Sonntag, 27. September 2026

Slaughter, Karin – Tödliches Verderben

Über die Autorin

Karin Slaughter wurde 1971 in Atlanta, Georgia geboren. In der Gegend, in der sie aufwuchs, kam es während ihrer Kindheit zu einem starken Anstieg der Kriminalitätsrate und speziell zu Kapitelverbrechen. Vor ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin war sie Inhaberin einer Werbeagentur, die sie Anfang der 2000er Jahre verkaufte. Bis dahin hatte sie fünf Romane verfasst, die nicht veröffentlicht wurden. Seit 2001 veröffentlicht die US-amerikanische Schriftstellerin international erfolgreiche Kriminalromane. Kennzeichnend für ihre Kriminalromane war von Beginn an die Beschreibung brutalster Handlungen, wie z.B. Folterungen der Opfer und Kindesmissbrauch.


Autorin: Karin Slaughter
Titel: Tödliches Verderben (North Falls #2) 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 28. Juli 2026
Seitenzahl: 560
Verlag:
Verlagsgruppe Harper Collins
Preis: 24,00 € (Gebundenes Buch); 19,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️(Score 74/100)

Reihenfolge (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Dunkle Sühne
    2. Tödliches Verderben


Fast eine Familiensaga

North Falls hat ungefähr tausend Einwohner. Die Hälfte davon trägt den Namen Clifton. Dreiundsechzig Jahre war Gerald Clifton Deputy Chief in der Kleinstadt, bis er bei einem Einsatz ums Leben kam. Seine Ehefrau Myrna Joy Clifton ist nach sieben qualvollen Jahren kurz nach ihrem Mann an Alzheimer gestorben. Eine unheimliche Belastung für den Rest der Familie. Schon vor dem Tod ihres Vaters hatte die gemeinsame Tochter Emmy die Abteilung inoffiziell als Deputy Chief übernommen. Unterstützung bekommt sie von ihrem dreiundzwanzigjährigen Sohn Cole, der ebenfalls bei der Polizei als Deputy arbeitet. Von der Bevölkerung wird Emmy allerdings nicht der Respekt und das Vertrauen entgegengebracht, wie es bei ihrem Vater der Fall war.

Ein weiteres Familienmitglied haben wir schon im ersten Band kennengelernt – Emmys Schwester Jude. Eine ehemalige FBI-Agentin, die erst vor kurzem nach langen Jahren der Abwesenheit zurückgekehrt ist. Wir erfahren von Jude, was sie damals aus North Falls weggetrieben hat. Sie bot den Einwohnern jede Menge Angriffsfläche. Sie hatte häufig wechselnde Beziehungen. Jude hat in einer Rockband gesungen, geraucht und getrunken ohne Maß und Ziel. Optisch hat sie den Eindruck eines Hippies gemacht. Warum ist sie nach so langer Abwesenheit plötzlich wieder aufgetaucht?

Wie geht es weiter mit den Cliftons

Die heile Welt der Cliftons bekommt Risse. Die Beerdigung von Myrna bringt Emmy an ihre psychischen und physischen Grenzen. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das Amt im Sinne ihres Vaters weiter ausüben kann. Es kommt zu Spannungen zwischen Jude und Emmy. Jude mischt sich immer wieder in die Ermittlungen ein. Sie analysiert die Geschehnisse und hat die richtigen Ansätze, was Emmy wütend macht. Was ist es, was Jude mit Emmy verbindet? Kann oder will sie es ihr nicht sagen? Und war Gerald der Polizist mit einem reinen Gewissen, wie es nach außen hin den Anschein hat?

Fünfundvierzig Minuten nach der Beerdigung von Myrna

Die ehemalige Polizistin und Freundin von Emmy, Allison Vickery, wird in ihrem Haus mit ihrer eigenen Waffe erschossen und ihre sechszehnjährige Tochter Mandy durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Es ist fraglich, ob sie es überleben wird. Emmy macht sich im Anschluss an die Trauerfeier von ihrer Mutter umgehend an den Tatort, um die Ermittlungen aufzunehmen.

Seitdem Allison aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist, war sie als Privatermittlerin tätig. Nach langen Jahren der Misshandlung durch ihren gewalttätigen Ehemann Bill Garrison hat sie endlich den Mut gefunden, die Scheidung einzureichen. Auch ihre Tochter Mandy wurde misshandelt. Das Mädchen hat überall am Körper blaue Flecken. Die Koffer sind gepackt und Allison will zusammen mit Mandy weg aus ihrem Haus. Könnte das ein Mordmotiv sein und wo stammen die dreihunderttausend Dollar in bar her, die auf dem Dachboden versteckt sind?

Ein Fall voller Geheimnisse

Der Fall erweist sich als äußerst komplex und vielschichtig. Es ist der Tod von Allison, der ein Netz von Lügen und Korruption zum Vorschein bringt. Irgendetwas hat der Täter im Haus von Allison und Bill gesucht. Überall liegen Rechnungen, Quittungen, Ordner und Fotos auf dem Fußboden verteilt. Die Ermittlungen drehen sich im Kreis, wobei Allisons Ehemann Bill der Hauptverdächtige ist. Emmy macht sich schwere Vorwürfe, dass sie ihrer Freundin keine Hilfe angeboten hat.

