Titel: Der Kurator
Genre: Kriminalroman
Seitenzahl: 466
Erscheinungsdatum: 03. November 2025
Verlag: Droemer Knaur KG

Preis: 16,99 € (Paperback)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Vorweihnachtszeit in Cumbria

Es beginnt harmlos kurz vor Weihnachten. Wie jedes Jahr soll bei einer Firmenweihnachtsfeier gewichtelt werden. Und obwohl Craig Hodgkiss das Wichteln hasst, kommt es ihm dieses Jahr sehr gelegen. Er möchte seiner befreundeten Arbeitskollegin Barbara Willoughby einen Heiratsantrag machen. Doch statt seines Verlobungsrings befinden sich in seinem Wichtelbecher zwei abgetrennte Finger und eine rätselhafte Botschaft mit der Aufschrift »#BSC6«.

Wenig später liegen im Taufbecken einer Kirche wieder zwei abgetrennte Finger. Letzen Endes taucht bei einer Fleischverlosung in Fiksin’s Hall in Whitehaven schließlich ein drittes Fingerpaar auf, das zwischen die Ware drapiert wurde. Die kryptische Botschaft »#BSC6« ist immer beigelegt. Wer verteilt in Cumbria solche ekelerregenden »Weihnachtsgeschenke«?

Pathologisch betrachtet, stammt jeweils ein Fingerpaar von ein und derselben Person. Während ein Finger ante mortem abgetrennt wurde, erfolgte die andere Amputation post mortem. Hat man es hier mit einem sadistischen Mörder zu tun? Es gibt keinerlei Verbindungen zwischen den drei Opfern der Fingerpaare – zwei Frauen und ein Mann. Sie kannten sich nicht und hatten auch sonst keine Gemeinsamkeiten. Sie waren lediglich vor drei Jahren für zwei Wochen am gleichen Ort.

Ein Team mit Wiedererkennungsfaktor

Das ist ein Fall für die Serious Crime Analysis Section (SCAS). Das ist eine Sondereinheit der nationalen Kriminalpolizei des Vereinigten Königreichs. Nicht nur diese Einheit stellt etwas Besonderes dar, auch das Ermittlerteam, das sich dahinter verbirgt.

Stephanie Flynn kommt als Chefin authentisch rüber. Sie ist momentan schwanger und hat mit ihren Hormonen zu kämpfen. DS Washington Poe ist ein Zyniker und gegenüber seinen Vorgesetzten oft disziplinlos. Früher war er der Vorgesetzte von Stephanie Flynn, jetzt ist sie seine Chefin nach einer vorübergehenden Suspendierung von Poe. Privat ist er ein Eigenbrötler, der zurückgezogen in einer abgelegenen Hütte mit seinem Hund Edgar lebt. Gemeinsam arbeitet er mit der hervorragenden Analytikerin Mathilde (Tilly) Bradshow zusammen, die sozial völlig inkompetent ist. Auf dem Gebiet von IT und Wissenschaft ist sie ein regelrechter Nerd. Außerdem ist sie auf das Wohlergehen von Poe bedacht.

Komplettiert wird das Team von der unkonventionellen aber höchst effizienten Pathologin Estelle Doyle. Sogar in der Leichenhalle ist sie manches Mal angezogen wie in einem S&M-Klub – schwarzes Haar und gleichfarbige Schminke, Netzstrümpfe und Stilettos.

Die Ermittler der SCAS sind ein ungewöhnliches Team. Jeder hat seine Eigenarten, was sich aber im Ganzen betrachtet zu einem gemeinsamen Nenner verbindet. Dieses Team muss man einfach mögen, denn sie beleben diesen Kriminalroman auf unnachahmliche Weise. Es ist köstlich, den Dialogen von Poe und Tilly zu folgen, und die sind nicht ausschließlich beruflicher Natur.

Was steckt hinter den Morden

Alles sieht zu Beginn bestenfalls nach einer ungewöhnlichen Mordserie aus. Daraus entwickelt sich ein Setting mit einer Challenge, die man so nicht für möglich hält. Lange bleibt man als Leser im Ungewissen, um was es hier eigentlich geht. Und das treibt die Spannung hoch, auch durch immer wieder neue Twists, die die Handlung aber keineswegs überladen.

Ein Drachen in einem Baum führt Poe auf die Spur eines Verdächtigen. Ist der zweiundzwanzigjährige Robert Cowell der gesuchte Mörder? Bei der Vernehmung durch Poe ist er das reinste Nervenbündel, zappelig und total verschwitzt. Schließlich gibt er zu, dass er gezwungen worden ist, an einer auf einem Online-Spiel basierenden Challenge teilzunehmen, die auf vulnerable Personen abzielt. Dabei müssen verschiedene Aufgaben erfüllt werden. Aber er leugnet alles, was bereits erwiesen ist.

Washington Poe und Tilly Bradshow stehen vor einem Rätsel. Eine vom FBI suspendierte Agentin meldet sich und erzählt von einer Person, der sich der »Kurator« nennt. Sie behauptet, dass der Täter kein Serienmörder ist, sondern dass etwas ganz anderes dahintersteckt. Ist sie glaubwürdig? Warum wurde sie vom Dienst suspendiert und meldet sich plötzlich bei der SCAS? Fast zu spät erkennt Poe, dass er auf das abartige Spiel des »Kurators« hereingefallen ist.

Wie man in den Anmerkungen des Autors am Ende des Buches erfährt, beruht nicht alles auf seinem Erfindungsreichtum. Challenges, die auf einem Online-Spiel basieren, gibt es wirklich.


