Mittwoch, 4. November 2026

Zeh, Juli – Pony Show

Über die Autorin

Juli Zeh wurde 1974 unter ihrem bürgerlichen Namen Julia Barbara Finck in Bonn geboren. Sie hat in Passau und Leipzig Jura studiert. Promotion in Europa- und Völkerrecht. Schon ihr Debütroman »Adler und Engel« (2001) wurde zu einem Welterfolg. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Heinrich-Böll-Preis (2019). Im Jahr 2018 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Seit 2019 ist sie ehrenamtliche Verfassungsrichterin in Brandenburg. Obwohl die Amtszeit regulär erst 2029 enden soll, hat sie ihr Amt vorzeitig niedergelegt. Als Grund gibt sie hohe Arbeitsbelastung an.


Autorin: Juli Zeh
Titel: Pony Show
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 14. Oktober 2026
Seitenzahl: 512
Verlag: Luchterhand Literaturverlag

Preis: 25,00 € (Gebundenes Buch); 23,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️
⭐️ (Score 84/100) 

 

Judikative und Literatur

Juli Zeh hat sich Zeit gelassen mit der Veröffentlichung eines neuen Romans. Nach »Zwischen Welten«, den sie 2023 gemeinsam mit Simon Urban veröffentlicht hat, ist nun ihr neuer Roman »Pony Show« erschienen. Da dieses Buch von einer promovierten Juristin und Romanautorin geschrieben wurde ist es naheliegend, dass dessen Inhalt vor Gericht und in der Literaturszene spielt. Der Inhalt ist geprägt von juristischen Zügen, beschreibt aber auch sehr kritisch die Stellung der Frauen in unserer Gesellschaft.


Die Verlegerin und ihr Protegé

Bethany (Betty) Hell vom renommierten Hamburger Lysander-Verlag ist eine erfolgreiche Verlegerin über 50, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, prominent und intellektuell. Sie ist verheiratet mit Patrick, einem Lehrer. Sie haben einen volljährigen Sohn namens Yven, mit dem sie zusammen in einer Wohnung im angesagten Stadtteil Hamburg-Eppendorf wohnen. Juli Zeh hat die Figur der Betty als ambivalente Figur gezeichnet.

Betty wird auf einen jungen Mann im Verlag aufmerksam. Fero Lebed ist neu und talentiert. Schon bald macht sie ihn zu ihrem persönlichen Assistenten, nimmt ihn mit auf Veranstaltungen und überträgt ihm sogar eigene Lektorate. Das erzeugt Neid im Verlag. Sie protegiert ihn und es entwickelt sich mit der Zeit trotz eines Altersunterschieds von über zwanzig Jahren eine Amour fou zwischen den Beiden. Irgendwann überwiegt der Schmerz, aber der Absprung gelingt nicht. Plötzlich ist Fero verschwunden und mit jedem Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder auftaucht.

Betty ist viel unterwegs, meist beruflich. An einem Samstag fährt sie von Hamburg nach Wien. Nach einer Übernachtung geht es weiter Richtung Ungarn. Es ist unklar warum? Bei einer Personenkontrolle an der ungarischen Grenze entdecken die Zollbeamten in Bettys Gepäck eine Handfeuerwaffe und über hunderttausend Euro Bargeld. Da sich an der Waffe Feros Blut befindet und es sich bei dem Geld um »Blüten« handelt, wird sie verhaftet.

Sie schweigt darüber, was sie vorhatte. Betty sitzt daraufhin mehrere Wochen in Untersuchungshaft – erst in Wien, dann in Hamburg. Sie wird wegen Mordes angeklagt und der Fall landet vor dem Hamburger Landgericht. Die Anklage lautet auf Mord aus niedrigen Beweggründen.


Der Loverboy-Fall

Der Strafverteidiger Dr. Mark Steinert ist Ende dreißig. Nach dem Tod seines Vaters hat er die angesehene Kanzlei Steinert, Bossmann & Finning übernommen. Er ist glücklich verheiratet mit Laura und hat zwei kleine Kinder – Jojo und Mimi. Mark führt die Kanzlei zusammen mit seinen ehemaligen Kommilitonen Sara und Anton. Es ist der erste Mordfall für die Societät und der ist von großem medialem Interesse.


Ein Prozess gegen das weibliche Geschlecht

Die Geschichte wird überwiegend aus der Sicht von Bettys Verteidiger Mark Steinert erzählt. In Abschnitten, die mit »Bettys Geschichte« übertitelt sind, erfahren wir portionsweise von Betty aus ihrem Leben und was sich ereignet hat. Die übrigen Abschnitte handeln von dem Prozess vor Gericht. Soll Mark alles glauben, was Betty ihm erzählt? Sie verhält sich vor Gericht nicht so, wie Mark es ihr rät. Und sie hält Informationen zurück, die ihm die Verteidigung erschweren. Das macht ihn wütend, denn er ist eigentlich von der Unschuld seiner Mandantin überzeugt. Im weiteren Verlauf entwickelt sich dieser Indizienprozess immer mehr zu einem Justizdrama.