Emmy und Jude stehen im Mittelpunkt des Plots, aus deren Perspektiven die Geschichte fast ausschließlich erzählt wird. Jude bekommt dieses Mal mehr Raum als im ersten Band. Slaughter gibt uns mit der Beschreibung der Ängste und Gedanken von Emmy und Jude einen guten Einblick in die Gefühlswelt der beiden Frauen. Aber der häufige Schlagabtausch und die dynamische Entwicklung zwischen den beiden Schwestern hemmen eher die Handlung, als dass sie förderlich wären. Andere Figuren bleiben eher flach. Deren große Anzahl erweist sich zudem als Herausforderung, den Überblick zu behalten.

In einer Art Zusammenfassung bekommt man zum Ende hin die Auflösung präsentiert. Bereits bekannte Informationen werden noch einmal gebündelt dem Leser/der Leserin bewusst vor Augen geführt. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt es ungewiss, wer Allison erschossen und Mandy durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt hat. Sowohl die Klärung des Falles als auch eine Neuigkeit bei den familiären Verhältnissen der Cliftons halten eine Überraschung parat, die man so sicher nicht erwartet hat.


Fazit

Der Beginn ist schleppend und auch der Mittelteil ist eher von einem ruhigen Erzähltempo geprägt. Slaughter verliert sich im Storytelling des Öfteren übertrieben ausführlich in Details, wobei sie ein besonderes Augenmerk auf die Polizeiarbeit legt. Überlange Kapitel bremsen die Dynamik aus. Twists und Cliffhanger lässt die Autorin allenfalls sporadisch einfließen.
Die Themenpalette ist komplex. Sie reicht von häuslicher Gewalt über Korruption bei der Polizei bis hin zu Drogenkriminalität. Dieser Sumpf reicht weit bis in die Vergangenheit zurück.
Wenn man die Familiengeschichte der Cliftons außer Acht lässt, ist dieser Band der Reihe ohne Vorkenntnisse gut lesbar. Zumal man zu Beginn auf den neuesten Familienstand gebracht wird. Aus meiner Sicht war der erste Teil der North-Falls-Reihe eindeutig stärker.

Quellenangaben
Text über die Autorin: Wikipedia
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI-generiert

Montag, 14. September 2026

Newman, T. J. – Worst Case

Über die Autorin

Torri Jan Newman (geboren 1983 oder 1984), besser bekannt als T. J. Newman, ist eine US-amerikanische Autorin und ehemalige Flugbegleiterin. Newman wuchs in Mesa, Arizona, auf. Sie studierte Musiktheater an der Illinois Wesleyan University und schloss ihr Studium 2006 ab.
Nach ihrem Studium zog Newman nach New York City, um eine Schauspielkarriere zu verfolgen, blieb dabei jedoch erfolglos. Nach zwei Jahren kehrte sie in das Haus ihrer Eltern in Phoenix zurück und arbeitete bis 2011 bei »Changing Hands«, einer unabhängigen Buchhandlung. Sie war für Virgin America und Alaska Airlines tätig, bis sie zu Beginn der COVID-19-Pandemie freigestellt wurde.
Ihren Debütroman »Flug 416« verfasste sie größtenteils, während ihre Passagiere auf Nachtflügen schliefen. Das Werk wurde zum internationalen Bestseller wie auch »Absturz«, ihr zweiter Roman. Die Autorin lebt in Phoenix, Arizona.

 

Autor: T. J. Newman
Titel: Worst Case 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 19. Juni 2025
Seitenzahl: 416
Verlag: Goldmann Verlag
Preis: 12,00 € (Paperback); 9,99 € (E-Book)

Meine Bewertung:
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️(Score 96/100)

Weitere Bücher der Autorin (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Absturz

Flugzeugabsturz mit vorhersehbaren Folgen

Wie schon in ihren ersten beiden Thrillern »Flug 416« (2022) und »Absturz« (2024) geht es auch in diesem Thriller wieder um eine Flugzeugkatastrophe. Die Themenwahl ist bei einer ehemaligen Flugbegleiterin daher naheliegend. Anders als bei den vorherigen Thrillern sind dieses Mal nicht nur das Flugpersonal und die Passagiere betroffen. Der hier geschilderte Flugzeugabsturz ist sekundär. Primär ist das, was danach geschieht.

In einem Coastal-Airways-Flug erleidet der Pilot in elftausend Meter Höhe einen tödlichen Herzinfarkt. Der Co-Pilot ist zu diesem Zeitpunkt auf der Toilette und reagiert nicht auf Ansprachen. Die Maschine stürzt mit 294 Passagieren incl. Crew an Bord zu Boden. Panik und Schreie bahnen sich ihren Weg, als den Menschen bewusst wird, dass sie in den Tod stürzen.

Eine Kernschmelze droht

Als wäre dieser dramatische Unfall mit einer Kettenreaktion von Ereignissen an sich noch nicht schlimm genug, stürzt das Flugzeug ausgerechnet in das AKW Clover-Hill in dem kleinen, ländlichen Ort Waketa im US-Staat Minnesota. Die Kühltürme werden beschädigt, das Kühlwasser läuft aus und eine Kernschmelze droht. Das hätte nicht nur fatale Folgen für den nordamerikanischen Kontinent. Dieses bevorstehende Reaktorunglück wird auf einer internationalen Bewertungsskala für nukleare und radioaktive Ereignisse (INES) als katastrophaler Unfall der Stufe 7 eingeordnet. 