Fazit

Mike W. Craven gelingt es wie keinem anderen englischen Autor bzw. keiner anderen Autorin, die Texte mit trockenem, britischem Humor zu würzen, wenn es dem einen oder der anderen auch albern vorkommen mag. Schwarzer Humor, unverblümte Direktheit, Absurdität und Understatement sind dafür die Zutaten. Bücher von ihm sorgen für beste Unterhaltung.
Die Handlung ist gut konstruiert, die Erzählweise dynamisch und ohne Leerlauf in den einzelnen Kapiteln. Dabei hat Craven für seine Leser immer wieder Überraschungen und Twists parat. Die beschriebenen Fälle sind ungewöhnlich und mögen für manchen merkwürdig klingen, aber sie werden zum Ende hin gekonnt und logisch aufgelöst.
Im Prinzip kann man diesen Band ohne Vorkenntnisse der anderen Bücher lesen. Der Fall ist in sich abgeschlossen. Da der Autor aber in Deutschland lange unbeachtet geblieben ist, wurden die Bücher nicht in der richtigen Reihenfolge übersetzt. Aus diesem Grund muss man darauf hinweisen, dass die Entwicklung der Figuren – in erster Linie die von Poe und Bradshow – verloren geht, wenn die Bücher nicht der Reihe nach gelesen werden.
 
Quellenangabe
Über den Autor: Klappentext © Droemer Knaur Gmbh & Co.KG München, 2025

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Johann, Petra – Wem du traust

Über die Autorin

Petra Johann, Jahrgang 1971, ist promovierte Mathematikerin. Sie arbeitete mehrere Jahre in der Forschung und in der Softwarebranche, bevor sie ihre wahre Berufung fand: Menschen umbringen – wenn auch nur auf dem Papier. Damit ihrer Fantasie bei neuen Projekten keine Grenzen gesetzt sind, schreibt Petra Johann keine Serien. Ihre Kriminalromane und Thriller sind Einzelstücke mit wechselndem Personal, in denen es um Themen geht, die Petra Johann faszinieren. Nach Lebensstationen in NRW und Bayern lebt und schreibt Petra Johann mittlerweile in Niedersachsen.


Wem du traust


Kategorie: Kriminalroman
Ort der Handlung: Irgendwo in Deutschland 
Erstausgabe: Paperback mit Klappentext (12/25; 428 S.)
Schlagworte: Häusliche Gewalt, Vermisst, Red Flags, Cold Case
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️/5



Wenn der Schein trügt

Wir lernen eine nahezu perfekte Familie kennen. Eva Kramer, ihren Mann Daniel und der gemeinsame fünfjährige Sohn Linus. Sie leben glücklich und in Harmonie in einem Neubaugebiet am Stadtrand. Eines Abends sind Eva und Daniel bei einer Geburtstagsparty eingeladen und die Babysitterin Sofia Ziemiak passt auf den kleinen Linus auf. Sofia ist die Tochter von Evas bester Freundin Susanne.

Nach der Rückkehr der Kramers fährt Daniel Sofia nach eigener Aussage nach Hause, wo sie aber nie ankommt. Die Fassade dieser scheinbar glücklichen Familie beginnt langsam abzubröckeln.

Die fünfzehnjährige Sofia ist sehr introvertiert. Sie pflegt keine sozialen Kontakte und hat weder Freunde in der Schule noch außerhalb. Das Handy benutzt sie nur zum Fotografieren. Zu den Aktivitäten auf ihrem Laptop kann ihre Mutter bei der Befragung durch die Polizei nichts sagen.


Risse in der Beziehung

Susanne lebt mit ihrem neuen Lebenspartner Axel Thürmer und Sofia in einer Patchworkfamilie zusammen. Es gibt Spannungen zwischen Sofia und Axel. Die Beiden verstehen sich nicht besonders gut. Sofia äußert sogar, dass sie ihr neues Zuhause »scheiße« findet. Es gibt auch Probleme in der Beziehung zwischen Susanne und Axel. Es sind Red Flags, die auch Sofia nicht verborgen bleiben.

Es bleibt unklar, was mit Sofia geschehen ist. Ist sie weggelaufen, wurde sie entführt oder ist sie vielleicht Opfer von Cyber-Grooming (Anbahnung sexueller Kontakte über das Internet) geworden? Lebt sie noch?


Unzertrennlich

Die persönliche Beziehung zwischen Eva und Susanne ist in dem Kriminalroman sehr stark ausgeprägt. Seit dem Gymnasium sind sie unzertrennliche Freundinnen. Nach dem Schulabschluss hat Susanne ein Studium begonnen und Eva eine Ausbildung. Nachdem Susanne ungewollt schwanger wird, ziehen die Beiden zusammen. Nach Sofias Geburt teilen sie sich die Erziehung. Als Sofia acht Jahre alt ist, lernt Eva Daniel kennen, den sie später heiratet. In dieser Zeit hat Sofia alles unternommen, um Eva und Daniel auseinander zu bringen. Nach und nach beruhigt sich aber die Situation wieder.


Was verschweigt Daniel Kramer

Daniel Kramer rückt immer mehr in den Fokus der Ermittlungen. Nicht zuletzt, weil er mehrmals Dinge verschwiegen oder schlichtweg gelogen hat bei Befragungen durch die Polizei. Wie ein roter Faden zieht sich die Verdächtigung durch den Plot. Daran ändert auch nichts, dass weitere Personen kurzzeitig verdächtigt werden. Das beeinflusst die narrative Wahrnehmung sehr stark.


Die Nerven liegen blank

Je mehr man liest, desto mehr Spannungen werden offensichtlich. Die einst »besten« Freundinnen Eva und Susanne geraten immer öfter aneinander. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe und machen ihre unterschiedlichen Standpunkte klar. Der Streit zwischen Eva und Susanne eskaliert. Eva wirft Susanne ihre Unterwürfigkeit gegenüber ihrem Partner Axel vor. Susanne kontert daraufhin und erwähnt die sexuellen Probleme zwischen Eva und Daniel. Eva und Daniel sind längst nicht mehr das Traumpaar von einst. Zu oft hat er Eva in der Vergangenheit belogen.