Die Wahrheitsfindung gestaltet sich schwierig

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr ändert sich das Verhalten von Mark zu seiner Mandantin. Die berufliche Beziehung weicht immer mehr einer emotionalen Nähe. Versagensängste brechen sich bei Mark plötzlich Bahn. Was ist, wenn er den Prozess verliert und Betty verurteilt wird und für immer im Gefängnis verschwindet? Der bloße Gedanke daran bringt ihn fast um den Verstand. Das Verhalten von Betty gegenüber Mark ist nichts weiter als eine Scharade.

Man wird als Leser mehrmals in die Irre geführt. Wo liegt die Wahrheit oder was wird nur als solche empfunden? Wer manipuliert hier wen? Der Roman bezieht seine Spannung in erster Linie aus der Frage, was mit dem Praktikanten Fero Lebed geschehen ist? Es ist unerheblich, was Betty getan hat oder nicht. Es geht darum, dass Frauen immer noch keine volle Selbstbestimmung genießen, schon gar nicht in sexueller Hinsicht.


Fazit

Es ist ein Roman, dessen Inhalt viel Anlass zu Diskussionen geben dürfte – vielleicht auch teilweise spaltet. In einer fiktionalen Form geht es um die Wahrheitsfindung. 
Respekt und Ignoranz in Bezug auf das Geschlecht spricht die Autorin in der Handlung gezielt an. Des Weiteren doziert Zeh in ihrem Buch darüber, dass mächtige Frauen gerne als Karrierefrau, Zicke, Mannweib, Emanze o.ä. bezeichnet werden – während Männer in gehobenen Positionen einfach Männer sind. Wie sehr ist dabei Frauenhass in unserer Gesellschaft verankert?
Die Umkehr der Verhältnisse der Geschlechter zueinander spielt eine nicht unerhebliche Rolle. In der Regel sind ältere Chefs und jüngere Mitarbeiterinnen oft emotional oder sexuell miteinander verbunden. Zeh beschreibt jedoch die umgekehrte Variante.

Quellenangaben
Text über die Autorin: 
© Wikipedia (Stand: 10/26)
Verlagsseite: © Luchterhand Literaturverlag 
Rezensionstext: © V. Kaiser

Samstag, 24. Oktober 2026

Link, Charlotte – Kalte Tage

Über die Autorin

Charlotte Link wurde 1963 als eine von zwei Töchtern des promovierten Juristen Horst Link und der Autorin Almuth Link in Frankfurt am Main geboren. Sie gehört zu den kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Als aktive Tierschützerin engagiert sie sich für PETA und für Straßenhunde in der Türkei und in Spanien. Sie gibt zudem Sprachkurse für Flüchtlinge. Link lebt mit ihrem Lebensgefährten in Wiesbaden.



Autorin: Charlotte Link
Titel: Kalte Tage (Kate-Linville-Reihe #6)
Genre: Thriller

Erscheinungsdatum: 23. September 2026
Seitenzahl: 624
Verlag:
Blanvalet Verlag
Preis: 26,00 € (Gebundenes Buch); 22,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️
⭐️⭐️ (Score 93/100) 

Reihenfolge (mit einem Klick zur Verlagsseite):

    1. Die Betrogene (nicht gelesen)
    
2. Die Suche (nicht gelesen)
    
3. Ohne Schuld (nicht gelesen)
    
4. Einsame Nacht (nicht gelesen)
    5. Dunkles Wasser (nicht gelesen)
    6. Kalte Tage
 

Verstörende Ereignisse

In einer eiskalten Winternacht kurz nach dem Jahreswechsel geschehen schreckliche Dinge in Scarborough an der englischen Nordostküste. Eine junge Frau wird entführt und taucht nicht wieder auf. Heftiger Schneefall und klirrende Kälte werden dauerhafte Begleiter über den gesamten Plot. Diese Atmosphäre hat Link eindrucksvoll eingefangen.

Die Erzählung ist in verschiedene Handlungsstränge unterteilt. Alles beginnt damit, dass sich die zweiundzwanzigjährige Gillian Tremblay auf einem Datingportal mit einem Mann verabredet und sich mit ihm trifft. Die Mutter wartet auf die Rückkehr ihrer Tochter. Mitten in der Nacht steht plötzlich ein Fremder in ihrem Haus. Am darauffolgenden Morgen liegt ein Mann erschossen in seinem Zuhause und die Tochter ist verschwunden.

In der gleichen Nacht wird ein Autofahrer vermisst, der eine junge Frau und einen Mann mitgenommen hat, deren Auto auf einer Landstraße mit einer Panne liegengeblieben war. Eine andere Frau wartet vergeblich auf ihren Mann. Sie erzählt in der Ich-Form und gibt dabei einen Einblick in ihre Gedanken und in ihre Gefühlswelt. Man erfährt dabei, dass ihr Mann des Öfteren in der Vergangenheit gewalttätig ihr gegenüber war. Das Leben mit ihm ist das reinste Martyrium. Sie durchlebt ein Trauma.

Aus einer weiteren Perspektive erfährt man, dass eine junge Frau mit zwanzig Jahren an Blutkrebs gestorben ist. Die Mutter und die siebzehnjährige Schwester Nadia kommen mit der Situation nicht zurecht. Nadia fühlt sich gefangen in dem häuslichen »Käfig«. Sie nimmt über eine Dating-App Kontakt zu einem Mann auf und trifft sich mit ihm. Er sieht ganz anders aus als auf dem Foto und ist auch viel älter. Nach dem Treffen besteht er darauf, sie nach Hause zu fahren. Schon bald darauf wird eine weitere junge Frau vermisst.