Bislang wurden nur zwei Reaktorunfälle der höchsten INES-Stufe 7 verzeichnet: Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011). Wie nah dran Newman mit ihrem Thriller an der Realität ist, zeigt die Lage in und um das AKW Saporischschja in der Ukraine. Häufige Störfälle waren bereits zu verzeichnen, die zum Glück alle behoben werden konnten - bisher wohlgemerkt.

Eine Kleinstadt am Abgrund

Bei diesem Horrorszenario in Waketa ist auch die Bevölkerung und die Umwelt in einem großen Ausmaß betroffen. Die Bemühungen einer Kleinstadt, eine Kernschmelze zu verhindern, sind allgegenwärtig. Wir begegnen Personen, die völlig selbstlos ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um andere Menschenleben zu retten. Menschen reagieren in einer Krise so, wie sich die meisten in einer solchen Situation verhalten würden. Die Verstrahlungsgefahr für die Helferinnen und Helfer ist enorm. Diese Begleitumstände hat Newman gut einfangen.

Primäre Folgen

Die Erzählung erfolgt aufgeteilt in verschiedene Schauplätze, die unmittelbar bzw. mittelbar mit dem Unglück in dem AKW zusammenhängen. Neben dem Flugzeugabsturz mit seinen Folgen gibt es einen weiteren Schauplatz mit einer Massenkarambolage von siebzehn Fahrzeugen. Herumfliegende Flugzeugtrümmer haben einen Minivan schwer getroffen. In dem Wagen befinden sich das Ehepaar Hays, ein Teenager und der fünfjährige Connor. Allein dieser Junge überlebt die Kollision, steckt aber in dem Fahrzeug fest. Wie kann man ihn befreien, zumal der Van in den Mississippi zu stürzen droht? Dramatische Rettungsversuche schließen sich an, die alle zu scheitern drohen.

Einige Kapitelüberschriften zählen in einem Countdown in Stunden und Minuten die verbleibende Zeit bis zur Kernschmelze herunter. Das erzeugt beim Lesen ein mulmiges Gefühl und ist von Newman gut durchdacht. Wechselnde Perspektiven aus der Sicht verschiedener Protagonisten erhöhen die Spannung.

Newman gelingt es sehr anschaulich, die Auswirkungen der nahenden Katastrophe auf das ganze Land zu beschreiben. Stehender Ausreiseverkehr bis Ohio. Kanada und Mexiko haben ihre Grenzen geschlossen und lassen keine Amerikaner mehr ins Land. In Georgia laufen Prepper mit Gasmasken herum. Der Mietwagenpool ist leer. Toilettenpapier ist überall ausverkauft. Finanzinstitute beschränken die Summe, die die Menschen von ihren Konten abheben können, um einen Ansturm auf die Banken zu verhindern.


Fazit

»Worst Case« ist das erste Buch der Autorin, das nicht an Bord eines Flugzeugs spielt, wenn auch die Handlung dort ihren Anfang nimmt. Es ist geprägt von Emotionen. Die Ereignisse wühlen auf, je weiter man in der Erzählung vordringt. Was Newman schreibt, entspricht einer aktuellen und brisanten Thematik.
Viele Plot-Twists und Cliffhanger treiben dass Spannungslevel nach oben. Man hat nicht das Gefühl, das Newman mit ihrem Schreibstil künstliche Spannung aufbauen will. Vielmehr geht es ihr um möglichst realistische Schilderungen. Wenn man auf der Suche nach einem guten und spannenden Thriller ist, kommt man an Newman nicht vorbei. Dieser Blockbuster ist ein absolutes »Must Read« für Thrillerfans.

Quellenangaben
Text über die Autorin: Wikipedia; Buchinnenseite © Goldmann-Verlag München, 2025 auszugsweise
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Flugzeugabsturz auf ein Kernkraftwerk

Dienstag, 8. September 2026

Candlish, Louise – Our Holiday

Über die Autorin

Louise Candlish wurde in Hexham, Northumberland, geboren und wuchs in Northampton auf. Sie schloss ihr Studium am University College London (UCL) 1989 mit einem Bachelor of Arts (BA) in Englisch ab. Zu ihren Leidenschaften zählen Bücher, Fernsehen und lange Spaziergänge – sowie ein Glas Wein in der Sonne, genossen mit Familie und Freunden. Zu ihren Lieblingsautoren gehören Tom Wolfe, Patricia Highsmith, Barbara Vine, Agatha Christie und Evelyn Waugh. Ihr absolutes Lieblingsbuch ist »Madame Bovary«. Sie lebt mit Mann, Tochter und einem fuchsroten Labrador namens Bertie im Süden Londons.



Autorin: Louise Candlish
Titel: Our Holiday
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 20. Mai 2026
Seitenzahl: 576
Verlag: btb Verlag
Preis: 17,00 € (Paperback); 12,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 84/100)

 

Summer-Vibes mit Hindernissen

Der August ist Ferien- und Reisezeit. Wie jedes Jahr verbringen gut betuchte Londoner ihren Urlaub an der englischen Südküste in der Nähe von Bournemouth, wo sie eigene Ferienhäuser besitzen. Auf das Meer schauen und die Sonne genießen – das erzeugt atmosphärische Summer-Vibes. Was eigentlich Erholung bringen soll, birgt in Wirklichkeit aber Spannungen und unüberbrückbare Differenzen.

