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Sonntag, 2. August 2026

Hannah, Kristin – Die Nachtigall

Über die Autorin

Kristin Hannah wurde am 25. September 1960 in Garden Grove, Südkalifornien geboren. Von 1986 bis 1983 arbeitete sie als Rechtsanwältin in Seattle. Erste literarische Versuche fielen in ihre Studienzeit. 1991 erschien ihr Debütroman »A Handful of Heaven«. Mittlerweile ist sie eine preisgekrönte Bestsellerautorin von über 20 Romanen, darunter der internationale Bestseller »Die Nachtigall«, der 2015 von Goodreads (amerikanische Website für Social Cataloging) zum besten historischen Roman gekürt und im selben Jahr mit dem begehrten Publikumspreis für den besten Roman ausgezeichnet wurde. Das Buch wurde ein Welterfolg.
Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrem Mann, einem Filmrechtehändler, auf einer kleinen Insel im Pazifik.


Die Nachtigall


Autorin: Kristin Hannah
Titel: Die Nachtigall 
Genre: Historischer  Roman
Erscheinungsdatum: 09. Oktober 2017
Seitenzahl: 611
Verlag: Aufbau Verlag
Preis: 15,95 € (Geb. Buch über Amazon); 14,00 € (Taschenbuch); 10,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 97/100)


Zwei unterschiedliche Schwestern

Die Geschichte wird in zwei verschiedenen Zeitebenen sowie aus der Sicht zweier Schwestern erzählt. Die Erzählung beginnt 1995 irgendwo an der Küste von Oregon. Eine alte Frau lebt seit fast fünfzig Jahren dort. Sie erzählt aus ihrer Sicht, was sie im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Sie denkt an die Menschen, die sie verloren hat – sie sind tot. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, um wen es sich bei der Frau handelt.

Der Einstieg in die Geschichte ist geschickt gewählt. Im weiteren Verlauf springt die Handlung mehrmals wieder in die Gegenwart im Jahr 1995. Man erfährt dabei weitere Details aus dem bisherigen Leben dieser Person und entwickelt eine gewisse Vorahnung, um wen es sich dabei handelt. Dieses Setting zieht einem sofort in seinen Bann.

Zurück in die Vergangenheit

Nach dem Einstieg folgt ein Zeitsprung zurück in den August 1939 – kein Jahr mehr bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Paris und zur Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht. Vianne ist Lehrerin und lebt mit ihrem Mann Antoine und der achtjährigen gemeinsamen Tochter Sophie glücklich in einem eigenen Haus im Loiretal. Sophie ist ihr Ein und Alles, nachdem Vianne zwei Fehlgeburten hatte und ein kleiner Junge nach einer Woche gestorben ist. Schon früh hat sie ihr Elternhaus verlassen, nachdem die Mutter gestorben war und der alkoholsüchtige Vater sie weggeschickt hat.

Antoine bekommt die Einberufung und muss in den Krieg ziehen. Überraschend schnell nehmen die deutschen Soldaten nach einer erfolgreichen Offensive Frankreich ein. Es kommt zur Kapitulation und zu einem Waffenstillstand. Vianne hofft auf eine schnelle Rückkehr von Antoine. 

Viannes jüngere Schwester Isabelle ist genau das Gegenteil. Seit mehr als einem Jahrzehnt war sie in verschiedenen Internaten, Mädchenpensionaten und Klosterschulen untergebracht, die sie aber wegen ungebührlichen Verhaltens immer vorzeitig verlassen musste. Sie ist renitent und rebellisch. Der Vater will sie nicht im Haus haben und schickt sie zu Vianne. 

Hass auf die Nazis

Nach der deutschen Besatzung ist das Leben für die einheimische Bevölkerung sehr schwer. Es sind überwiegend Frauen, Kinder und Alte, die Männer sind längst in den Krieg gezogen. Die Zurückgebliebenen haben kaum etwas zu essen, da die Deutschen alles einkassieren. Ab dem frühen Abend herrscht eine Ausgangssperre und die Offiziere quartieren sich in die fremden Häuser und Wohnungen ein. Ein deutscher Hauptmann beansprucht eine Unterkunft im Haus von Vianne und Antoine. Isabelle kocht vor Wut und bringt sich und ihre Schwester durch ihre Äußerungen in Gefahr. Sie hasst die Boches (Anm.: Diffamierende französische Bezeichnung für Deutsche).

Jede leistet auf ihre Weise Widerstand

Isabelle lehnt sich gegen die Belagerung der Deutschen auf und schließt sich einer Widerstandsgruppe an. Sie führt abgeschossene Bomber-Piloten der Alliierten über einen beschwerlichen Gebirgspfad der Pyrenäen von Frankreich nach Spanien, wo sie in Sicherheit sind. Isabelle fährt anschließend mit dem Zug zurück. Diese »Führungen« finden mehrmals in der Woche statt. Isabelle ist jetzt Juliette Gervaise mit dem Decknamen »Nachtigall«. Schon bald sind die Nazis auf der Spur der »Nachtigall«.

Aber auch ihre ältere Schwester Vianne ist willensstark und will ihre Familie beschützen, doch der Preis ist hoch, den sie dafür zahlen muss. Sie will Sophie eine gute Mutter sein. Sophie und der kleine Daniel sollen sich trotz aller Entbehrungen wohl fühlen. Ari (Daniel) hat sie in ihre Obhut genommen, nachdem die Gestapo dessen Mutter und Viannes beste Freundin Rachel verhaftet hat. In der Klosterschule versteckt und betreut sie jüdische Kinder. Sie erträgt ein gehöriges Maß an Leid und muss dabei tatenlos zusehen, wie gute Freunde und Bekannte nach und nach aus ihrem Blickfeld verschwinden.