Ein neuer Fall für DI Kate Linville

DI Kate Linville übernimmt gemeinsam mit ihrem neuen Partner DCI Andrew Seymour die Ermittlungen. Sie stoßen nach gründlicher Recherche auf die Spur eines Täters, der keine Skrupel kennt. Er verfolgt dabei ein bestimmtes Ziel. Wenn ihm jemand in die Quere kommt, setzt er seine Interessen mit einer unheimlichen Brutalität durch und schreckt dabei auch nicht vor einem Mord zurück.

Nach welchen Kriterien wählt der Täter seine Opfer aus? Gibt es einen Zusammenhang und Verbindungen zwischen den einzelnen Personen? Es tauchen immer wieder neue Fragen auf. Erst nach und nach bekommt man einen Überblick und erkennt die latente Gefahr. 


Zwei Ermittler mit beschädigter Seele

Linville hat ein Problem damit, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu stellen. Oft steht sie neben sich. Nach einem schweren menschlichen Verlust kommt sie nur leidlich mit der Situation klar. Ihr ehemaliger Kollege Detective Chief Inspector Caleb Hale ist tot. Vor zweieinhalb Jahren ist er an einer Schusswunde verblutet und sie konnte ihn nicht retten. Für Kate war er mehr als nur ein Kollege.

Wie Kate kämpft auch Andrew mit seiner Vergangenheit. Er erwähnt ihr gegenüber schlimme Folterungen, denen er als Undercover-Agent ausgesetzt war, nachdem seine wahre Identität aufgedeckt wurde und er nur knapp dem Tod entronnen ist. Seitdem ist er ein anderer Mensch.


Das Ringen um einen Neuanfang

Die Autorin nimmt sich viel Zeit, den Charakter ihrer Protagonistin zu beleuchten. In ihrem Beruf arbeitet Kate furchtlos und zielorientiert, aber privat ist sie in sich gekehrt und wirkt eher unsicher im Kontakt mit anderen Menschen. Immer wieder ist sie in Gedanken bei Caleb Hale. Sie zieht in ein Haus an der nordenglischen Küste, um Abstand zu gewinnen. Dieses Haus ist ihr aber von Anfang an fremd. Die Umzugskartons bleiben unausgepackt. Ein weiteres Indiz dafür, in welchem Gemütszustand sie sich befindet.

Kate fällt es schwer, sich bei den Ermittlungen auf die Unterstützung von DCI Andrew Seymour einzulassen. Mit Beharrlichkeit und Einfühlungsvermögen gelingt es diesem jedoch, Kates Widerstand langsam zu brechen. Es dauert lange, bevor sie sich Andrew gegenüber öffnen kann.

Der Thriller macht schon ziemlich zu Beginn kein Geheimnis daraus, wer für die brutalen Taten verantwortlich ist. Für die Polizei ist klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Diese Annahme ist zu diesem Zeitpunkt vielleicht verfrüht!? Die Spannung wird über die Suche nach dem Täter und den Geschehnissen währenddessen aufgebaut. Als Kate die richtigen Schlüsse zieht, gerät sie selbst in Lebensgefahr.


Fazit

Hoffnung, Verlust und menschliche Abgründe spielen eine große Rolle in diesem Thriller. Charlotte Link legt dabei ihr Hauptaugenmerk auf Trauerbewältigung. Wie leben Personen nach dem Tod eines geliebten Menschen weiter? Das beleuchtet Link nicht nur bei der Figur der Ermittlerin Kate Linville, sondern auch bei Personen aus anderen Handlungssträngen.
Es gelingt Charlotte Link meisterhaft, die verschiedenen Perspektiven mit schockierenden Erkenntnissen zu einem komplexen Fall zusammenzuführen.
Obwohl das bereits der sechste Fall der Kate-Linville-Reihe ist und wiederkehrende Figuren in den Handlungen vorkommen, sind die Fälle eigenständig und können somit ohne Vorkenntnisse gelesen werden.

Quellenangaben
Text über die Autorin: 
© Wikipedia (Stand: 10/26)
Verlagsseite: © Penguin Random House Verlage 
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt eine Szene aus dem Buch

Samstag, 17. Oktober 2026

Bailey, Anna – Unsere letzten wilden Tage

Über die Autorin

Anna Bailey wurde 1995 geboren, wuchs in Gloucestershire auf und studierte kreatives Schreiben an der Bath Spa University. Sie zog zunächst nach Texas und dann nach Colorado, wo sie in den Wäldern lebte, bevor sie nach Großbritannien zurückkehrte und als freiberufliche Journalistin arbeitete. 2018 belegte sie einen Schreibkurs bei Curtis Brown Creative und verfasste dort ihren ersten Roman, »Tall Bones«, der von ihren Erfahrungen im amerikanischen Kleinstadtleben inspiriert war. Sie lebt mit ihrem Partner in Frankreich. Ihr Roman, »Our Last Wild Days«, erschien im April 2025 bei Transworld; ihre Kurzgeschichtensammlung »Wasteland Girls« wurde im Juli 2026 veröffentlicht.