Einen Monat im Jahr bewohnen die reichen Engländer ihre Ferienhäuser, die für den Rest des Jahres leer stehen. Bei den Einheimischen ist dagegen der Wohnraum knapp. Sie fristen ihr Dasein in Wohnwagen mit beengten Verhältnissen. Das erzeugt Unverständnis und Neid. Eine einheimische Aktivistengruppe, die sich »Not Just For August« (NJFA) nennt und deren Anführer der charismatische Robbie ist, will das nicht länger hinnehmen. Mit verschiedenen an Vandalismus grenzenden Aktionen wollen die Aktivisten die reichen »Eindringlinge aus London«, die sie despektierlich als »HALS« (Horden aus London) oder »Grockles« bezeichnen, auf ihre Situation aufmerksam machen und zu einem Umdenken bewegen.

Zwei befreundete Familien

Das Ehepaar Charlotte und Perry Tucker hat hier schon seit fünfzehn Jahren ein großes Ferienhaus mit einem zugehörigen kleinen Gartenhäuschen – genannt »Nook«. Ihre Nachbarn Amy und deren Mann Linus – mit denen die Tuckers befreundet sind – möchten sich ebenfalls so ein Feriendomizil zulegen. Leider reichen die finanziellen Mittel nur zu einem heruntergewirtschafteten, überteuerten Haus in der Nähe. Während sich die Frauen gut verstehen, gibt es Spannungen zwischen Perry und Linus, die sich im weiteren Verlauf steigern, bis hin zur Eskalation.

Perry ist außer sich. Aus seiner Sicht sind es doch die Steuern, die für die staatlichen Leistungen der unter Wohnungsnot leidenden Bewohner sorgen. Ganz anders Amy. Man könnte fast denken, dass sie sich bei den Einheimischen anbiedern will. Auf der anderen Seite möchte sie dabei aber die Freundschaft zu den reichen Londonern nicht gefährden.

Der Klippensturz

Die Ausgangssituation für das Setting ist schnell gelegt. Während des alljährlichen Old Beach Festivals stürzt ein Haus über eine Klippe. Zunächst bleibt unklar, wem das Haus gehört und ob es Tote und Verletzte gibt. Den weiteren Verlauf rollt die Autorin in Rückblenden auf.

Trotz des rasanten Einstiegs nimmt sich der Thriller Zeit, bis er Fahrt aufnimmt. Konflikte und Gesprächsdynamiken wiederholen sich einige Male. Als bekannt wird, dass bei dem abgestürzten Haus ein Mensch zu Tode gekommen ist, zieht die Spannung merklich an. Zunächst tappt man als Leser/Leserin im Dunkeln, was die Ursache des Absturzes des Hauses ist und um wen es sich bei dem Opfer handelt.

Die Stimmung kippt

In verschiedenen Kapiteln erleben wir Robbie (den Anführer der Aktivistengruppe) als Ich-Erzähler, während wir über Tate (einem weiteren Aktivisten), Charlotte, Perry, Amy, Linus und Beattie (die siebzehnjährige Tochter von Amy und Linus) Einblicke aus einer erzählenden Perspektive erhalten. Perry und Beattie sind zwei Figuren, auf die Candlish dabei ein besonderes Augenmerk geworfen hat. Für Robbie sind die reichen Londoner Zweitwohnsitz-Abschaum. In dieser Aussage steckt eine Menge Aggressionspotential.

Jeder versucht auf seine Weise durch Ränkespiele den Vorteil für sich zu verbuchen. Zum Ende hin wird eine Ehe zerbrochen sein. Vor dem Urlaub sind sie als Freunde angereist und am Ende des Urlaubs sind diese Freundschaften Vergangenheit. Und ein Verbrechen wird aufgedeckt, das so nicht gewollt war.


Fazit

»Our Holiday« von Louise Candlish ist vielleicht der Sommer-Thriller 2026 nach »Very Bad Widows« aus dem vergangenen Jahr. Nur sind es dieses Mal nicht die bösen Witwen, sondern eine Auseinandersetzung zwischen reichen Londonern und einheimischen Aktivisten. Das Buch ist unterhaltsam, mit Pointen und Dialogen angereichert. Manches wirkt überdreht, fast schon satirisch.
Beide Milieus kommen gewollt oder ungewollt in Berührung. Candlish legt dabei ihr Hauptaugenmerk auf sozialkritische Aspekte wie Beziehungsdramen, Besitzanspruch, existenzielle Wohnungsnot und eine Gruppendynamik mit sich zuspitzenden Konflikten. Die Eskalationsspirale dreht sich dabei unaufhaltsam.
So gelingt es trotz des etwas schleppenden Einstiegs, sich durch über 570 Seiten zu lesen. Man will unbedingt erfahren, was und warum das eine oder andere so und nicht anders geschehen ist. Das kommt erst in Rückblenden nach und nach zur Auflösung, was ein durchaus interessanter Ansatz ist. Ich empfehle das Buch als Sommerlektüre.

Quellenangaben
Text über die Autorin: Wikipedia, Amazon auszugsweise
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI generiert

Donnerstag, 27. August 2026

Carter, Chris – Du kriegst mich nicht

Über den Autor

Chris Carter wurde 1965 in Brasilien als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Nach seinem Schulabschluss ging er in die USA und studierte forensische Psychologie im amerikanischen Bundesstaat Michigan. Nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums arbeitete er sechs Jahre als Kriminalpsychologe bei der Staatsanwaltschaft. Nach seinem Umzug nach Los Angeles machte er als Gitarrist Karriere und war unter anderem mit Ricky Martin, Shania Twain, Björk und Tom Jones auf Tour. Aktuell wohnt Carter in London, wo er als Vollzeitautor arbeitet.