Es werden die tragischen Erlebnisse der beiden ungleichen Schwestern Vianne und der jüngeren Isabelle detailliert beschrieben. Beide Schwestern sind in ihrem Wesen so unterschiedlich, aber in ihrem Willen sehr stark. Beide kämpfen auf ihre Weise für die Freiheit. Das unermessliche Leid der Franzosen während der Deutschen Besatzung kommt bildgewaltig zum Ausdruck. Die Autorin glänzt neben ihren erzählerischen Fähigkeiten mit einer starken Figurenzeichnung, auch bei den weniger prominenten Figuren. Zudem wird der zweite Weltkrieg aus der Sicht des besetzten Frankreichs perspektivisch aufgearbeitet.

Eine unendlich traurige Geschichte

Zum Ende hin schließt sich der Kreis und man ist wieder in der Gegenwart im Jahr 1995 angekommen. Die alte Frau – von der wir nun wissen, um wen es sich handelt – fliegt gemeinsam mit ihrem Sohn Julien nach Paris. Sie hat eine Einladung zu einem Treffen bekommen. Hier spricht sie über den Krieg und wir erfahren, was aus ihrer Familie und ihren Freunden geworden ist.


Fazit

Dieser emotionale Roman von Kristin Hannah ist erstmals 2015 in den USA unter dem englischen Originaltitel »The Nightingale« erschienen und wurde zu einem Weltbestseller. Die fiktive Geschichte beruht zum Teil auf historischen Ereignissen und tatsächlich damals existenten Personen. Hannah hat den Roman in Anlehnung an Andrée de Jongh geschrieben. De Jongh war Angehörige der belgischen Résistance im Zweiten Weltkrieg.
Die Erzählung ist geprägt von Liebe, großem Leid, Hoffnung und Zuversicht, aber auch von Schuld, Vergebung, Verlust und großer Traurigkeit. In einigen Passagen erinnert der Roman etwas an Ariel Lawhon’s »Codename Hélène«, wo ebenfalls das besetzte Frankreich im zweiten Weltkrieg eine tragende Rolle gespielt hat. Es ist ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann, wenn man einmal angefangen hat, es zu lesen.

Quellenangaben
Text über die Autorin und Andrée de Jongh: Wikipedia
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Fluchtpfad über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien
 

Freitag, 20. Februar 2026

Lawhon, Ariel – Codename Hélène

Über die Autorin
Ariel Lawhon ist eine gefeierte New York Times-Bestsellerautorin historischer Romane. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und waren in der Auswahl von Library Reads, Indie Next, One Book One County, Costco und Book of the Month.
Sie lebt mit ihrem Ehemann, vier Söhnen, einem schwarzen Labrador und einer verrückten Siamkatze in den sanften Hügeln außerhalb von Nashville, Tennessee. Ariel teilt ihre Zeit zwischen Supermärkten und Baseballfeld auf.


Codename Hélène


Autorin: Ariel Lawhon
Titel: Codename Hélène
Genre: Historischer Roman
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 21. November 2025
Verlag: Adrian Verlag

Preis: 22,00 € (Gebundenes Buch)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5

 

Authentizität und Fiktion

Nach ihrem großen Erfolg mit dem auf teilweise wahren Begebenheiten basierenden Roman »Der gefrorene Fluss« hat Ariel Lawhon mit der gebürtigen Neuseeländerin Nancy Wake erneut eine authentische Figur zum Leben erweckt. »Codename Hélène« ist ein fiktiver Roman, der auf wahren Kriegsereignissen des zweiten Weltkrieges basiert. Was man aus Nancys Sicht erfährt, erzählt die Protagonistin in der Ich-Form, sowohl aus dem erzählenden als auch aus dem erlebenden »Ich«.

Harter Job, schlechte Bezahlung

Nancy Wake arbeitet als freie Journalistin für die europäische Niederlassung der Hearst Newspaper Group in Frankreich. Ihre Schwerpunkte sind die Politik, gelegentlich der Sport. Für sie ist es eine Genugtuung, als der amerikanische Sprinter Jesse Owens 1936 bei den olympischen Spielen in Berlin Hitlers beste Läufer düpiert und die Goldmedaille gewinnt. Und sie berichtet auch darüber, als das Luftschiff »Hindenburg« aufsteigt und über die Felder fliegt. Ein Wunderwerk, entweiht durch ein schwarzes Hakenkreuz auf jeder Seite des Schiffsrumpfes.

Als Nancy den reichen französischen Industriellen Henri Fiocca in Marseille kennen- und später lieben lernt, fällt es ihr nicht schwer, ihren Beruf aufzugeben. Ein Job, für den sie hart arbeitet und der schlecht bezahlt wird. Anerkennung bekommt sie ebenfalls nicht. Fiocca ist ein Herzensbrecher und Lebemann, auf den die Frauen fliegen. Er ist von Anfang an fasziniert von der jungen Frau. Als Henri und Nancy 1939 heiraten, ist sie Mitte zwanzig und er dreizehn Jahre älter. Es wird für Henri und Fiocca die Liebe ihres Lebens. Ein Schicksalsschlag in den Wirren des Krieges wird dies alles ändern.