Sinnvolle Unterteilung

Der Kriminalroman ist in vier Teile aufgeteilt, was im Prinzip keinen Mehrwert für die Erzählung bringt. Interessanter ist da schon die Unterteilung in drei unterschiedliche Perspektiven. Eva, die Hauptprotagonistin, berichtet aus ihrer Sicht als Ich-Erzählerin. In kurzen Kapiteln erzählt uns eine andere Person über ihre Pein und Angst. Sie sucht verzweifelt nach einem Weg, wie sie der Situation entkommen kann.

Die dritte Ebene widmet sich der Ermittlungsarbeit durch die Polizei. Diese beschränkt sich nicht nur auf die Suche nach der vermissten Schülerin Sofia, sondern richtet sich auch auf einen zurückliegenden Mord von vor fünfzehn Jahren an einer Schülerin. Gibt es hier Gemeinsamkeiten mit dem aktuellen Vermisstenfall? Das hat die Autorin alles geschickt miteinander verknüpft.


Was am Ende steht

Es gibt Dinge, die mir am Setting nicht gefallen haben. Da sind zum einen die klischeehaften Wiederholungen von Anrufen auf dem Smartphone. Das hat mit der Zeit wie eine Floskel auf mich gewirkt. Die Aufklärung des Vermisstenfalls war mir zu banal und konstruiert. Alle offenen Fragen werden auf den letzten Seiten des Kriminalromans gebündelt beantwortet.

Das Sprichwort »Trau, Schau, Wem« ist eine zeitlose Mahnung zur Vorsicht. Es kommt hier sehr gut zum Ausdruck. Es erinnert daran, nicht jedem Menschen und jeder Situation blind zu vertrauen, sondern sich ein eigenes Bild zu machen und genau hinzusehen.


Fazit

»Wem du traust« ist ein psychologischer Kriminalroman, der weitestgehend auf blutige Details und harten Thrill verzichtet. Petra Johann ist eine klare Unterscheidung zwischen Krimi und Thriller gelungen.
Der Schreibstil ist flüssig und leicht verständlich. Die Verhaltensweisen der verschiedenen Figuren und deren Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen herauszuarbeiten, spricht für die Autorin. Die Kapitel sind überwiegend kurzgehalten und enden mit einem Cliffhanger, um die Auflösung einer Situation zu verzögern.
Es gibt Längen in den Erzählungen (Bsp.: Lagebesprechungen bei der Polizei), die die Spannung des Öfteren ausbremsen.
Es werden immer wieder neue Figuren erwähnt, die in Erscheinung treten. Da sie für den Handlungsablauf nicht wichtig sind, verschwinden sie genauso schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Homepage von Petra Johann
Buchcover: Bildrechte gehören dem jeweiligen Verlag

Dienstag, 16. Dezember 2025

Crouch, Sarah – Middletide - Was die Gezeiten verbergen

Über die Autorin

Sarah Crouch ist vor allem für ihre Leistungen im Bereich der Leichtathletik als Profi-Marathonläuferin bekannt. Die Autorin ist im Pazifischen Nordwesten der USA ausgewachsen und lebt momentan mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern im Süden. »Middletide« ist ihr Debütroman.


Middletide – Was die Gezeiten verbergen


Kategorie: Roman – Washington, Puget Sound
Erstausgabe: Gebundene Ausgabe (02/25; 384 S.)
Schlagworte: Liebe, Trauer, Hass, Rache
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind

Sarah Crouchs Debüt erzählt von einer Geschichte, die sich über einen Zeitraum von mehr als neunzehn Jahren erstreckt. Sie ereignet sich in der Kleinstadt Point Orchards, die in der Meeresbucht Puget Sound liegt.

Die Erzählung wird dominiert von einer großen Liebe, aber auch von Trauer, Hass und Rache. Die Zeitzählung beginnt im Jahr 1973. Elijah Leith (17) lernt die indigene Nakita Mills (16) aus dem Indianerreservat der Squalomah kennen, als sie in das Highschoolteam kommt. Beide Teenager kommen sich näher und verlieben sich ineinander.

Alles ändert sich, als Elijah nach seinem Schulabschluss nach San Francisco geht, um Schriftsteller zu werden. Das war schon immer sein Traum. Er verspricht der enttäuschten Nakita, dass er spätestens nach vier Jahren zurückkehren wird.


Ein Misserfolg auf der ganzen Linie

Sein Debütroman »Middletide« ist ein Kriminalroman über einen Mord an einer Frau, der wie ein Suizid aussehen soll. Es ist unklar, ob sein Buch auf einem wahren Verbrechen beruht. Elijah findet einen Verlag und eine Lektorin, die sehr angetan von dem Inhalt ist. Sie prophezeit ihm hohe Verkaufszahlen nach der Veröffentlichung. Doch es kommt anders. Das Buch verkauft sich kaum und ein Kritiker schreibt eine niederschmetternde Rezension, was Elijah veranlasst, das Schreiben aufzugeben.


Eine glanzlose Rückkehr

Er kehrt nach siebzehn Jahren zurück an den Ort, den er einst voller Tatendrang verlassen hat. Elijah ist mittlerweile über dreißig. Er ist ein gebrochener, orientierungsloser und niedergeschlagener Mensch. Zunächst traut er sich nicht, zu seiner Jugendliebe wieder Kontakt aufzunehmen, da er sein Versprechen von damals nicht gehalten hat. Nakita hat in der Zeit seiner Abwesenheit einen schweren Schicksalsschlag erlitten.

Vieles ist nicht mehr so, wie er es in Erinnerung hat. Seine Eltern sind längst tot. Er zieht in deren alte Hütte und renoviert sie nach und nach. Im Garten baut er Obst und Gemüse an, mit Pfeil und Bogen geht er auf die Jagd. Eine Arbeit findet er bei Chitto in der Autowerkstatt, wo schon sein Vater gearbeitet hat.