Autor: Chris Carter
Titel: Du kriegst mich nicht
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 30. Juli 2026
Seitenzahl: 464
Verlag: Ullstein Verlag
Preis: 18,00 € (Paperback); 13,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 96/100)

 

So kennt man Carter noch nicht

Chris Carter hat nach 13 Fällen der Hunter-und-Garcia-Reihe einen neuen Weg beschritten. »Du kriegst mich nicht« ist sein erster Stand Alone, der kein klassischer Krimi oder Thriller im herkömmlichen Stil ist. Carter punktet eher mit einer perfiden Handlung. Statt Brutalität und bedrückender Atmosphäre wird Verfolgungsdruck mit psychologischer Verunsicherung erzeugt.

Der Anfang vom Ende

Die Erzählung beginnt rasant mit hohem Tempo. Es geht um einen Fall von häuslicher Gewalt. Der Millionär Nelson Stewart ist angeklagt vor Gericht, seine Frau Samantha misshandelt zu haben. Als die Zeugin Candice Logan vor Gericht aussagt, dass sie ein Verhältnis mit Stewart hatte und der sie mehrmals verprügelt hat, ist die Sachlage klar. Stewart wird zu insgesamt 13 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Nach dem Urteilsspruch rastet er im Gerichtssaal völlig aus und schwört seiner Frau Rache. Er droht damit, dass er sie eines Tages findet, egal wo sie sich aufhält.

Nach der Gerichtsverhandlung geht es zunächst in einem langsameren Erzähltempo weiter. Staatsanwalt Oakfield rät Mary zur Scheidung und zu einem Identitätswechsel in Verbindung mit häufigen Aufenthaltsorten. Sie folgt seinem Rat und heißt jetzt Mary Smith. In den nächsten sieben Wochen hält sie sich nacheinander in sechzehn Städten verteilt auf sechs verschiedenen Bundesstaaten auf. Tauchen irgendwelche Probleme auf, meldet sich ihre innere Stimme und hilft ihr, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ein Trauma aus der Vergangenheit

Man muss die Hintergründe aus der Vergangenheit kennen, um die Geschichte richtig einordnen zu können. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die nach fürchterlichen Verhältnissen und Flucht aus ihrem Elternhaus versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie ist traumatisiert durch die sexuellen Übergriffe ihres Stiefvaters. Mit abgrundtiefem Hass auf Männer, obdachlos und hungrig begegnet sie nach ihrer Scheidung einer Gleichaltrigen, die ähnliche Erfahrungen in ihrem Elternhaus gemacht hat. Die beiden irren durch die Straßen von Liverpool und fassen einen gemeinsamen Plan, um an Geld zu gelangen und Rache zu nehmen an Männern. Es ist ein Plan mit Wiederholungseffekt. Dabei ändern sie ständig ihre Identitäten. Zu Beginn heißen sie Mary und Denise.

Aber irgendwann geht der Plan nicht mehr auf. Mary lernt den schwerreichen Milliardär Quaddra Buckner kennen. Er ist ganz anders als alle Männer, die ihr zuvor begegnet sind. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen und verliebt sich, was offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruht. Sie möchte ihren aktuellen Wohnort wegen diesem Mann nicht verlassen.

Unerwartete Wendungen

Nach ungefähr der Hälfte des Buches bekommt die Handlung plötzlich eine Wendung, mit der man nicht rechnen konnte. Das lässt das Gerichtsverfahren zu Anfang in einem völlig neuen Licht erscheinen. Das Tempo zieht mit spürbarer Spannung wieder merklich an. Mit genialen Plot-Twists schafft der Autor Übergänge, die man so nicht vorhersehen konnte. Die Entwicklung spitzt sich zu und Carter verzichtet auf ausschweifende Erklärungen.

Das Böse lauert überall

Diesen Thriller würde ich in drei Abschnitte unterteilen. Im ersten Abschnitt erfahren wir aus einer Gerichtsverhandlung, in der es um häusliche Gewalt geht. Der folgende Abschnitt beschreibt den Identitätswechsel des Opfers und die damit verbundenen Aktivitäten, die sich zu einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel entwickeln. Im weiteren Verlauf wird man feststellen, dass sich nicht nur Mary eine falsche Identität zugelegt hat. Der letzte Abschnitt ist wohl der interessanteste Teil. Unzählige Wendungen und Spuren bzw. Hinweise, von denen man nicht weiß, ob sie den Tatsachen entsprechen, lassen das Tempo wieder deutlich anziehen. Dabei bleibt es lange Zeit unklar, wer hier Opfer und wer Täter oder Täterin ist.

Was wird aus Mary und Quaddra? Mit einer weiteren so nicht vorhersehbaren Wendung erfahren wir mehr darüber. Und wäre das nicht schon meisterhaft genug, was sich Carter hier ausgedacht hat, gelingt ihm mit einem Abstand von zwanzig Jahren nach dem vorausgegangenen Konflikt eine wahrlich grandiose Auflösung zum Ende hin, wenn auch ein Interpretationsspielraum bleibt.