Autorin: Anna Bailey
Titel: Unsere letzten wilden Tage
Genre: Roman
Übersetzung: Julian Haefs
Erscheinungsdatum: 13. August 2025
Seitenzahl: 382
Verlag:
Rütten & Loening
Preis: 22,00 € (Gebundenes Buch); 16,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️
⭐️⭐️ (Score 97/100) 

 

Ein trostloser Ort

Anna Bailey entführt uns mit ihrem Roman in einen kleinen, abgelegenen Ort in den Sümpfen tief im Süden des US-Bundesstaates Louisiana. In Jacknife scheint die Zeit still zu stehen. Es ist ein Ort der Trostlosigkeit. Flirrende Hitze geht einher mit einer nicht zu übersehenden Trägheit der Menschen. Die hier lebende Bevölkerung ist abgestumpft gegenüber ihrer Umwelt und sie scheint diesen Zustand zu ignorieren.

Vergangenheit und Gegenwart

Arbeit gibt es nur in einer nahegelegenen Kunststofffabrik und auf der Alligatorfarm der Labasques. An einer Stelle im Buch erfährt man mehr über die Jagd und das Erlegen von Alligatoren. An anderer Stelle holt sich ein Alligator seine menschliche Beute. Als die Protagonistin Loyal May das letzte Mal hier war, war sie siebzehn. Vom Boot ihrer Freundin aus wurde sie von einem Alligator in die Hand gebissen, was eine Verstümmelung zur Folge hatte. Das alles hat Anna Bailey sehr bildgewaltig beschrieben. Überhaupt sticht die Genauigkeit in der Darstellung von Handlung und Figuren hervor.

Loyal May, die inzwischen Journalistin ist, kehrt nach Jacknife zurück, um sich um ihre demente Mutter zu kümmern. Außerdem möchte sie sich mit ihrer Kindheitsfreundin Marianne Theresa Labasque – genannt Cutter – versöhnen, nachdem Loyal Jacknife vor zehn Jahren überstürzt im Zorn verlassen hat. Doch bevor sie mit Cutter sprechen kann, wird diese in den Sümpfen tot aufgefunden.

Was ist mit Cutter geschehen?

Loyal, die ihre Stelle in Houston gekündigt und gerade ihre Arbeit bei der örtlichen Zeitung begonnen hat, beginnt selbst nachzuforschen und Fragen zu stellen. Denn niemanden außer ihr scheint es zu interessieren, was mit ihrer Freundin passiert ist, die genau wie sie als Außenseiterin galt. Über ihre Recherchen legt sich ein Netz aus Schweigen und Schuld. Sie wird mit Lügen, Geheimnissen sowie korrupten Polizeibeamten konfrontiert und erkennt fast zu spät, dass sie dabei selbst in große Gefahr gerät. Eine latente Bedrohung zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung.

Für die Polizei ist es eindeutig Selbstmord und sie stellt daher die Ermittlungen ein. Die Obduktion durch den Gerichtsmediziner ergibt, dass es unmöglich Selbstmord gewesen sein kann. Heftige Gewalteinwirkung durch einen stumpfen Gegenstand hatte eine Hirnblutung zur Folge. Dabei ist es unerheblich, ob sie ins Wasser gestürzt ist oder hineingestoßen wurde.

Die Einwohner von Jacknife wirken wenig überrascht über das, was Cutter zugestoßen ist. Als hätten sie es erwartet. Es stellt sich heraus, dass Cutter schwanger war und das Kind abtreiben wollte. Wer war der Vater und wer wollte hier etwas vertuschen?

Mit einem Abstand von zehn Jahren und einem mittlerweile neutralen Blick auf die hier lebenden Menschen und die Geheimnisse der Sümpfe wird Loyal klar, dass der Ort mit Ungereimtheiten und kriminellen Machenschaften übersät ist.

Zunächst steht die Handlung im Vordergrund, weniger die Spannung. Es ist die Atmosphäre, die eine Sogwirkung entfaltet. Im letzten Drittel zieht das Pacing dann deutlich an. Dieser Roman ist wie eine Naturgewalt.


Fazit

Es ist ein vielschichtiges Buch mit einem sehr intensiven und brutalen Inhalt. Der Schreibstil ist zum Teil derb, was der Handlung geschuldet ist. Das Setting ist atmosphärisch dicht und bildgewaltig. Es übt auf eine besondere Art und Weise eine stimmungsvolle Beklemmung aus.
Im Vorwort wird auf eine fiktive Geschichte hingewiesen, die in einer Welt verortet ist, so wie wir sie kennen. Um reale diskriminierende Gegebenheiten aufzuzeigen und die Figuren authentisch zu zeichnen, ist deren Sprache zum Teil durch rassistische und sexistische Äußerungen geprägt. Dies gibt aber nicht die Anschauung von Anna Bailey oder die des Verlags wieder.