Hitlers Angriff auf die Welt

Im September 1939 überfällt Hitler Polen. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges steht unmittelbar bevor. Hauptgegner des nationalsozialistischen Deutschen Reiches sind Frankreich und das Vereinigte Königreich mit den Commonwealth-Staaten. Frankreich wird 1940 von den Nazis besetzt.

La Souris Blanche

Nancy Wake ist die am meisten gefürchtete Spionin und Fluchthelferin von den Braunhemden während der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Während dieser Zeit steigt sie zur höchstdekorierten weiblichen Militärangehörigen auf. Nancy ist eine Nazi-hassende loyale Untertanin der Krone. Sie ist furcht- und empathielos, wenn es die Situation erfordert.

Nancy kann kalt, grausam und empathielos sein, wenn es um die Sache geht, wobei sie keine Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit nimmt. Auf der anderen Seite ist sie die liebende, gefühlsbetonte und einfühlsame Ehefrau, die ihren Ehemann Henri über alles liebt. Diese beiden unterschiedlichen Blickwinkel hat Lawhon sehr gut herausgearbeitet.

Sie hat sich in dieser Zeit verschiedene Identitäten zugelegt, die sie je nach Bedarf benutzt. Für Madame Andrée, oder Mademoiselle Lucienne Suzanne Carlier hat sie die entsprechenden Ausweispapiere. Am gefährlichsten wird es für sie, wenn sie unter dem Namen Carlier als Fluchthelferin unterwegs ist. Zum Ende des Kriegs flieht sie nach England und lässt sich vom britischen Nachrichtendienst Special Operations Executive (SOE) für Spezialeinsätze anwerben und ausbilden. Sie ist als ausgebildete britische Agentin mit dem Decknamen Hélène in Frankreich im Einsatz.

Weil sie sich immer wieder einer Verhaftung entziehen kann, nennt die Gestapo sie »La Souris Blanche« (Die weiße Maus). Auf ihre Ergreifung ist ein Kopfgeld von fünf Millionen Francs ausgesetzt.

Figuren mit Wiedererkennungswert

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Figuren von Nancy Wake und Henri Fiocca authentisch sind. Auch den im Roman erwähnten Obersturmführer Wolff gab es. Er war General der Waffen-SS. Ein gefürchteter Schlächter und zudem Verbindungsoffizier der SS zu Hitler. Das Nancy eine erbitterte Kämpferin für die Résistance gegen die Nazis während des zweiten Weltkrieges war, ist ebenfalls überliefert. Sie wurde als furchtlose Anführerin verehrt und respektiert. Auch ihre damaligen Weggefährten bis auf eine Figur hat es tatsächlich gegeben. Die Geschichte darum ist jedoch der rein fiktiven Erzählung von Ariel Lawhon geschuldet.


Fazit

Ein Roman, der so gewaltig geschrieben ist wie sein Inhalt und dessen Geschehnisse sowohl über Nancys Kampf gegen die Nazis, die Widerstände bei den Franzosen, die Überführung von Flüchtlingen nach Spanien oder die Spionagetätigkeiten für die Briten wiedergeben.
Lawhon versteht es meisterhaft, historische Begebenheiten mit fiktiver Erzählkunst so zu verbinden, dass man darüber nachdenken muss, was ist real und was fiktiv.
Ein kleiner Kritikpunkt sei angebracht. Der Plot ist in fünf Abschnitte unterteilt. Sowohl die fünf Teile als auch die einzelnen Kapitel sind nicht chronologisch aufgebaut, sondern springen zeitlich vor und zurück. Allerdings helfen die Überschreibungen mit Datumsangaben, sich zu orientieren. 
Am Ende des Buches gibt es einige hilfreiche Anmerkungen der Autorin. Viele der Beschreibungen und Ereignisse sind Nancys Autobiografie entnommen. Jedoch legt die Autorin Wert darauf, dass ihr Buch ein fiktionales Werk ist und keine Biografie.
 
Quellenangabe
Text über die Autorin: Schutzumschlag © Adrian & Wimmelbuchverlag GmbH Berlin, 2025

Dienstag, 16. September 2025

Lawhon, Ariel – Der gefrorene Fluss

Über die Autorin

Ariel Lawhon ist eine von der Kritik gefeierte New York Times-Bestsellerautorin. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vorgestellt von Library Reads, One Book One County, Indie Next, Costco, Amazon Spotlight und Book of the Month Club.
Sie lebt in den sanften Hügeln außerhalb von Nashville, Tennessee, mit ihrem Ehemann und vier Söhnen. Ariel teilt ihre Zeit zwischen Supermärkten und Baseballfeld auf.
(Schutzumschlag © Adrian & Wimmelbuchverlag GmbH Berlin, 2024)


Der gefrorene Fluss


Kategorie: Historischer Roman – USA (Maine, Oxford)
Erstausgabe: Gebunden (11/24; 560 S.)
Schlagworte: Eingeschränkte Frauenrechte, Tagebuch, Vergewaltigung, Patriarchat
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Fiktion und Realität

In diesem historischen Roman von Ariel Lawhon werden sowohl fiktive als auch reale Begebenheiten fein miteinander verwoben. Sie gewährt dem Leser bzw. der Leserin einen eindrucksvollen Einblick in eine Zeit von vor über 200 Jahren. Es ist unverkennbar, dass die Autorin viel Recherchearbeit in dieses Buch gesteckt hat.