Fazit

Der Autor kann mit einem flüssigen Schreibstil und einem klaren Setting punkten. Carter hält sich nicht mit langatmigen Textpassagen auf, er kommt schnell zum Wesentlichen. Kurze Kapitel sind ein beliebtes Stilelement, um das Interesse am Weiterlesen zu fördern.
Meiner Meinung nach kann man den Wechsel von der Hunter-und-Garcia-Reihe zu Carters erstem Stand Alone als äußerst gelungen bezeichnen. Für mich gehört er zu den Autoren, dessen Bücher man »blind« erwerben kann. Von mir gibt es deshalb eine klare Leseempfehlung.

Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia auszugsweise
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Mann und eine Frau in einer Gemäldeausstellung

Sonntag, 16. August 2026

Raabe, Marc – Im Morgengrauen

Über den Autor

Marc Raabe wurde 1968 in Köln geboren. Bereits als Schüler drehte Marc Raabe mit einem Freund Super-8-Filme und gründete mit ihm nach dem Abitur eine Filmproduktionsfirma. Parallel zu seiner Tätigkeit als Filmproduzent studierte er Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Germanistik, brach sein Studium jedoch ab und widmete sich seiner Firma. 
2012 veröffentlichte er seinen ersten Roman »Schnitt« im Ullstein Verlag, 2013 folgte sein zweiter Thriller »Der Schock« im selben Verlag. Beide Romane standen wochenlang auf der Bestsellerliste des Spiegels. Inzwischen zählt Marc Raabe zu den bekanntesten deutschen Thrillerautoren. Seine Romane wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Neben seiner Tätigkeit als freier Schriftsteller ist Marc Raabe Geschäftsführer und Gesellschafter einer Fernsehproduktionsfirma und lebt mit seiner Familie in Köln.


Autor: Marc Raabe
Titel: Im Morgengrauen (Art Mayer-Reihe #4) 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 28. Mai 2026
Seitenzahl: 576
Verlag: Ullstein Verlag
Preis: 17,99 € (Paperback); 14,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️(Score 94/100)

Reihenfolge (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Der Morgen
    
2. Die Dämmerung
    
3. Die Nacht
    
4. Im Morgengrauen

24 Jahre vor Tag null

Eine ehemalige Jugend-Clique wird von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt. Zu dieser Clique gehörten u.a. Bundeskanzler Henrik Westphal (Spitzname »Zippo«), seine Frau Juli (»Ellie«), Kanzleramtsminister Hardy Schlottbeck (»Brille«) und der BKA-Beamte Artur Mayer (»Boxer«). Plötzlich ist wieder präsent, was damals vertuscht wurde und nie zur Aufklärung gekommen ist. Dabei treten alte Feindschaften und Rachegelüste in den Vordergrund, aber auch eine unerfüllte Liebe ist plötzlich wieder gegenwertig.

Tag null

Bundeskanzler Henrik Westphal ist seit acht Tagen spurlos verschwunden. Teile der Bundesregierung sind äußerst besorgt. Intern haben sie den verhängnisvollen Morgen seit Westphals Verschwinden »Tag null« genannt. Dabei ist ungewiss, ob er entführt wurde oder was sonst dahinterstecken könnte. Hat es etwas mit seinen sexuellen Aktivitäten zu tun? Schon damals hatte er in der Clique zuerst »Brille« die Freundin ausgespannt und wenig später »Boxer«. Beide Male ging es um dasselbe Mädchen. Eine Lösegeldforderung gibt es nicht. Mit jedem Tag wächst die Sorge, ob Henrik überhaupt noch am Leben ist.

Der schroffe und eigenwillige BKA-Ermittler Artur (Art) Mayer und seine Kollegin Nele Tschaikowski nehmen die Ermittlungen auf. Zwei Charaktere mit Ecken und Kanten. Mayer lässt sich auch von Vorgesetzten nicht in seine Art der Ermittlungen hineinreden, was ihn schon oft fast Kopf und Kragen gekostet hätte. Tschaikowski – die Nichte von Polizeipräsident Kauder – ist mittlerweile in die Rolle der Ermittlerin hineingewachsen und lässt sich nicht mehr wie die ehemalige Kommissar-Anwärterin behandeln.

Wer ist Kessy X

Nach dem Verschwinden von Westphal tauchen plötzlich Videos mit kompromittierendem Inhalt im Netz auf, die sofort in allen Social-Media-Kanälen viral gehen. Eine junge Frau, die sich Kessy X nennt, behauptet in dem Video, dass sie vom Kanzler sexuell bedrängt worden sei. Das Ganze soll in einem Burgerladen passiert sein. Ihr Gesicht kann man nicht erkennen. Lediglich ein Eulen-Tattoo am Unterarm ist zu sehen. Möchte jemand gegen den Kanzler intrigieren, um ihn zu stürzen oder was könnte sonst dahinterstecken? Aber da ist noch etwas Anderes. Kessy sucht verzweifelt nach ihrer Schwester Sophie. Da drängt sich die Frage auf, ob Kessy erpresst wird, die Videos zu erstellen.

Parallel zu der Suche nach Westphal werden Mayer und Tschaikowski zu einem Tatort in einem Berliner U-Bahntunnel gerufen. Dort wird eine weibliche Leiche neben dem Gleisbett gefunden. Wieder taucht dieses auffällige Eulen-Tattoo auf. Zunächst ist nicht klar, ob es sich um Suizid oder Mord handelt.