Quellenangaben
Text über die Autorin: (aus dem Englischen übersetzt): www.curtisbrown.co.uk (Anna Bailey bitte in die Suchfunktion eingeben); www.anna-bailey.co.uk
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI generiert

Dienstag, 6. Oktober 2026

De la Motte, Anders – Rostiges Grab

Über den Autor

Anders de la Motte, geboren 1971, arbeitete mehrere Jahre als Polizist in Stockholm und in der Security-Branche, bevor er Schriftsteller wurde. 2010 erhielt er für sein Debüt »Game« den Preis der Schwedischen Akademie der Krimiautoren. Sein Roman »UltiMatum« wurde 2015 als bester schwedischer Kriminalroman ausgezeichnet. In Schweden sind seine Romane Nummer-1-Bestseller. Mit »Sommernachtstod« gelang ihm auch in Deutschland der Sprung auf die Bestsellerliste. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Malmö.


Autor: Anders de la Motte
Titel: Rostiges Grab (Leo Asker #3) 
Genre: Kriminalroman
Erscheinungsdatum: 01. Dezember 2025
Seitenzahl: 512
Verlag:
Verlagsgruppe Droemer Knaur
Preis: 17,99 € (Paperback); 12,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️
⭐️⭐️⭐️(Score 84/100)

Reihenfolge (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Stille Falle
    2. Eisiges Glas
    3. Rostiges Grab
 

Im Rostskogen lauern Gefahren

Einem Cold Case, Urban Exploration und einer uralten Legende aus der Wikingerzeit begegnen wir in De la Mottes drittem Band aus der Leo-Asker-Reihe. Er beginnt mit einem Rückblick im Jahr 1973. Der verwunschene Rostskogen ist ein versumpftes Waldgebiet an der Grenze zu Småland. Dort stoßen zwei Waldarbeiter beim Torfstechen auf eine zweitausend Jahre alte weibliche Moorleiche. Durch die Lagerung im Moor wurde sie konserviert und ist daher gut erhalten. Der Frau wurde offenbar die Kehle durchgeschnitten und an einer Hand ein Finger abgetrennt. Außerdem wurde sie mit einem Holzpflock durch die Brust gepfählt. Die Dorfbewohner geben ihr den Namen »Graumädchen«.

Was hat es mit dem Graumädchen auf sich?

Einer Legende nach wacht das »Graumädchen« über den Rostskogen. In eingeschobenen Passagen erfahren wir mehr darüber, wie sie in Urzeiten einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist und wie sie sich rächt. Der Tod ist ihr Gefährte. Der Mythos des Rostskogen und des »Graumädchens« begleitet uns über den gesamten Inhalt des Buches.

Ein weiterer Fall datiert aus dem Jahr 2013. Wieder wird im Rostskogen eine Tote in einer alten ehemaligen Torffabrik gefunden. Die zu diesem Zeitpunkt neunundzwanzigjährige Elena Resare wurde erstochen. Als Hauptverdächtigter ist ihr Mann Björn Resare in den Fokus gerückt. Der konnte leider nie gefasst werden und so ging der Fall als Cold Case in die Akten ein. Die Art und Weise, wie die Frau ums Leben kam, erinnert an die Leiche im Moor. Auffallend dabei ist, dass ihr wie beim »Graumädchen« der linke Ringfinger abgetrennt wurde. Und der taucht plötzlich wieder auf – gut erhalten in Formalin konserviert. Was hat das zu bedeuten?

Ein Cold Case für die verlorenen Seelen

Leonore Asker wird dieser Cold Case zugespielt. Kann sie ihn lösen oder nimmt sie die sich ihr bietende Chance wahr, die Abteilung der verlorenen Seelen zu verlassen und ihre Karriere durch eine Beförderung wieder in Gang zu bringen? Viel hängt davon ab, ob Asker ihre Mitarbeiter Rose, Zafer, Attila und Virgilson zur Zusammenarbeit motivieren kann. Die haben etwas von Leos Abwanderungsgedanken mitbekommen und befassen sich zunächst nur widerwillig und leidlich motiviert mit dem Fall. Diese mystisch dichte Atmosphäre verlangt Asker und ihrem Team alles ab.

Daher bittet sie Hill um Unterstützung. Obwohl ihn seine Erlebnisse aus dem letzten Fall (»Eisiges Glas«) an den Rand seiner psychischen Belastungsgrenze gebracht hat. Aktuell ist er deswegen sogar in psychischer Behandlung wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Aber da diese ehemalige Torffabrik ein idealer Lost Place für einen Urbexer wie Martin Hill ist, kann er ihr die Bitte nicht ausschlagen.

Erzählt wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen. In erster Linie aus der Sichtweise von Asker und ihrem Jugendfreund Martin Hill. Mehrmals blicken wir zurück in die Vergangenheit, wo man mehr über Askers Familie und ihren Werdegang erfährt. Für diese Art des Settings hat der Autor ein Faible. Das war schon in den ersten beiden Bänden aus dieser Reihe der Fall.

Eine alte Schuld

Anders de la Motte hat einen atmosphärisch dichten Kriminalroman mit einer überzeugenden Ermittlerin Leonore Asker geschrieben. Obwohl man schon früh erkennen kann, wer der gesuchte Mörder ist, tut das der Spannung keinen Abbruch, weil sich die Überführung des Täters intensiv gestaltet.