Ein Leben für die Familie und den Beruf

Wir erfahren über das Leben von einer Hebamme und Heilerin, die Ende des 18. Jahrhunderts im US-Bundesstaat Maine gelebt hat. Martha Ballard erzählt sie aus ihrer Perspektive. Sie ist vierundfünfzig Jahre alt und seit fünfunddreißig Jahren mit Ephraim verheiratet. Sie hat in dieser Zeit neun Kinder geboren, wovon sechs überlebt haben. Drei ihrer Kinder starben an Diphterie. Eine Krankheit, die auch der »Würgeengel der Kinder« genannt wurde. Liebe, Zusammenhalt, Verständnis füreinander aber auch für andere Personen kommen immer wieder zum Ausdruck.

In verschiedenen Rückblenden über mehrere Jahrzehnte verteilt, erfahren wir mehr über das Leben der Ballards. Fünf ihrer sechs Kinder leben noch zu Hause. Lucy, die älteste Tochter ist ausgezogen. Sie ist verheiratet und hat schon sieben Kinder. Ihr Sohn Cyrus kann nicht sprechen und verständigt sich mit Zeichensprache oder macht Notizen auf einem Zettel. Martha hängt in ihren Gedanken immer wieder dem eigenen Ende nach.


Ein eiskalter Winter

Die Geschichte wird verteilt über sechs harte Wintermonate von November bis April, beginnend im Jahr 1789 erzählt. Ein eiskalter November führt dazu, dass der Kennebec River schnell zufriert. Man entdeckt die Leiche eines Mannes im Fluss. Nach der Bergung wird Martha Ballard gerufen, um die Todesursache festzustellen. Für sie ist schnell klar, dass es sich um Mord handelt. Eindeutige Strangulationsmerkmale am Hals deuten auf Erhängen hin. Doch der neue Arzt in der Kleinstadt Hallowell, Dr. Benjamin Page, geht von einem Unfalltod aus. Es wird weder ein Seil noch ein Strick gefunden, der Marthas These bestätigen würde. So leicht gibt sie aber nicht auf und will beweisen, dass sie Recht hat.

Eine junge Frau wurde vergewaltigt und aus Scham möchte sie zunächst nicht darüber sprechen. Mit ihrer einfühlsamen Art gelingt es Martha jedoch, dass die Frau sich ihr gegenüber öffnet. Sie erfährt, dass es sich bei dem Vergewaltiger um den Mann handelt, der jetzt tot aus dem Fluss geborgen wurde.


Lesen und Schreiben – ein Privileg

Von ihrem Mann hat sie Lesen und Schreiben gelernt. Die Rechte der Frauen sind sehr stark eingeschränkt, aber ihre Arbeit ermöglicht Martha eine besondere Stellung in der Gesellschaft. Feder, Tinte und ein Tagebuch, in dem sie ihre Arbeiten als Hebamme und Heilerin niederschreibt, sind ihre ständigen Begleiter. Manchmal teilt sie dem Leser/der Leserin mit, was sie im Tagebuch niedergeschrieben hat (Passagen im Buch kursiv geschrieben).


Bildgewaltige Figurenzeichnung

Die Figur der Martha Ballard wird bildgewaltig beschrieben. Sie ist eine Frau am Rande der gehobenen Gesellschaft, die sich weigert, aufgrund ihres Standes die ihr zugedachte traditionelle Rolle zu akzeptieren. Ihre Arbeit als Hebamme und Heilerin hilft ihr dabei, diese Barrieren zu durchbrechen. Sie führt einen ständigen Kampf für Gerechtigkeit und die Gleichberechtigung von Frauen. Aber auch unter den weiteren Personen kann man sich etwas vorstellen. Das beinhaltet auch die nicht so prominenten Figuren in diesem Buch.

Das Buch besticht durch ein überzeugendes Setting. Die Kapitel sind nicht übermäßig lang und werden immer mit dem Ort der Handlung überschrieben. Manchmal wird einem Kapitel ein Shakespeare-Zitat vorangestellt, um auf die folgenden Ereignisse hinzuweisen.


Fazit

Hier wird eine bewegende Geschichte erzählt, die ohne Klischees eine große emotionale Wirkung erzielt. Der Schreibstil ist flüssig und intensiv. Ariel Lawhon ließ sich von realen Ereignissen inspirieren, anstatt auf ihnen basierend zu schreiben, wie sie es ausdrückt. 
Die Handlung ist teils kriminalistisch, aber auch gesellschaftskritisch. Dabei steht ein mögliches Verbrechen und dessen Aufklärung nicht unbedingt im Mittelpunkt. Das Buch kommt ohne große Action und reißerische Aufmachung aus. Trotzdem gelingt es Lawhon von Beginn an, Spannung aufzubauen, die bis zum Ende anhält.
Man könnte den Inhalt des Buches als eine 
»biografische Fiktion« bezeichnen. Auch wenn das Nachwort über mehrere Seiten geht, sollte man es lesen. Es beinhaltet sehr viel Wissenswertes in Bezug auf diese Geschichte. Liebhaber von historischen Romanen werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Das Buch ist sehr zu empfehlen.