Eine Beziehung mit Folgen

Eine andere Frau tritt in sein Leben – die junge Ärztin Dr. Erin Landry aus Point Orchards. Elijah hat es ihr scheinbar von Beginn an angetan und sie möchte ihn näher kennenlernen. Durch ihre fordernde Art ist sie die treibende Kraft, was zu einer dreimonatigen Beziehung führt. In dieser Zeit wird es außer Küssen zu keiner weiteren körperlichen Nähe kommen. Später wird man den wahren Grund erfahren, warum Erin Elijahs Nähe gesucht hat.

Elijah muss in dieser Zeit immerzu an seine große Liebe Nakita denken, auch wenn er mit einer anderen Frau zusammen ist. Nach drei Monaten beendet Elijah die Beziehung, was Wut und Enttäuschung bei Erin auslöst.


Suizid oder Mord

Zwei junge Fischer entdecken am Rande eines Sees auf dem Grundstück der Leiths eine Frau, erhängt an einer Tanne. Es sieht nach Suizid aus. Es handelt sich um die 35-jährige Ärztin Dr. Erin Landry aus Point Orchards.

Die Art und Weise, wie Doc Landry zu Tode kam, erinnert an Elijahs Roman »Middletide«, in dem er über das geschrieben hat, was hier geschehen ist. Benutzt jemand Elijahs Roman, um ihm einen Mord in die Schuhe zu schieben? Wer könnte ihn so sehr hassen?

Die Polizei findet bei einer Hausdurchsuchung Landrys Tagebuch, das Elijah schwer belastet. Sie schreibt darin über heftige Streitereien, wobei Elijah gewalttätig gegen sie geworden sein soll. Entspricht das der Wahrheit? Elijah hat man als einen gutmütigen und eher ruhigen Menschen kennengelernt. Da die Beweislast erdrückend ist, wird Elijah verhaftet. Es gibt Indizien, die sowohl für Elijahs Schuld als auch für seine Unschuld sprechen.


Eine Mordanklage steht im Raum

Fortan kämpft er nicht nur um Nakita, sondern muss auch seine Unschuld beweisen. Bei Chitto findet Elijah Verständnis für sein Verhalten. Chitto ist so etwas wie ein väterlicher Freund. Reverend Samuel Mills, der Vater von Nakita, ist anfangs nicht glücklich über Elijahs Rückkehr. Nach und nach nähern sich die Beiden aber an und schließlich redet er Elijah zu, das erneute Werben um seine Tochter Nakita nicht aufzugeben. Auch bei der Verteidigung vor Gericht will er Elijah unterstützen, denn Reverend Mills ist genauso wie Nakita von Elijahs Unschuld überzeugt.


Liebe, Leid und Hoffnung

»Middletide« ist nicht nur ein Liebesroman. Es geht auch um einen Kriminalfall und dessen Aufklärung. Eine Gerichtsverhandlung schließt sich daran an. Das hat Sarah Crouch alles geschickt miteinander verwoben. Zum Ende hin überrascht die Autorin mit gezielt gesetzten Plot-Twists, die den Ausgang der Geschichte entscheidend beeinflussen.


Fazit

Sarah Crouch hat ihren Debütroman in einer wundervollen Prosa vor dem Hintergrund einer malerischen Kulisse im Nordwesten des US-Bundesstaats Washington niedergeschrieben.
Die Handlung ist ein in sich gut durchdachtes Konzept. Leider folgt sie keinem kontinuierlichen Zeitstrahl. Obwohl die kurz gehaltenen Kapitel mit Datumsangaben überschrieben sind, machen es die mehrmaligen Zeitsprünge vorwärts in die Gegenwart und zurück in die Vergangenheit schwierig, der Handlung zu folgen.
Die Subline des Buches »Was die Gezeiten verbergen« passt perfekt. Die Gezeiten spielen eine nicht unerhebliche Rolle bei der Wahrheitsfindung.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Schutzumschlag © dtv Verlagsgesellschaft München, 2025
Buchcover: Bildrechte gehören dem jeweiligen Verlag

Dienstag, 16. September 2025

Lawhon, Ariel – Der gefrorene Fluss

Über die Autorin

Ariel Lawhon ist eine von der Kritik gefeierte New York Times-Bestsellerautorin. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vorgestellt von Library Reads, One Book One County, Indie Next, Costco, Amazon Spotlight und Book of the Month Club.
Sie lebt in den sanften Hügeln außerhalb von Nashville, Tennessee, mit ihrem Ehemann und vier Söhnen. Ariel teilt ihre Zeit zwischen Supermärkten und Baseballfeld auf.
(Schutzumschlag © Adrian & Wimmelbuchverlag GmbH Berlin, 2024)


Der gefrorene Fluss


Kategorie: Historischer Roman – USA (Maine, Oxford)
Erstausgabe: Gebunden (11/24; 560 S.)
Schlagworte: Eingeschränkte Frauenrechte, Tagebuch, Vergewaltigung, Patriarchat
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Fiktion und Realität

In diesem historischen Roman von Ariel Lawhon werden sowohl fiktive als auch reale Begebenheiten fein miteinander verwoben. Sie gewährt dem Leser bzw. der Leserin einen eindrucksvollen Einblick in eine Zeit von vor über 200 Jahren. Es ist unverkennbar, dass die Autorin viel Recherchearbeit in dieses Buch gesteckt hat.


Ein Leben für die Familie und den Beruf

Wir erfahren über das Leben von einer Hebamme und Heilerin, die Ende des 18. Jahrhunderts im US-Bundesstaat Maine gelebt hat. Martha Ballard erzählt sie aus ihrer Perspektive. Sie ist vierundfünfzig Jahre alt und seit fünfunddreißig Jahren mit Ephraim verheiratet. Sie hat in dieser Zeit neun Kinder geboren, wovon sechs überlebt haben. Drei ihrer Kinder starben an Diphterie. Eine Krankheit, die auch der »Würgeengel der Kinder« genannt wurde. Liebe, Zusammenhalt, Verständnis füreinander aber auch für andere Personen kommen immer wieder zum Ausdruck.