Das Buch endet mit einem Cliffhanger. Leos Vater Prepper-Per bittet Martin um Hilfe bei der Eintreibung einer alten Schuld. Was meint der wohl damit? Und ist Hills neue Freundin Vilde die, für die sie sich ausgibt? Mit diesem Momentum weckt der Autor das Interesse auf den kommenden Band der Reihe, wo dieser Cliffhanger hoffentlich seine Auflösung findet. Der vierte Band erscheint unter dem Titel »Nachtjäger« Anfang Dezember.


Fazit

Mit dem Setting lehnt sich der Autor an die bisher erschienen Bücher der Reihe an.  Es ist eine Mischung aus beklemmend düsterer und mystischer Atmosphäre. Wer Nordic-Noir mit einem Mix aus natürlichen und übersinnlichen Ereignissen mag, ist hier genau richtig. Der Schreibstil ist leicht, flüssig lesbar und bildgewaltig. Ab und an schleichen sich kleine Längen in den Plot ein.
Die einzelnen Kapitel haben eine überschaubare Länge und springen des Öfteren zwischen Asker und Hill, um jeweils mit einem Cliffhanger zu enden.
Da Figuren und Ereignisse aus dem vorherigen Band »Eisiges Glas« zitiert werden, empfehle ich den Vorgänger von »Rostiges Grab« zuerst zu lesen.

Quellenangaben
Text über den Autor: Verlagsgruppe Droemer Knaur
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI-generiert

Sonntag, 27. September 2026

Slaughter, Karin – Tödliches Verderben

Über die Autorin

Karin Slaughter wurde 1971 in Atlanta, Georgia geboren. In der Gegend, in der sie aufwuchs, kam es während ihrer Kindheit zu einem starken Anstieg der Kriminalitätsrate und speziell zu Kapitelverbrechen. Vor ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin war sie Inhaberin einer Werbeagentur, die sie Anfang der 2000er Jahre verkaufte. Bis dahin hatte sie fünf Romane verfasst, die nicht veröffentlicht wurden. Seit 2001 veröffentlicht die US-amerikanische Schriftstellerin international erfolgreiche Kriminalromane. Kennzeichnend für ihre Kriminalromane war von Beginn an die Beschreibung brutalster Handlungen, wie z.B. Folterungen der Opfer und Kindesmissbrauch.


Autorin: Karin Slaughter
Titel: Tödliches Verderben (North Falls #2) 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 28. Juli 2026
Seitenzahl: 560
Verlag:
Verlagsgruppe Harper Collins
Preis: 24,00 € (Gebundenes Buch); 19,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️(Score 74/100)

Reihenfolge (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Dunkle Sühne
    2. Tödliches Verderben


Fast eine Familiensaga

North Falls hat ungefähr tausend Einwohner. Die Hälfte davon trägt den Namen Clifton. Dreiundsechzig Jahre war Gerald Clifton Deputy Chief in der Kleinstadt, bis er bei einem Einsatz ums Leben kam. Seine Ehefrau Myrna Joy Clifton ist nach sieben qualvollen Jahren kurz nach ihrem Mann an Alzheimer gestorben. Eine unheimliche Belastung für den Rest der Familie. Schon vor dem Tod ihres Vaters hatte die gemeinsame Tochter Emmy die Abteilung inoffiziell als Deputy Chief übernommen. Unterstützung bekommt sie von ihrem dreiundzwanzigjährigen Sohn Cole, der ebenfalls bei der Polizei als Deputy arbeitet. Von der Bevölkerung wird Emmy allerdings nicht der Respekt und das Vertrauen entgegengebracht, wie es bei ihrem Vater der Fall war.

Ein weiteres Familienmitglied haben wir schon im ersten Band kennengelernt – Emmys Schwester Jude. Eine ehemalige FBI-Agentin, die erst vor kurzem nach langen Jahren der Abwesenheit zurückgekehrt ist. Wir erfahren von Jude, was sie damals aus North Falls weggetrieben hat. Sie bot den Einwohnern jede Menge Angriffsfläche. Sie hatte häufig wechselnde Beziehungen. Jude hat in einer Rockband gesungen, geraucht und getrunken ohne Maß und Ziel. Optisch hat sie den Eindruck eines Hippies gemacht. Warum ist sie nach so langer Abwesenheit plötzlich wieder aufgetaucht?

Wie geht es weiter mit den Cliftons

Die heile Welt der Cliftons bekommt Risse. Die Beerdigung von Myrna bringt Emmy an ihre psychischen und physischen Grenzen. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das Amt im Sinne ihres Vaters weiter ausüben kann. Es kommt zu Spannungen zwischen Jude und Emmy. Jude mischt sich immer wieder in die Ermittlungen ein. Sie analysiert die Geschehnisse und hat die richtigen Ansätze, was Emmy wütend macht. Was ist es, was Jude mit Emmy verbindet? Kann oder will sie es ihr nicht sagen? Und war Gerald der Polizist mit einem reinen Gewissen, wie es nach außen hin den Anschein hat?

Fünfundvierzig Minuten nach der Beerdigung von Myrna

Die ehemalige Polizistin und Freundin von Emmy, Allison Vickery, wird in ihrem Haus mit ihrer eigenen Waffe erschossen und ihre sechszehnjährige Tochter Mandy durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Es ist fraglich, ob sie es überleben wird. Emmy macht sich im Anschluss an die Trauerfeier von ihrer Mutter umgehend an den Tatort, um die Ermittlungen aufzunehmen.