Dienstag, 16. April 2024

Nore, Aslak – Die Falck-Saga (# 1)

Über den Autor

Aslak Nore, geboren 1978 in Oslo, studierte an der Universität Oslo und an der New School for Social Research in New York. Er war Soldat im norwegischen Elitebataillon Telemark in Bosnien und arbeitete als Journalist im Nahen Osten und in Afghanistan. In Norwegen hat er mehrere Sachbücher und vier Romane veröffentlicht. »Meeresfriedhof« ist der erste Band einer literarischen Thriller-Serie (Anm.: hier irrt der Verfasser; es handelt sich um einen Roman und keineswegs um einen Thriller) rund um die Familie Falck und wurde in vielen Ländern ein Bestseller. Nore lebt mit seiner Familie in der Provence.
(Klappentext © Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) Köln, 2024)


Meeresfriedhof

Ausgabe: Paperback mit Klappentext (04/24; 544 S.)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️


Die Gier nach Macht und Reichtum

Der Roman ist ein gewaltiges Familien-Epos, bei dem es um Intrigen, Erbstreitigkeiten und heimliche Verbindungen, aber auch um Kollaboration, Widerstand und Politik geht.

Die Nachkommen des Reeders Thor »Store-Thor« Falck aus seiner ersten Ehe leben in Bergen. Seine zweite Frau Vera und dessen Sohn Olav sowie deren Familienangehörige leben auf dem Anwesen Rederhaugen bei Oslo. Der abgebildete Stammbaum auf einer der vorderen Seiten hilft dabei, die einzelnen Familienmitglieder besser zuordnen zu können. Eine prima Idee des Autors.

Beide Linien sind zerstritten. Die Oslo-Linie um Vera und Olav ist wohlhabend und hat gute Verbindungen in Wirtschaft und Politik. Die Bergen-Linie um Hans Falck ist verarmt.

Aus verschiedenen Zeitebenen und Handlungssträngen bekommen wie nähere Informationen. Da es hierbei keine chronologische Reihenfolge gibt, ist es nicht ganz leicht, dem Geschehen zu folgen.

Zentrale Themen sind ein Manuskript namens »Meeresfriedhof« und ein Testament. Beide Schriftstücke wurden von Vera Falck verfasst und sind zunächst verschwunden. Doch zunächst der Reihe nach.

1940 sinkt das Passagierschiff »Prinsesse Ragnhild« während des zweiten Weltkriegs nach einer Explosion im Meer. Es ist unklar, ob das Schiff von einer britischen Mine getroffen wurde, oder ob die Explosion durch einen Sprengsatz auf dem Schiff ausgelöst wurde. Mit an Bord befindet sich u.a. der Reeder Thor »Store-Thor« Falck. Seine Frau Vera und ihr kleiner Sohn Olav, die ebenfalls an Bord sind, überleben wie durch ein Wunder das Unglück.

Nach dem Krieg gründet Vera von dem Verkaufserlös der Falck-Reedereien eine Firma und die SAGA-Stiftung. Ihr Sohn und späterer Familienpatriarch Olav Falck hat ein gewaltiges Imperium mit großem Vermögen aufgebaut.

Aus der Bergen-Linie lernen wir nur Hans Falck näher kennen. Der war schon öfters im Nahen Osten als Militärarzt tätig. Dort lernt er Berg kennen. John Omar Berg, ein Mann mit militärischer Ausbildung, wurde schon überall an brenzligen Plätzen im Nahen Osten als »Operator« eingesetzt. Als er im Gefängnis landet, verhilft ihm Hans Falck zur Freiheit. Falck hat gute Beziehungen. Aber der verlangt eine Gegenleistung von Berg. Der soll eine Biographie über Hans schreiben.

Vera hat eine historische Dokumentation über den Untergang der »Prinsesse Ragnhild« und über die Kriegsereignisse ein Manuskript mit dem Titel »Meeresfriedhof« verfasst. Nach Veras Selbstmord sucht deren Enkelin Alexandra, genannt Sasha, nach dem Skript. Sasha ist die Tochter von Olav. In diesem Manuskript könnte Vera über Ereignisse berichten, die offensichtlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollen.

Kurz vor ihrem Selbstmord hatte sich Vera das Testament vom Amtsgericht aushändigen lassen. Dieses bleibt zunächst verschwunden. Sowohl Olav Falck als auch seine Tochter Sasha haben Bedenken, dass Vera das bisherige durch ein neues Testament zu ihren Ungunsten ersetzt haben könnte. Und warum hat Vera Selbstmord begangen? Hat es etwas mit »Meeresfriedhof« oder dem Testament zu tun?

Wir lernen im Verlauf der Erzählung die wichtigsten Familienmitglieder und weitere Personen kennen. Der Autor beschreibt die Figuren mit ihren Stärken und Schwächen, so dass man sich einen Eindruck über die Charaktere verschaffen kann. Dabei ist es mir nicht gelungen, eine Beziehung zu irgendeiner Person aufzubauen. Ich empfand alle Beteiligten unsympathisch, die einen mehr und die anderen weniger.

Fazit:

Dies ist ein wundervoller Roman, der die volle Konzentration des Lesers erfordert. Und trotzdem oder gerade deswegen hat es mir ein besonderes Vergnügen bereitet, »Meeresfriedhof« zu lesen.
Authentisch ist die Existenz des Passagierschiffes »Prinsesse Ragnhild« und der Untergang des Schiffes nach einer Explosion während des zweiten Weltkrieges. Existent sind auch die meisten Namen von Orten und Städten. Die deutschen Widerstandskämpfer an Bord sind authentisch nachempfunden. Alles wirkt stimmig und gut recherchiert.
Aslak Nore hat es hervorragend verstanden, verschiedene Zeitebenen und Schauplätze sowie Authentizität und Fiktion miteinander zu verbinden.
Das vorläufige Ende ist ein Cliffhanger, der eine »Brücke« zu Band 2 »Felsengrund« baut. Das ist Aslak Nore gut gelungen.

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Fallada, Hans – Kleiner Mann - was nun?

Über den Autor

Hans Fallada wurde unter seinem richtigen Namen Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen 1893 in Greifswald als Sohn eines hochrangigen Justizbeamten geboren und starb 1947 in Berlin.
Er wird als mäßiger bis schlechter Schüler beschrieben, schüchtern bis ängstlich ohne nötiges Selbstvertrauen.
In seinem bewegten Leben gab es viele Nackenschläge. Angefangen bei einer Störung der Adoleszenz, einem versuchten Suizid, einer Morphium- und Alkoholsucht bis hin zu kriminellen Delikten und einer Gefängnisstrafe.
Er befasste sich in seinen Büchern hauptsächlich mit gesellschaftskritischen Themen. Anschauliche Milieustudien und eine überzeugende Charakterzeichnung machten seine Romane aus.
Er lebte während der Zeit des Faschismus zurückgezogen in Mecklenburg als unerwünschter, lediglich geduldeter Autor.


Kleiner Mann - was nun?

Ausgaben Originalfassung: Gebundenes Buch (06/16; 557 S.); Taschenbuch (08/17; 557 S.)


5 / 5 ⭐️

Eine junge Familie am Rande des Untergangs
 

Dieser Roman ist eine hervorragende Milieustudie, die überwiegend im Berlin der 30er-Jahre spielt. Wer sich für deutsche Zeitgeschichte interessiert, sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen. In lediglich vier Monaten hat Fallada dieses Buch geschrieben.

Die ganze Tragweite dieser Epoche kommt zum Ausdruck. Die Weltwirtschaftskrise steuert auf ihren Höhepunkt zu und die Weimarer Republik neigt sich dem Ende entgegen. Die Nationalsozialisten erstarken immer mehr und stehen kurz vor der Machtergreifung. Die Arbeitslosigkeit nimmt rasant zu. Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich wird immer deutlicher. Vor diesem Hintergrund wird das Schicksal der kleinen Familie Pinneberg stellvertretend für eine ganze arme Bevölkerungsschicht in Deutschland erzählt.

Johannes Pinneberg (23 Jahre, gelernter Buchhalter) und Emma Mörschel (22 Jahre, ohne Beruf) leben beide in Ducherow, einem kleinen Dorf im heutigen Landkreis Vorpommern-Greifswald. Sie begegnen sich zufällig bei einem Spaziergang in den Dünen und schnell kommen sie sich näher. Emma wird schwanger und die beiden heiraten. Im weiteren Verlauf wird Emma Johannes nur »Junge« nennen und er sagt »Lämmchen« zu ihr. Sowohl während der Schwangerschaft als auch nach der Geburt wird der kleine Sohn »Murkel« genannt. Ein einziges Mal wird sein richtiger Name Horst erwähnt.

In Ducherow wohnen sie gemeinsam in einer Dachwohnung zur Untermiete. Pinneberg hat Arbeit bei einem Getreidehändler, die er aber aufgrund schwacher Auftragslage verliert. Sie ziehen in die Großstadt nach Berlin, wo sie zunächst in einem Zimmer bei Pinnebergs Mutter wohnen.

Er findet Arbeit als Verkäufer in der Konfektionsabteilung des jüdischen Kaufhauses Mandel. Dort läuft es zunächst gut für Pinneberg und sie finden eine Mansardenwohnung, die gerade ausreichend zum Wohnen ist.

Aber auch bei Mandel ändern sich die Zeiten. Die Verkaufslage stagniert und die Geschäftsleitung führt eine tägliche Verkaufsquote ein. Als Pinneberg bei einem Kunden übergriffig wird, da er ihm unbedingt etwas verkaufen will, um seine Quote zu erreichen, beschwert sich der Kunde und Pinneberg wird fristlos entlassen.

Sie ziehen in eine Gartenlaube eines ehemaligen Arbeitskollegen und Freund von Pinneberg. Dort leben sie fortan von Pinnebergs Arbeitslosengeld und kleinen Handarbeiten, die Lämmchen bei fremden Leuten verrichtet.

Es hat mich beeindruckt, wie Fallada die beiden Hauptpersonen aber auch andere Figuren in deren Umfeld charakterisiert hat. Pinneberg ist oft wütend und aufbrausend – er ist mental schwach und lebt in ständiger Angst, dass er arbeitslos wird und die kleine Familie nicht mehr genügend Geld zum Leben hat. Ganz anders Lämmchen, denn sie ist die Starke in dieser Ehe. Sie gibt ihrem Jungen immer wieder Halt, tröstet und beruhigt ihn. Auch in Zeiten ihrer Schwangerschaft, als sie mehr Unterstützung nötig gehabt hätte.

Im Gegensatz zu den meisten Büchern überschreibt Fallada die einzelnen Kapitel nicht mit einer Zahl oder einer Person, sondern er beschreibt in kurzen Stichworten, was den Leser als nächstes erwartet. Zudem hat Fallada eine Gliederung im Stil eines Theaterstücks seinen Kapiteln übergeordnet (Vorspiel – Die Sorglosen; Erster Teil – die kleine Stadt; Zweiter Teil – Berlin; Nachspiel – Alles geht weiter).