In verschiedenen Rückblenden über mehrere Jahrzehnte verteilt, erfahren wir mehr über das Leben der Ballards. Fünf ihrer sechs Kinder leben noch zu Hause. Lucy, die älteste Tochter ist ausgezogen. Sie ist verheiratet und hat schon sieben Kinder. Ihr Sohn Cyrus kann nicht sprechen und verständigt sich mit Zeichensprache oder macht Notizen auf einem Zettel. Martha hängt in ihren Gedanken immer wieder dem eigenen Ende nach.


Ein eiskalter Winter

Die Geschichte wird verteilt über sechs harte Wintermonate von November bis April, beginnend im Jahr 1789 erzählt. Ein eiskalter November führt dazu, dass der Kennebec River schnell zufriert. Man entdeckt die Leiche eines Mannes im Fluss. Nach der Bergung wird Martha Ballard gerufen, um die Todesursache festzustellen. Für sie ist schnell klar, dass es sich um Mord handelt. Eindeutige Strangulationsmerkmale am Hals deuten auf Erhängen hin. Doch der neue Arzt in der Kleinstadt Hallowell, Dr. Benjamin Page, geht von einem Unfalltod aus. Es wird weder ein Seil noch ein Strick gefunden, der Marthas These bestätigen würde. So leicht gibt sie aber nicht auf und will beweisen, dass sie Recht hat.

Eine junge Frau wurde vergewaltigt und aus Scham möchte sie zunächst nicht darüber sprechen. Mit ihrer einfühlsamen Art gelingt es Martha jedoch, dass die Frau sich ihr gegenüber öffnet. Sie erfährt, dass es sich bei dem Vergewaltiger um den Mann handelt, der jetzt tot aus dem Fluss geborgen wurde.


Lesen und Schreiben – ein Privileg

Von ihrem Mann hat sie Lesen und Schreiben gelernt. Die Rechte der Frauen sind sehr stark eingeschränkt, aber ihre Arbeit ermöglicht Martha eine besondere Stellung in der Gesellschaft. Feder, Tinte und ein Tagebuch, in dem sie ihre Arbeiten als Hebamme und Heilerin niederschreibt, sind ihre ständigen Begleiter. Manchmal teilt sie dem Leser/der Leserin mit, was sie im Tagebuch niedergeschrieben hat (Passagen im Buch kursiv geschrieben).


Bildgewaltige Figurenzeichnung

Die Figur der Martha Ballard wird bildgewaltig beschrieben. Sie ist eine Frau am Rande der gehobenen Gesellschaft, die sich weigert, aufgrund ihres Standes die ihr zugedachte traditionelle Rolle zu akzeptieren. Ihre Arbeit als Hebamme und Heilerin hilft ihr dabei, diese Barrieren zu durchbrechen. Sie führt einen ständigen Kampf für Gerechtigkeit und die Gleichberechtigung von Frauen. Aber auch unter den weiteren Personen kann man sich etwas vorstellen. Das beinhaltet auch die nicht so prominenten Figuren in diesem Buch.

Das Buch besticht durch ein überzeugendes Setting. Die Kapitel sind nicht übermäßig lang und werden immer mit dem Ort der Handlung überschrieben. Manchmal wird einem Kapitel ein Shakespeare-Zitat vorangestellt, um auf die folgenden Ereignisse hinzuweisen.


Fazit

Hier wird eine bewegende Geschichte erzählt, die ohne Klischees eine große emotionale Wirkung erzielt. Der Schreibstil ist flüssig und intensiv. Ariel Lawhon ließ sich von realen Ereignissen inspirieren, anstatt auf ihnen basierend zu schreiben, wie sie es ausdrückt. 
Die Handlung ist teils kriminalistisch, aber auch gesellschaftskritisch. Dabei steht ein mögliches Verbrechen und dessen Aufklärung nicht unbedingt im Mittelpunkt. Das Buch kommt ohne große Action und reißerische Aufmachung aus. Trotzdem gelingt es Lawhon von Beginn an, Spannung aufzubauen, die bis zum Ende anhält.
Man könnte den Inhalt des Buches als eine 
»biografische Fiktion« bezeichnen. Auch wenn das Nachwort über mehrere Seiten geht, sollte man es lesen. Es beinhaltet sehr viel Wissenswertes in Bezug auf diese Geschichte. Liebhaber von historischen Romanen werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Das Buch ist sehr zu empfehlen.

Mittwoch, 18. Juni 2025

Löhnig, Inge – Der Spieler

Über die Autorin

Inge Löhnig wurde 1957 in München geboren und wuchs in einem Dorf in unmittelbarer Nähe auf. Nach dem Fachabitur studierte sie an der Akademie U5 in München Grafikdesign. Es folgte eine Berufstätigkeit als Artdirectorin in verschiedenen Werbeagenturen.
Das ursprüngliche Hobby Schreiben wurde zum Zweitberuf, als sich 2007 der Ullstein-Verlag für ihre Romane interessierte. Seit 2008 erschienen die Romane um den Kriminalhauptkommissar Konstantin Dühnfort.
Seit ihre Romane regelmäßig auf der SPIEGEL-Online-Bestsellerliste erscheinen, widmet sich Inge Löhnig ausschließlich dem Schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.
(Quelle: Wikipedia)


Der Spieler


Kategorie: Kriminalroman – München, Passau, Oslo
Erstausgabe: Paperback (09/24; 448 S.)
Schlagworte: Häusliche Gewalt, Kindesmisshandlung, Inobhutnahme, Rache
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️/5


Fortsetzung der Dühnfort-Reihe

Nach einer vierjährigen Pause, in der die Autorin Romane unter ihrem Pseudonym Ellen Sandberg veröffentlicht und die sich Inge Löhnig bei der Kommissar-Dühnfort-Reihe verordnet hat, ist 2024 der 10. Band dieser Serie erschienen. Mittlerweile leitet Dühnfort keine Mordkommission in München mehr, sondern ist stellvertretender Leiter der Operativen Fallanalyse (OFA).