Seitdem Allison aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist, war sie als Privatermittlerin tätig. Nach langen Jahren der Misshandlung durch ihren gewalttätigen Ehemann Bill Garrison hat sie endlich den Mut gefunden, die Scheidung einzureichen. Auch ihre Tochter Mandy wurde misshandelt. Das Mädchen hat überall am Körper blaue Flecken. Die Koffer sind gepackt und Allison will zusammen mit Mandy weg aus ihrem Haus. Könnte das ein Mordmotiv sein und wo stammen die dreihunderttausend Dollar in bar her, die auf dem Dachboden versteckt sind?

Ein Fall voller Geheimnisse

Der Fall erweist sich als äußerst komplex und vielschichtig. Es ist der Tod von Allison, der ein Netz von Lügen und Korruption zum Vorschein bringt. Irgendetwas hat der Täter im Haus von Allison und Bill gesucht. Überall liegen Rechnungen, Quittungen, Ordner und Fotos auf dem Fußboden verteilt. Die Ermittlungen drehen sich im Kreis, wobei Allisons Ehemann Bill der Hauptverdächtige ist. Emmy macht sich schwere Vorwürfe, dass sie ihrer Freundin keine Hilfe angeboten hat.

Emmy und Jude stehen im Mittelpunkt des Plots, aus deren Perspektiven die Geschichte fast ausschließlich erzählt wird. Jude bekommt dieses Mal mehr Raum als im ersten Band. Slaughter gibt uns mit der Beschreibung der Ängste und Gedanken von Emmy und Jude einen guten Einblick in die Gefühlswelt der beiden Frauen. Aber der häufige Schlagabtausch und die dynamische Entwicklung zwischen den beiden Schwestern hemmen eher die Handlung, als dass sie förderlich wären. Andere Figuren bleiben eher flach. Deren große Anzahl erweist sich zudem als Herausforderung, den Überblick zu behalten.

In einer Art Zusammenfassung bekommt man zum Ende hin die Auflösung präsentiert. Bereits bekannte Informationen werden noch einmal gebündelt dem Leser/der Leserin bewusst vor Augen geführt. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt es ungewiss, wer Allison erschossen und Mandy durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt hat. Sowohl die Klärung des Falles als auch eine Neuigkeit bei den familiären Verhältnissen der Cliftons halten eine Überraschung parat, die man so sicher nicht erwartet hat.


Fazit

Der Beginn ist schleppend und auch der Mittelteil ist eher von einem ruhigen Erzähltempo geprägt. Slaughter verliert sich im Storytelling des Öfteren übertrieben ausführlich in Details, wobei sie ein besonderes Augenmerk auf die Polizeiarbeit legt. Überlange Kapitel bremsen die Dynamik aus. Twists und Cliffhanger lässt die Autorin allenfalls sporadisch einfließen.
Die Themenpalette ist komplex. Sie reicht von häuslicher Gewalt über Korruption bei der Polizei bis hin zu Drogenkriminalität. Dieser Sumpf reicht weit bis in die Vergangenheit zurück.
Wenn man die Familiengeschichte der Cliftons außer Acht lässt, ist dieser Band der Reihe ohne Vorkenntnisse gut lesbar. Zumal man zu Beginn auf den neuesten Familienstand gebracht wird. Aus meiner Sicht war der erste Teil der North-Falls-Reihe eindeutig stärker.

Quellenangaben
Text über die Autorin: Wikipedia
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI-generiert

Montag, 14. September 2026

Newman, T. J. – Worst Case

Über die Autorin

Torri Jan Newman (geboren 1983 oder 1984), besser bekannt als T. J. Newman, ist eine US-amerikanische Autorin und ehemalige Flugbegleiterin. Newman wuchs in Mesa, Arizona, auf. Sie studierte Musiktheater an der Illinois Wesleyan University und schloss ihr Studium 2006 ab.
Nach ihrem Studium zog Newman nach New York City, um eine Schauspielkarriere zu verfolgen, blieb dabei jedoch erfolglos. Nach zwei Jahren kehrte sie in das Haus ihrer Eltern in Phoenix zurück und arbeitete bis 2011 bei »Changing Hands«, einer unabhängigen Buchhandlung. Sie war für Virgin America und Alaska Airlines tätig, bis sie zu Beginn der COVID-19-Pandemie freigestellt wurde.
Ihren Debütroman »Flug 416« verfasste sie größtenteils, während ihre Passagiere auf Nachtflügen schliefen. Das Werk wurde zum internationalen Bestseller wie auch »Absturz«, ihr zweiter Roman. Die Autorin lebt in Phoenix, Arizona.

 

Autor: T. J. Newman
Titel: Worst Case 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 19. Juni 2025
Seitenzahl: 416
Verlag: Goldmann Verlag
Preis: 12,00 € (Paperback); 9,99 € (E-Book)

Meine Bewertung:
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️(Score 96/100)

Weitere Bücher der Autorin (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Absturz

Flugzeugabsturz mit vorhersehbaren Folgen

Wie schon in ihren ersten beiden Thrillern »Flug 416« (2022) und »Absturz« (2024) geht es auch in diesem Thriller wieder um eine Flugzeugkatastrophe. Die Themenwahl ist bei einer ehemaligen Flugbegleiterin daher naheliegend. Anders als bei den vorherigen Thrillern sind dieses Mal nicht nur das Flugpersonal und die Passagiere betroffen. Der hier geschilderte Flugzeugabsturz ist sekundär. Primär ist das, was danach geschieht.