Vieles, was Fallada schrieb, war zeitkritisch. Er widmete sich in seinen Büchern gesellschaftskritischen Themen. Sein vierter Roman »Kleiner Mann – was nun?« wurde 1932 erstmals in einer gekürzten Fassung veröffentlicht und verschaffte ihm den Durchbruch als Schriftsteller. Das Buch wurde ein Welterfolg.

Aus heutiger Sicht handelte es sich bei den damaligen Streichungen im Originalmanuskript um das Lokalkolorit der auslaufenden zwanziger und beginnenden dreißiger Jahre. Vor dem Hintergrund politischer Ereignisse und der wirtschaftlichen Lage sollten mögliche Irritationen vermieden werden.

 

Fazit:

Der Titel des Buches könnte nicht besser gewählt sein, obwohl das Ursprungsmanuskript noch mit »Der Pumm« überschrieben war.
Sowohl die Schreibweise als auch der Schreibstil sind für heutige Verhältnisse gewöhnungsbedürftig, man muss sich darauf einlassen, um Spaß am Lesen dieser Lektüre zu haben. Es werden Begriffe verwendet, die man so heute nicht mehr benutzt oder nicht kennt (bspw. »Er hat gesohlt« anstelle von »Er hat gelogen«).
Orthografie und Interpunktion folgen bei dieser Neufassung der neuen deutschen Rechtschreibung.
Auch sogenannte Cliffhanger kommen vor, wobei es zu dieser Zeit diesen Begriff nicht gab (Bsp.: Pinnebergs Freund Heilbutt verschwindet plötzlich von der Bildfläche; einige Episoden später wird wieder von ihm die Rede sein, da er den Pinnebergs seine Laube vermietet).
Für mich eindeutig eine Fünf-Sterne-Bewertung.

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Grangé, Jean-Christophe – Die marmornen Träume

Über den Autor

Jean-Christophe Grangé wurde 1961 in Paris geboren. Als freier Journalist war er für verschiedene Zeitungen tätig (u.a. Sunday Times, El Pais, Spiegel, Stern).
Schon mit seinem ersten Buch »Der Flug der Störche« (1996) gelang ihm der internationale Durchbruch als Schriftsteller. Er gilt als Meister des französischen Thrillers. Seit über 25 Jahren schreibt er immer wieder Thriller, die zu Bestsellern geworden sind und zum Teil auch verfilmt wurden (z.B. »Die purpurnen Flüsse«).
Mit dem historischen Berlin-Thriller »Die marmornen Träume« hat er eine ganz neue Richtung eingeschlagen.
Grangé ist verheiratet und hat drei Kinder.
(Stand: 2023)


Die marmornen Träume

Ausgaben: Gebundenes Buch (02/23; 688 S.); Taschenbuch (03/24; 688 S.)


5 / 5 ⭐️

Die Rache der Verlorenen
 

Wer schon mehr Bücher von diesem Autor gelesen hat, wird erstaunt sein, dass er sich hier einem anderen Thema zuwendet. Aber auch mit diesem historischen Thriller setzt er wieder auf außergewöhnliche Spannung, was ihm meines Erachtens auch sehr gut gelungen ist.

Er charakterisiert drei Hauptfiguren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese Protagonisten, die zwischen 1932 und 1942 immer wieder auftauchen, mal gemeinsam und mal auf sich allein gestellt, sind Simon Kraus (Gigolo, Psychiater, kleinwüchsig, zynisch und verbittert); Franz Beewen (Soldat, Nazi durch und durch, SS-Hauptsturmführer bei der Gestapo); Minna von Hassel (Psychiaterin, alkoholsüchtig, leitet eine Anstalt für kranke und irre Seelen).

Und doch haben sie zwei große gemeinsame Ziele: Sie möchten zum einen möglichst unbeschadet die Kriegswirren überstehen. Zum zweiten möchten sie einen mit einer Maske (die eine marmorierte Struktur aufweist), getarnten Serienmörder auffinden und unschädlich machen. Dieser Mörder sucht sich Damen der feinen Gesellschaft als Opfer aus. Aber was hat das für einen Hintergrund?

Berlin befindet sich 1939 kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Aber niemand scheint sich im Nazi-Deutschland darüber bewusst zu sein oder verdrängt die Situation, mit Ausnahme der Gestapo und der SS. Im Hotel Adlon in Berlin treffen sich die feinen Damen der Nazi-Oberen.

Schnell macht sich Angst breit, nachdem in kurzen Abständen vier weibliche Opfer ermordet aufgefunden werden, die allesamt den sogenannten Adlondamen angehörten. Sie waren alle in Behandlung bei dem Psychoanalytiker Simon Kraus und alle vier waren schwanger. Kraus verführt zwar seine Klientinnen, aber sie sind nicht von ihm geschwängert worden. Vielmehr erpresst er sie mit Geldforderungen, um so ihr Schweigen zu erkaufen. Das macht ihn verdächtig, und er gerät ins Visier der Gestapo. SS-Hauptsturmführer Franz Beween leitet die Ermittlungen und überprüft die Alibis von Kraus. Schnell stockt die Suche nach einem Verdächtigen, zumal man Kraus nichts nachweisen kann.

Der Autor legt in seinen Erzählungen immer wieder falsche Fährten, um vom wahren Mörder abzulenken. Viele Personen werden verdächtigt, die Ermittlungen laufen jedoch zunächst ins Leere.