Persönliches spielt eine große Rolle

Zwischen den Ermittlungen kommt immer wieder Persönliches zum Vorschein. Art ist eine Figur mit emotionaler Tiefe, die durch Zerrissenheit geprägt ist. Die achtjährige Milla ist lieber bei Art als bei Ihrer dementen Großmutter, die im gleichen Haus wohnt. Die Mutter lebt nicht mehr. Milla erinnert Art immer an seine Vergangenheit. Erst ist er im Heim und dann bei Pflegeeltern aufgewachsen und später hat er seine Jugendliebe Juli an Henrik verloren. 

Nele und Roman haben einen gemeinsamen Sohn, aber in der Beziehung kriselt es. Meistens übernimmt Romans Vater die Betreuung von Lasse. Sowohl Art als auch Nele sind zwei Figuren, die trotz allem sympathisch rüberkommen.

Da die Frau des Bundeskanzlers Arts große Jugendliebe war, gerät dieser in den Fokus der Ermittlungen und wird verdächtigt, eine Straftat begangen zu haben. Das führt zu seiner vorübergehenden Suspendierung. Nele wird wegen ihrer Nähe zu Art aus der Ermittlungsgruppe ausgeschlossen.

Ein stilistisches Highlight

Die Erzählung erfolgt stilsicher mit viel Tempo, Spannung und präziser Beschreibung unterschiedlicher Sequenzen. Das Setting ist anspruchsvoll, die Kapitel wechseln zwischen zwei Ebenen – sowohl aus der Sicht der Ermittler als auch den Gedanken bzw. den Videos der jungen Influencerin Kessy-X. Viele Twists und Cliffhanger setzt Raabe in einem emotionalen und toxischen Abschnitt ein, der sich allerdings erst nach der Hälfte des Buches entfaltet.

Eine Verflechtung von Privatem und Beruf sorgt dafür, dass es hier um mehr als um einen klug konstruierten kriminalistischen Fall mit hoher politischer Brisanz geht. Vieles deutet daraufhin, dass der Autor mit diesem Band die Tageszeiten-Thriller zum Abschluss bringt.


Fazit

So wie Raabe die einzelnen Charaktere beschreibt, kann man sich schnell ein Bild von ihnen und ihrer Glaubwürdigkeit machen. Auch die Zerrissenheit einzelner Personen kommt gut zum Ausdruck.
Viele Verästelungen und Perspektiven machen es nicht leicht, der Handlung zu folgen. Es wird nicht nur ein einfacher Kriminalfall erzählt, den man als reine Unterhaltung empfinden kann. Geduld ist nötig, bis die Handlung richtig Fahrt aufnimmt.
Es empfiehlt sich, die Art Mayer-Reihe in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Nur so bekommt man einen Einblick in die private Situation der beiden Hauptfiguren Art Mayer und Nele Tschaikowski in der Vergangenheit und deren seitheriger Entwicklung. Zudem begegnet man Figuren, die man schon in den vorhergehenden Bänden kennengelernt hat.

Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia
Rezensionstext: © V. Kaiser

Sonntag, 2. August 2026

Hannah, Kristin – Die Nachtigall

Über die Autorin

Kristin Hannah wurde am 25. September 1960 in Garden Grove, Südkalifornien geboren. Von 1986 bis 1983 arbeitete sie als Rechtsanwältin in Seattle. Erste literarische Versuche fielen in ihre Studienzeit. 1991 erschien ihr Debütroman »A Handful of Heaven«. Mittlerweile ist sie eine preisgekrönte Bestsellerautorin von über 20 Romanen, darunter der internationale Bestseller »Die Nachtigall«, der 2015 von Goodreads (amerikanische Website für Social Cataloging) zum besten historischen Roman gekürt und im selben Jahr mit dem begehrten Publikumspreis für den besten Roman ausgezeichnet wurde. Das Buch wurde ein Welterfolg.
Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrem Mann, einem Filmrechtehändler, auf einer kleinen Insel im Pazifik.


Autorin: Kristin Hannah
Titel: Die Nachtigall 
Genre: Historischer  Roman
Erscheinungsdatum: 09. Oktober 2017
Seitenzahl: 611
Verlag: Aufbau Verlag
Preis: 15,95 € (Geb. Buch über Amazon); 14,00 € (Taschenbuch); 10,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 97/100)


Zwei unterschiedliche Schwestern

Die Geschichte wird in zwei verschiedenen Zeitebenen sowie aus der Sicht zweier Schwestern erzählt. Die Erzählung beginnt 1995 irgendwo an der Küste von Oregon. Eine alte Frau lebt seit fast fünfzig Jahren dort. Sie erzählt aus ihrer Sicht, was sie im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Sie denkt an die Menschen, die sie verloren hat – sie sind tot. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, um wen es sich bei der Frau handelt.

Der Einstieg in die Geschichte ist geschickt gewählt. Im weiteren Verlauf springt die Handlung mehrmals wieder in die Gegenwart im Jahr 1995. Man erfährt dabei weitere Details aus dem bisherigen Leben dieser Person und entwickelt eine gewisse Vorahnung, um wen es sich dabei handelt. Dieses Setting zieht einem sofort in seinen Bann.

Zurück in die Vergangenheit

Nach dem Einstieg folgt ein Zeitsprung zurück in den August 1939 – kein Jahr mehr bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Paris und zur Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht. Vianne ist Lehrerin und lebt mit ihrem Mann Antoine und der achtjährigen gemeinsamen Tochter Sophie glücklich in einem eigenen Haus im Loiretal. Sophie ist ihr Ein und Alles, nachdem Vianne zwei Fehlgeburten hatte und ein kleiner Junge nach einer Woche gestorben ist. Schon früh hat sie ihr Elternhaus verlassen, nachdem die Mutter gestorben war und der alkoholsüchtige Vater sie weggeschickt hat.