In einem Coastal-Airways-Flug erleidet der Pilot in elftausend Meter Höhe einen tödlichen Herzinfarkt. Der Co-Pilot ist zu diesem Zeitpunkt auf der Toilette und reagiert nicht auf Ansprachen. Die Maschine stürzt mit 294 Passagieren incl. Crew an Bord zu Boden. Panik und Schreie bahnen sich ihren Weg, als den Menschen bewusst wird, dass sie in den Tod stürzen.

Eine Kernschmelze droht

Als wäre dieser dramatische Unfall mit einer Kettenreaktion von Ereignissen an sich noch nicht schlimm genug, stürzt das Flugzeug ausgerechnet in das AKW Clover-Hill in dem kleinen, ländlichen Ort Waketa im US-Staat Minnesota. Die Kühltürme werden beschädigt, das Kühlwasser läuft aus und eine Kernschmelze droht. Das hätte nicht nur fatale Folgen für den nordamerikanischen Kontinent. Dieses bevorstehende Reaktorunglück wird auf einer internationalen Bewertungsskala für nukleare und radioaktive Ereignisse (INES) als katastrophaler Unfall der Stufe 7 eingeordnet. 

Bislang wurden nur zwei Reaktorunfälle der höchsten INES-Stufe 7 verzeichnet: Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011). Wie nah dran Newman mit ihrem Thriller an der Realität ist, zeigt die Lage in und um das AKW Saporischschja in der Ukraine. Häufige Störfälle waren bereits zu verzeichnen, die zum Glück alle behoben werden konnten - bisher wohlgemerkt.

Eine Kleinstadt am Abgrund

Bei diesem Horrorszenario in Waketa ist auch die Bevölkerung und die Umwelt in einem großen Ausmaß betroffen. Die Bemühungen einer Kleinstadt, eine Kernschmelze zu verhindern, sind allgegenwärtig. Wir begegnen Personen, die völlig selbstlos ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um andere Menschenleben zu retten. Menschen reagieren in einer Krise so, wie sich die meisten in einer solchen Situation verhalten würden. Die Verstrahlungsgefahr für die Helferinnen und Helfer ist enorm. Diese Begleitumstände hat Newman gut einfangen.

Primäre Folgen

Die Erzählung erfolgt aufgeteilt in verschiedene Schauplätze, die unmittelbar bzw. mittelbar mit dem Unglück in dem AKW zusammenhängen. Neben dem Flugzeugabsturz mit seinen Folgen gibt es einen weiteren Schauplatz mit einer Massenkarambolage von siebzehn Fahrzeugen. Herumfliegende Flugzeugtrümmer haben einen Minivan schwer getroffen. In dem Wagen befinden sich das Ehepaar Hays, ein Teenager und der fünfjährige Connor. Allein dieser Junge überlebt die Kollision, steckt aber in dem Fahrzeug fest. Wie kann man ihn befreien, zumal der Van in den Mississippi zu stürzen droht? Dramatische Rettungsversuche schließen sich an, die alle zu scheitern drohen.

Einige Kapitelüberschriften zählen in einem Countdown in Stunden und Minuten die verbleibende Zeit bis zur Kernschmelze herunter. Das erzeugt beim Lesen ein mulmiges Gefühl und ist von Newman gut durchdacht. Wechselnde Perspektiven aus der Sicht verschiedener Protagonisten erhöhen die Spannung.

Newman gelingt es sehr anschaulich, die Auswirkungen der nahenden Katastrophe auf das ganze Land zu beschreiben. Stehender Ausreiseverkehr bis Ohio. Kanada und Mexiko haben ihre Grenzen geschlossen und lassen keine Amerikaner mehr ins Land. In Georgia laufen Prepper mit Gasmasken herum. Der Mietwagenpool ist leer. Toilettenpapier ist überall ausverkauft. Finanzinstitute beschränken die Summe, die die Menschen von ihren Konten abheben können, um einen Ansturm auf die Banken zu verhindern.


Fazit

»Worst Case« ist das erste Buch der Autorin, das nicht an Bord eines Flugzeugs spielt, wenn auch die Handlung dort ihren Anfang nimmt. Es ist geprägt von Emotionen. Die Ereignisse wühlen auf, je weiter man in der Erzählung vordringt. Was Newman schreibt, entspricht einer aktuellen und brisanten Thematik.
Viele Plot-Twists und Cliffhanger treiben dass Spannungslevel nach oben. Man hat nicht das Gefühl, das Newman mit ihrem Schreibstil künstliche Spannung aufbauen will. Vielmehr geht es ihr um möglichst realistische Schilderungen. Wenn man auf der Suche nach einem guten und spannenden Thriller ist, kommt man an Newman nicht vorbei. Dieser Blockbuster ist ein absolutes »Must Read« für Thrillerfans.

Quellenangaben
Text über die Autorin: Wikipedia; Buchinnenseite © Goldmann-Verlag München, 2025 auszugsweise
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Flugzeugabsturz auf ein Kernkraftwerk