Es ist eine Fügung des Schicksals, dass sich die Wege von Franz Beween, Simon Kraus und Minna von Hassel kreuzen. Sie schließen sich zu einem Zweckbündnis zusammen. Sie verfolgen ein gemeinsames Ziel – sie wollen den mit einer Maske getarnten Mörder – den Marmormann –  überführen.

Der Plot endet im Jahr 1942 längst nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Eroberung von Polen, wo sich Beween als Soldat nahe der Front, Kraus als behandelnder Psychiater von traumatisierten Soldaten und Minna v. Hassel in einem Lazarett für verwundete Soldaten im Kaukasus wieder vereinen. Sie verfolgen eine heiße Spur. Werden sie den Mörder vielleicht hier aufspüren und zur Strecke bringen können?


Fazit:

Mit diesem Buch hat Grangé eine neue Richtung eingeschlagen.
Seine Erzählweise ist spektakulär, er beschreibt sehr detailliert die Gräueltaten der Nazizeit, wenn auch nicht alles authentisch ist. Eine hervorragende Charakterisierung der einzelnen Figuren ist dem Autor wichtig.
Der Schutzumschlag des Buches zeigt die Silhouette einer geschundenen Frauenleiche in blutroter Farbe. Die Grafik finde ich aussagekräftig und sehr gelungen.
Der Thriller ist gut durchdacht, ein steigender Spannungsbogen wird erzeugt und es liest sich flüssig. Fünf Sterne erscheinen mir daher gerechtfertigt.

Dienstag, 1. August 2023

Aicher, Petra - Fräulein Anna (2)

Über die Autorin

Petra Aicher ist das Pseudonym von Petra Grill. Sie wurde 1972 in München geboren, lebt und arbeitet in Erding. Petra Grill ist ausgebildete Buchhändlerin. Unter ihrem richtigen Namen veröffentlichte sie 2020 ihren ersten Roman „Oktoberfest 1900“, der es auf Anhieb auf die Bestsellerliste schaffte. Sie recherchiert Geschichte und Geschichten von München und widmet sich dem Schreiben von historischen Romanen, sowohl unter ihrem richtigen Namen als auch unter dem Pseudonym Petra Aicher.
(Stand: 2023)

 

Fräulein Anna, Gerichtsmedizin (Band 2):

Die Schwabinger Morde

Ausgabe: Paperback mit Klappentext (07/23)


3 / 5 ⭐️

 

Nichts ist, wie es vorher war

Dieser historische Roman spielt zwischen der Kaiserzeit und dem Ausbruch des Krieges. Vor acht Wochen wurde Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich in Sarajevo erschossen. Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, der 1. Weltkrieg bricht aus.

Zwei Themenschwerpunkte beinhaltet das Buch. Zum einen die Morde im Münchner Stadtteil Schwabing und zum anderen der 1. Weltkrieg. Die Autorin hat gut herausgestellt, wie die anfängliche Euphorie in der Heimat nach und nach in Angst, Verzweiflung und Empörung umschlägt. Dabei sind die Schwabinger Anarchisten und die Giesinger Sozialisten auf Feindschaft eingestellt. Der Schwiegervater von Friedrich von Weynand allerdings profitiert in der Heimat von diesem Krieg, da er Rüstungsmaterial produziert.

Bei den Ermittlungen hat man sich auf eine Person fokussiert, die sich sowohl als Täter als auch als mögliches Opfer (?) wie ein roter Faden durch den Inhalt zieht. Viel zu lange hat man einseitig in diese Richtung ermittelt und dabei andere Spuren außer Acht gelassen.
 
Anna Zech und der verheiratete Friedrich von Weynand sind freundschaftlich miteinander verbunden, wobei Friedrich sich wünschen würde, dass es mehr als nur eine Freundschaft wäre. Sie suchen gemeinsam ganz im Sinne von Detektiven nach dem Mörder und unterstützen dabei die Polizei.

Anna kommt aus ärmlichen Verhältnissen und arbeitet als Assistentin in der Münchner Gerichtsmedizin der königlichen Anatomie und der aus gehobenen Kreisen stammende Friedrich ist als Klatschreporter unter dem Pseudonym Fritz Nachtwey für seinen Generalanzeiger des Öfteren im Einsatz.

Allerdings wirft es kein gutes Licht auf die Münchner Polizei, dass ausgerechnet diese beiden „Hilfssheriffs“ den richtigen Weg zur Lösung des Falls finden.


Fazit:

Eigentlich habe ich dieses Buch gelesen, um meinen Horizont zu erweitern. Harte Thriller im Stil eines Chris Carter oder eines Simon Beckett sind eher mein Genre. Trotzdem hoffe ich, dass ich in dieser Rezension der Autorin mit einer einigermaßen guten Bewertung gerecht werden kann.
Petra Aicher passt den Schreibstil der Zeit an und beschreibt die einzelnen Figuren mit ihren Stärken und Schwächen.
Was mir nicht so gut gefallen hat, ist das Abdriften in den bayerischen Dialekt bei einigen Ausdrücken, die wohl dazu dienen sollen, dem Leser den Ort der Handlung immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Ich hätte mir auch gewünscht, dass es mehr Verdächtige gegeben hätte, um die Handlung noch spannender zu gestalten.
Hier gibt es meiner Meinung nach noch Luft nach oben und ich vergebe 3 von 5 Sternen.