Eine Serie von Mordfällen

Der Kriminalroman erzählt in drei nicht zusammenhängenden Handlungssträngen, die teilweise bis weit in die Vergangenheit zurückreichen. Einer davon ist in chronologisch aufeinander folgende Abschnitte aufgeteilt und jeweils mit »14. Dezember 2021, Binz auf Rügen« überschrieben. Eine Emilia (Emi) Wegemann wird von einem Mann in ihrem Yogastudio überwältigt, gefesselt und mit einem Messer bedroht. Sie soll herausfinden, woher sie ihn kennt, und hat dafür 10 Fragen und drei Joker zur Verfügung. Sollte sie den Mann nicht wiedererkennen, kostet es ihr Leben.

In einem weiteren Handlungsstrang wird von Mordfällen berichtet. Es gibt auffällige Gemeinsamkeiten, die auf einen Serientäter hinweisen. Sehr mysteriös dabei ist der Tod eines deutschen Rentnerehepaares in der Nähe von Oslo, der zunächst wie Selbstmord erscheint. Schließlich ist in einem dritten Handlungsstrang von Jasmin Schneider die Rede, die eine gewaltvolle Kindheit erlebt und mit ihrer Familie gebrochen hat. Damals hat sie Zuflucht in einem Heim gefunden. Sie lebt autark in einer Jurte (Nomadenzelt) in Bayern. Psychologische Elemente bereichern in allen drei Abschnitten den Plot.


OFA hat keine Berechtigung zum Ermitteln

Dühnfort fühlt sich sichtlich unwohl bei der OFA. Er will nicht am Arbeitsplatz sitzen und Fakten zusammentragen, während eine SOKO mit den Ermittlungen feststeckt. Nebenbei ist zu erfahren, dass er bei seinem letzten Fall nur knapp mit dem Leben davongekommen ist und deshalb den Wechsel vollzogen hat, nicht zuletzt aus Liebe zu seiner Familie.


Ermittlungen im Alleingang

Obwohl Dühnfort bei der OFA keine Berechtigung hat, in Fällen selbst die Initiative zu ergreifen und zu ermitteln, forscht er nach und findet weitere Todesfälle, die als Selbstmorde oder Unfälle getarnt sind. Insgesamt fünf Todesfälle weisen im Zeitraum von Oktober 2021 bis September 2023 Gemeinsamkeiten auf. Dühnfort ist überzeugt davon, dass die Morde eine Serie sind, aber niemand seiner Vorgesetzten glaubt ihm. Seine Alleingänge führen zu Kompetenzgerangel und bringen ihm fast ein Disziplinarverfahren ein, obwohl er die richtigen Verbindungen entdeckt hat und miteinander verknüpft.


Privates wird zu stark thematisiert

Die »Beziehungskiste« zwischen Konstantin (Tino) Dühnfort und seiner Frau Gina Angelucci kommt fast in jedem Kapitel an irgendeiner Stelle zur Sprache. Diese beiden Figuren sind ohne Tiefgang entwickelt. Ihre kleine Tochter Chiara ist ebenfalls ein ständiges Thema. Das hat mir am Setting nicht gefallen, ebenso die übertrieben detaillierten Ausführungen an manchen Stellen (z.B.: »Ein Blatt des Ahornbaums segelte auf die Motorhaube, ein zweites folgte und dann noch eines«).


Unübersichtlicher Plot

Viele Figuren erdrücken den Leser fast und lassen diesen Kriminalroman unübersichtlich erscheinen. Einige Personen sind zudem mit vielen Klischees überzogen, was in erster Linie auf die Hauptfigur zutrifft. Der Hinweis auf einen Spielstein eines Brettspiels namens »Tikal« erzeugt zusätzlich Verwirrung. Lediglich an zwei Tatorten wird solch ein Spielstein entdeckt, der aber nicht wesentlich zur Aufklärung der Verbrechen beiträgt. Aus dieser Sicht betrachtet ist der Titel des Romans »Der Spieler« irreführend.


Fazit

Warum liest man eine Serie? Man mag den Protagonisten, seine Ermittlungen und will erfahren, wie sich die Figur weiterentwickelt. Nach dem mittlerweile 10. Fall hat sich diese Reihe meiner Meinung nach abgenutzt. Auch die Tatsache, dass Dühnfort jetzt bei der OFA arbeitet, konnte der Figur keine neuen Impulse verleihen, ganz im Gegenteil.
Der Schreibstil ist angenehm, das Buch lässt sich leicht lesen. Allerdings leidet das Setting darunter, dass das Privatleben zweier Menschen zu sehr in den Vordergrund gestellt wird.
Die einzelnen Handlungsstränge werden schlussendlich vereint, wobei Löhnig keine Fragen offenlässt und alles plausibel erläutert. 
Wer sich gut unterhalten lassen und kein brutales Blutvergießen erfahren möchte, der ist hier richtig. Auch wenn die Autorin eine Fangemeinde zu haben scheint, konnte mich dieses Buch nicht überzeugen.

Donnerstag, 17. April 2025

Craven, M.W. – Der Botaniker

Über den Autor

Der mehrfach preisgekrönte Sunday Times-Bestsellerautor M. W. Craven wurde in Carlisle geboren, wuchs aber in Newcastle auf. Er trat als Jugendlicher in die britische Armee ein. Nach zehn Jahren beim Militär begann er Sozialpädagogik zu studieren. Beinahe zwei Jahrzehnte lang arbeitete M. W. Craven als Bewährungshelfer, bevor er sich schließlich höchst erfolgreich und in Vollzeit dem Schreiben von Krimis und Thrillern widmete. Seine Kriminalromane wurden mit renommierten Krimipreisen ausgezeichnet, u.a. dem CWA Gold Dagger Award (2019) sowie dem Ian Fleming Steel Dagger Award (2022)
(Klappentext © Droemer Knaur Gmbh & Co.KG München, 2023)


Der Botaniker


Kategorie: Kriminalroman – Vereinigtes Königreich, London, Cumbria
Erstausgabe: Paperback (08/23; 560 S.)
Schlagworte: Getrocknete Blumen, Gedichte, Gift, Serienmörder
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Soldat, Bewährungshelfer, Krimiautor

Wie der norwegische Autor Jan-Erik Fjell ist auch der Brite Mike W. Craven in Deutschland lange unbeachtet geblieben. »Der Botaniker« ist bereits der fünfte Band einer Krimiserie aus Großbritannien, aber von bisher sieben Bänden ist es erst der dritte Band überhaupt, der ins Deutsche übersetzt wurde. In Anbetracht dieses überzeugenden Plots kann man nur hoffen, dass die übrigen Bände ebenfalls noch in Deutsch erscheinen werden.


Von der Gesellschaft geächtet

Kane Hunt, ein Buchautor und grauenvoller Frauenfeind, fällt während eines TV-Interviews plötzlich vom Stuhl und stirbt. Der Parlamentsabgeordnete Harrison Cummings ist korrupt und hat Vergnügungsreisen auf Kosten der Steuerzahler unternommen. Er stirbt, obwohl er nach einer Morddrohung Personenschutz hatte. Karen Royal-Cross ist eine Aktivistin, die öffentlich gegen Asylanten hetzt. Sie wird nach einer Morddrohung ins Krankenhaus in eine streng bewachte Hochrisiko-Isolierstation eingeliefert. Aber auch das kann ihr Leben nicht retten. Was verbindet diese drei Personen miteinander außer der Tatsache, dass sie in gewisser Weise den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen?

Alle drei werden Opfer eines perfiden Mörders. Der sogenannte »Botaniker« schickt ihnen vorab merkwürdige Gedichte und legt eine getrocknete Blume bei. Anschließend vergiftet er sie. Die Frage ist: Wie gelingt es ihm, an seine Opfer heranzukommen?


Kurioses Ermittlerteam

Der »Botaniker« wird von der Serious Crime Analysis Section (SCAS) gejagt. Dahinter verbirgt sich eine Einheit der National Crime Agency (NCA), die u.a. Serienmörder verfolgt. Die Einheit wird von Detective Inspector Stephanie Flynn geleitet. Die Hauptfigur in diesem Kriminalroman ist allerdings Detective Sergeant Washington Poe, früher der Vorgesetzte von Flynn, jetzt ist sie seiner. Poe ist ein ausgezeichneter Ermittler, aber zynisch und gegenüber Vorgesetzten disziplinlos. Das hatte auch seine vorübergehende Suspendierung vom Dienst zur Folge.

Des Weiteren spielt die Profilerin Matilda »Tilly« Bradshaw bei der SCAS eine tragende Rolle. Sie ist hochintelligent, hat drei verschiedene Doktortitel, ist aber sozial unbeholfen, in sich gekehrt und unglücklich mit ihrem Leben. In Poe findet sie eine Stütze, die ihr Halt gibt. Erfrischende Dialoge zwischen Poe und Tilly verleiten nicht selten zum Schmunzeln.


Ein parallellaufender Fall

Estelle Doyle ist eine hervorragende Pathologin und eine Koryphäe auf dem Gebiet der Rechtsmedizin. Sie ist mit Poe befreundet. Manchmal flirtet sie mit Poe, was ihm zwar gut gefällt, aber gleichzeitig weiß er nicht, wie er sich ihr gegenüber verhalten soll. Er führt privat ein zurückgezogenes Leben mit seinem Spaniel Edgar in einer einsamen Hütte.

Estelle soll ihren Vater getötet haben und sämtliche Indizien weisen darauf hin. Sie wird wegen Mordes verhaftet. Poe ist im Zwiespalt: Auf der einen Seite soll er im Fall des Giftmörders ermitteln und auf der anderen Seite will er die Unschuld von Doyle (wovon er überzeugt ist) beweisen.


Zwei Locked-Room-Fälle zum Miträtseln

Ein clever konstruierter Plot mit einem klaren Setting. Craven lässt die Leser lange Zeit im Unklaren darüber, was die einzelnen Taten für einen Hintergrund haben. Wer steckt dahinter und wie hat es der Giftmörder angestellt, an seine Opfer heranzukommen? Es geht hier um Verbrechen in zwei Locked-Room-Fällen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die Aufklärung wird durch eine präzise Ermittlungsarbeit und einige glückliche Umstände vorangetrieben.

Die einzelnen Kapitel gehen nahtlos ineinander über, was keineswegs zu einem Spannungsabfall führt, ganz im Gegenteil. Die Figuren sind mit Tiefgang entwickelt. Was waren die Voraussetzungen, um die Morde so durchzuführen? Dafür hat Craven im Vorfeld des Buches exakt recherchiert.


Fazit

Beim Lesen bekommt man schnell ein Gefühl für die britische Mentalität. Der Schreibstil ist mal zynisch und mal schaurig, aber an manchen Stellen auch voller Humor und dann wieder launisch.
Ist man einmal in der Hälfte angelangt, möchte man das Buch gar nicht mehr zur Seite legen. Die Spannung nimmt explosionsartig zu.
Mike W. Craven sollte man auf jeden Fall im Blick behalten. Nach diesem überzeugenden Kriminalroman möchte man mehr von ihm lesen.

Montag, 17. Februar 2025

Grisham, John – Bestechung

Über den Autor

John Ray Grisham Jr. wurde 1955 in Jonesboro, Arkansas geboren. Er ist ein US-amerikanischer Bestseller-Autor, Rechtsanwalt und demokratischer Politiker. Er schreibt primär Justizthriller und Kriminalromane.
1991 gab Grisham seinen Beruf als Anwalt und seine politischen Ämter auf, um nur noch als Schriftsteller zu arbeiten.
1996 kehrte Grisham als Anwalt in den Gerichtssaal zurück und erstritt für seine Mandanten Schadensersatz in Höhe von 683.500 US-Dollar – der höchste Urteilsspruch seiner anwaltlichen Karriere.
Grisham lebt zusammen mit seiner Familie auf einer Farm in Oxford, Mississippi, und einer Plantage in der Nähe von Charlottesville, Virginia.
(Quelle: Wikipedia auszugsweise, 2025)


Bestechung


Kategorie: Kriminalroman, Justiz – USA, Florida
Erstausgabe: Taschenbuch (04/22; 464 S.)
Themen u.a.: Korruption, Bestechung, Whistleblower, Komplott
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️


Eine Berufsaufsicht über Richter

Ein Korruptionsfall ungeahnten Ausmaßes beschäftigt das Board on Judicial Conduct (BJC). Das Board ist eine Berufsaufsicht über Richter in Florida und tritt in Erscheinung, wenn der Verdacht auf standeswidriges Verhalten besteht. Die Anwälte Lacy Stoltz und Hugo Hatch nehmen die Ermittlungen auf. Das BJC kann lediglich ermitteln ohne weitere Befugnisse. Stellen sich Anschuldigungen als wahr heraus, muss das FBI den Fall übernehmen.


Lacy und Hugo sind nicht nur beruflich miteinander verbunden. Sie treffen sich auch oft bei privaten Anlässen. Während Lacy alleinstehend lebt, ist Hugo verheiratet und hat vier Kinder. Insbesondere die Verbindung zwischen Lacy und ihrem Bruder Gunnar finde ich suspekt. Er mischt sich in die Ermittlungen ein. Die Figuren und deren Beziehungen zueinander sind mir aus privater Sicht gesehen zu ausführlich beschrieben. Die Figur von Gunnar wirkt für meine Begriffe überzeichnet.

 


Der Whistleblower

Ramsey Mix, ehemals Rechtsanwalt, dem die Lizenz entzogen wurde und der eine Zeitlang im Bundesgefängnis saß, nimmt Kontakt zu den beiden Ermittlern vom BJC auf. Bei nachfolgenden Treffen nennt er sich plötzlich Greg Myers. Der Whistleblower möchte aus Angst unerkannt bleiben und liefert Fakten über einen Mittelsmann an Myers. Fakten, die die amtierende Bezirksrichterin Claudia McDover der Bestechlichkeit beschuldigen und das, obwohl McDover einen tadellosen Leumund hat.

Es wird vermutet, dass der Whistlerblower in irgendeiner Beziehung zu der Richterin steht. Nur so kann die Person an die Informationen gelangen. Whistleblower leben gefährlich. Das hätte man noch genauer herausarbeiten können.


Eine Spur führt zum indigenen Stamm der Tappacola

Die Spuren lassen sich zurückverfolgen bis zu dem Kasino Treasure Key, dass von dem indigenen Stamm der Tappacola betrieben wird. Indigene Kasinos sind Spielbanken, die unabhängig von der Kontrolle der Bundesregierung der USA betrieben werden. Alle Kasinos in Florida werden von Indigenen geführt und sichert den Ureinwohnern in den Vereinigten Staaten das Recht zu, sich selbst zu verwalten und zu regieren. Sie können eigene Gesetze erlassen, die den Rechten der Bundesstaaten widersprechen. Das hat Grisham sehr gut beschrieben.

Ein Verbrechersyndikat terrorisiert das Reservat und kontrolliert das Kasino. Ihnen kommt dabei zugute, dass die Tappacola wegen des Glücksspiels zerstritten sind. Lacy und Hugo werden in eine Falle gelockt und sie merken viel zu spät, dass die Ermittlungen eine Nummer zu groß für sie sind. Ein Unfall mit verheerenden Folgen macht dies deutlich.

In besagtem Kasino verschwinden pro Jahr mindestens acht Millionen Dollar spurlos. Am profitabelsten dabei ist der Blackjack-Tisch mit der Box Nummer BJ-17. Es besteht der Verdacht, dass sich die Richterin und der Boss des Verbrechersyndikats Vonn Dubose das Geld unter sich aufgeteilt haben.


Sitzt ein Unschuldiger in der Todeszelle?

In einem zweiten Handlungsstrang geht es um einen gewissen Junior Mace. Er soll seinen besten Freund Son Razko und seine Frau Eileen in flagranti erwischt und erschossen haben. Die beiden Freunde hatten gemeinsam einen Widerstand gegen den Bau des Kasinos angeführt. Aufgrund der Indizien wurde Mace vor Gericht zum Tode verurteilt. Es war der erste Mordprozess, bei dem Richterin McDover den Vorsitz innehatte und Mace zum Tode verurteilt. Dabei taucht die Vermutung auf, dass der Prozess von McDover gezielt gesteuert wurde, um die wahren Täter zu decken.


Fazit

Wer bei diesem Buch einen Justizroman erwartet mit Gerichtsverhandlung, Geschworenen-Jury sowie Anklage und Verteidigung, kommt hier nicht auf seine Kosten. Im Fokus steht eine angeblich korrumpierte Bezirksrichterin, die durch einen Whistleblower zu Fall gebracht werden soll.
Bei diesem Roman handelt es sich um eine fiktive Erzählung, die uns interessante Details mit einem wahren Hintergrund liefert; so z.B. in welchen Fällen die Berufsaufsicht für Richter tätig wird, was es mit den indigenen Kasinos auf sich hat und wie sie funktionieren und dass diese Reservate ihre eigene Executive haben. Auch das Whistleblower-Gesetz und was dahintersteckt, wird angesprochen.
Die großen Spannungsmomente fehlen in diesem Roman. Man tut sich zu Beginn schwer, in die Story einzutauchen und den Faden aufzunehmen. Irgendwann ist man dann drin in der Erzählung und wartet auf eine Überraschung – vielleicht sogar eine grundlegende Wendung. Die tritt mit einer Ausnahme aber nicht ein. Allerdings bleiben am Ende auch keine Fragen offen. Ich vergebe drei von fünf Sternen.