Antoine bekommt die Einberufung und muss in den Krieg ziehen. Überraschend schnell nehmen die deutschen Soldaten nach einer erfolgreichen Offensive Frankreich ein. Es kommt zur Kapitulation und zu einem Waffenstillstand. Vianne hofft auf eine schnelle Rückkehr von Antoine. 

Viannes jüngere Schwester Isabelle ist genau das Gegenteil. Seit mehr als einem Jahrzehnt war sie in verschiedenen Internaten, Mädchenpensionaten und Klosterschulen untergebracht, die sie aber wegen ungebührlichen Verhaltens immer vorzeitig verlassen musste. Sie ist renitent und rebellisch. Der Vater will sie nicht im Haus haben und schickt sie zu Vianne. 

Hass auf die Nazis

Nach der deutschen Besatzung ist das Leben für die einheimische Bevölkerung sehr schwer. Es sind überwiegend Frauen, Kinder und Alte, die Männer sind längst in den Krieg gezogen. Die Zurückgebliebenen haben kaum etwas zu essen, da die Deutschen alles einkassieren. Ab dem frühen Abend herrscht eine Ausgangssperre und die Offiziere quartieren sich in die fremden Häuser und Wohnungen ein. Ein deutscher Hauptmann beansprucht eine Unterkunft im Haus von Vianne und Antoine. Isabelle kocht vor Wut und bringt sich und ihre Schwester durch ihre Äußerungen in Gefahr. Sie hasst die Boches (Anm.: Diffamierende französische Bezeichnung für Deutsche).

Jede leistet auf ihre Weise Widerstand

Isabelle lehnt sich gegen die Belagerung der Deutschen auf und schließt sich einer Widerstandsgruppe an. Sie führt abgeschossene Bomber-Piloten der Alliierten über einen beschwerlichen Gebirgspfad der Pyrenäen von Frankreich nach Spanien, wo sie in Sicherheit sind. Isabelle fährt anschließend mit dem Zug zurück. Diese »Führungen« finden mehrmals in der Woche statt. Isabelle ist jetzt Juliette Gervaise mit dem Decknamen »Nachtigall«. Schon bald sind die Nazis auf der Spur der »Nachtigall«.

Aber auch ihre ältere Schwester Vianne ist willensstark und will ihre Familie beschützen, doch der Preis ist hoch, den sie dafür zahlen muss. Sie will Sophie eine gute Mutter sein. Sophie und der kleine Daniel sollen sich trotz aller Entbehrungen wohl fühlen. Ari (Daniel) hat sie in ihre Obhut genommen, nachdem die Gestapo dessen Mutter und Viannes beste Freundin Rachel verhaftet hat. In der Klosterschule versteckt und betreut sie jüdische Kinder. Sie erträgt ein gehöriges Maß an Leid und muss dabei tatenlos zusehen, wie gute Freunde und Bekannte nach und nach aus ihrem Blickfeld verschwinden.

Es werden die tragischen Erlebnisse der beiden ungleichen Schwestern Vianne und der jüngeren Isabelle detailliert beschrieben. Beide Schwestern sind in ihrem Wesen so unterschiedlich, aber in ihrem Willen sehr stark. Beide kämpfen auf ihre Weise für die Freiheit. Das unermessliche Leid der Franzosen während der Deutschen Besatzung kommt bildgewaltig zum Ausdruck. Die Autorin glänzt neben ihren erzählerischen Fähigkeiten mit einer starken Figurenzeichnung, auch bei den weniger prominenten Figuren. Zudem wird der zweite Weltkrieg aus der Sicht des besetzten Frankreichs perspektivisch aufgearbeitet.

Eine unendlich traurige Geschichte

Zum Ende hin schließt sich der Kreis und man ist wieder in der Gegenwart im Jahr 1995 angekommen. Die alte Frau – von der wir nun wissen, um wen es sich handelt – fliegt gemeinsam mit ihrem Sohn Julien nach Paris. Sie hat eine Einladung zu einem Treffen bekommen. Hier spricht sie über den Krieg und wir erfahren, was aus ihrer Familie und ihren Freunden geworden ist.


Fazit

Dieser emotionale Roman von Kristin Hannah ist erstmals 2015 in den USA unter dem englischen Originaltitel »The Nightingale« erschienen und wurde zu einem Weltbestseller. Die fiktive Geschichte beruht zum Teil auf historischen Ereignissen und tatsächlich damals existenten Personen. Hannah hat den Roman in Anlehnung an Andrée de Jongh geschrieben. De Jongh war Angehörige der belgischen Résistance im Zweiten Weltkrieg.
Die Erzählung ist geprägt von Liebe, großem Leid, Hoffnung und Zuversicht, aber auch von Schuld, Vergebung, Verlust und großer Traurigkeit. In einigen Passagen erinnert der Roman etwas an Ariel Lawhon’s »Codename Hélène«, wo ebenfalls das besetzte Frankreich im zweiten Weltkrieg eine tragende Rolle gespielt hat. Es ist ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann, wenn man einmal angefangen hat, es zu lesen.

Quellenangaben
Text über die Autorin und Andrée de Jongh: Wikipedia
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Fluchtpfad über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien