Donnerstag, 5. Februar 2026

Craven, M.W. – Der Kurator

Über den Autor

Der mehrfach preisgekrönte Sunday Times-Bestsellerautor M. W. Craven wurde in Carlisle in der Grafschaft Cumbria geboren, wuchs jedoch in Newcastle in Northumberland auf. Als Jugendlicher trat er in die britische Armee ein und begann nach zehn Jahren Militärdienst ein Studium der Sozialpädagogik. Fast zwei Jahrzehnte lang arbeitete M. W. Craven als Bewährungshelfer, bevor er sich höchst erfolgreich und in Vollzeit dem Schreiben von Krimis und Thrillern widmete. Seine Kriminalromane wurden mit renommierten Krimipreisen ausgezeichnet, u.a. dem CWA Gold Dagger Award (2019) sowie dem Ian Fleming Steel Dagger Award (2022). Mit seiner SPIEGEL-Bestsellerserie um Washington Poe und Tilly Bradshow hat M.W. Craven auch sein deutsches Publikum begeistert.


Der Kurator


Autor: Michael W. Craven
Titel: Der Kurator
Genre: Kriminalroman
Seitenzahl: 466
Erscheinungsdatum: 03. November 2025
Verlag: Droemer Knaur KG

Preis: 16,99 € (Paperback)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Vorweihnachtszeit in Cumbria

Es beginnt harmlos kurz vor Weihnachten. Wie jedes Jahr soll bei einer Firmenweihnachtsfeier gewichtelt werden. Und obwohl Craig Hodgkiss das Wichteln hasst, kommt es ihm dieses Jahr sehr gelegen. Er möchte seiner befreundeten Arbeitskollegin Barbara Willoughby einen Heiratsantrag machen. Doch statt seines Verlobungsrings befinden sich in seinem Wichtelbecher zwei abgetrennte Finger und eine rätselhafte Botschaft mit der Aufschrift »#BSC6«.

Wenig später liegen im Taufbecken einer Kirche wieder zwei abgetrennte Finger. Letzen Endes taucht bei einer Fleischverlosung in Fiksin’s Hall in Whitehaven schließlich ein drittes Fingerpaar auf, das zwischen die Ware drapiert wurde. Die kryptische Botschaft »#BSC6« ist immer beigelegt. Wer verteilt in Cumbria solche ekelerregenden »Weihnachtsgeschenke«?

Pathologisch betrachtet, stammt jeweils ein Fingerpaar von ein und derselben Person. Während ein Finger ante mortem abgetrennt wurde, erfolgte die andere Amputation post mortem. Hat man es hier mit einem sadistischen Mörder zu tun? Es gibt keinerlei Verbindungen zwischen den drei Opfern der Fingerpaare – zwei Frauen und ein Mann. Sie kannten sich nicht und hatten auch sonst keine Gemeinsamkeiten. Sie waren lediglich vor drei Jahren für zwei Wochen am gleichen Ort.

Ein Team mit Wiedererkennungsfaktor

Das ist ein Fall für die Serious Crime Analysis Section (SCAS). Das ist eine Sondereinheit der nationalen Kriminalpolizei des Vereinigten Königreichs. Nicht nur diese Einheit stellt etwas Besonderes dar, auch das Ermittlerteam, das sich dahinter verbirgt.

Stephanie Flynn kommt als Chefin authentisch rüber. Sie ist momentan schwanger und hat mit ihren Hormonen zu kämpfen. DS Washington Poe ist ein Zyniker und gegenüber seinen Vorgesetzten oft disziplinlos. Früher war er der Vorgesetzte von Stephanie Flynn, jetzt ist sie seine Chefin nach einer vorübergehenden Suspendierung von Poe. Privat ist er ein Eigenbrötler, der zurückgezogen in einer abgelegenen Hütte mit seinem Hund Edgar lebt. Gemeinsam arbeitet er mit der hervorragenden Analytikerin Mathilde (Tilly) Bradshow zusammen, die sozial völlig inkompetent ist. Auf dem Gebiet von IT und Wissenschaft ist sie ein regelrechter Nerd. Außerdem ist sie auf das Wohlergehen von Poe bedacht.

Komplettiert wird das Team von der unkonventionellen aber höchst effizienten Pathologin Estelle Doyle. Sogar in der Leichenhalle ist sie manches Mal angezogen wie in einem S&M-Klub – schwarzes Haar und gleichfarbige Schminke, Netzstrümpfe und Stilettos.

Die Ermittler der SCAS sind ein ungewöhnliches Team. Jeder hat seine Eigenarten, was sich aber im Ganzen betrachtet zu einem gemeinsamen Nenner verbindet. Dieses Team muss man einfach mögen, denn sie beleben diesen Kriminalroman auf unnachahmliche Weise. Es ist köstlich, den Dialogen von Poe und Tilly zu folgen, und die sind nicht ausschließlich beruflicher Natur.

Was steckt hinter den Morden

Alles sieht zu Beginn bestenfalls nach einer ungewöhnlichen Mordserie aus. Daraus entwickelt sich ein Setting mit einer Challenge, die man so nicht für möglich hält. Lange bleibt man als Leser im Ungewissen, um was es hier eigentlich geht. Und das treibt die Spannung hoch, auch durch immer wieder neue Twists, die die Handlung aber keineswegs überladen.

Ein Drachen in einem Baum führt Poe auf die Spur eines Verdächtigen. Ist der zweiundzwanzigjährige Robert Cowell der gesuchte Mörder? Bei der Vernehmung durch Poe ist er das reinste Nervenbündel, zappelig und total verschwitzt. Schließlich gibt er zu, dass er gezwungen worden ist, an einer auf einem Online-Spiel basierenden Challenge teilzunehmen, die auf vulnerable Personen abzielt. Dabei müssen verschiedene Aufgaben erfüllt werden. Aber er leugnet alles, was bereits erwiesen ist.

Washington Poe und Tilly Bradshow stehen vor einem Rätsel. Eine vom FBI suspendierte Agentin meldet sich und erzählt von einer Person, der sich der »Kurator« nennt. Sie behauptet, dass der Täter kein Serienmörder ist, sondern dass etwas ganz anderes dahintersteckt. Ist sie glaubwürdig? Warum wurde sie vom Dienst suspendiert und meldet sich plötzlich bei der SCAS? Fast zu spät erkennt Poe, dass er auf das abartige Spiel des »Kurators« hereingefallen ist.

Wie man in den Anmerkungen des Autors am Ende des Buches erfährt, beruht nicht alles auf seinem Erfindungsreichtum. Challenges, die auf einem Online-Spiel basieren, gibt es wirklich.


Fazit

Mike W. Craven gelingt es wie keinem anderen englischen Autor bzw. keiner anderen Autorin, die Texte mit trockenem, britischem Humor zu würzen, wenn es dem einen oder der anderen auch albern vorkommen mag. Schwarzer Humor, unverblümte Direktheit, Absurdität und Understatement sind dafür die Zutaten. Bücher von ihm sorgen für beste Unterhaltung.
Die Handlung ist gut konstruiert, die Erzählweise dynamisch und ohne Leerlauf in den einzelnen Kapiteln. Dabei hat Craven für seine Leser immer wieder Überraschungen und Twists parat. Die beschriebenen Fälle sind ungewöhnlich und mögen für manchen merkwürdig klingen, aber sie werden zum Ende hin gekonnt und logisch aufgelöst.
Im Prinzip kann man diesen Band ohne Vorkenntnisse der anderen Bücher lesen. Der Fall ist in sich abgeschlossen. Da der Autor aber in Deutschland lange unbeachtet geblieben ist, wurden die Bücher nicht in der richtigen Reihenfolge übersetzt. Aus diesem Grund muss man darauf hinweisen, dass die Entwicklung der Figuren – in erster Linie die von Poe und Bradshow – verloren geht, wenn die Bücher nicht der Reihe nach gelesen werden.
 
Quellenangaben
Text über den Autor: Klappentext © Droemer Knaur Gmbh & Co.KG München, 2025

Mittwoch, 21. Januar 2026

Bestgen, Sarah – Safe Space

Über die Autorin

Sarah Bestgen, Jahrgang 1990, lebt mit ihrer Familie im Rheinland. Sie studierte Psychologie in Köln und Bonn und arbeitete rechtspsychologisch und klinisch, bevor sie für eine renommierte Personalberatung in der Führungskräfteauswahl und – entwicklung tätig wurde. Neben ihrer Faszination für Menschen, ihre Geschichten und ihre psychischen Abgründe ist Schreiben ihre große Leidenschaft. Nach ihrem Thrillerdebüt HAPPY END, das von Lesern und Rezensenten begeistert aufgenommen wurde, hat sie mit SAFE SPACE ihren zweiten Thriller vorgelegt.


Safe Space


Autorin: Sarah Bestgen
Titel: Safe Space
Genre: Thriller
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 28. November 2025
Verlag: Bastei Lübbe AG

Preis: 17,00 € (Paperback); 12,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Was ist mit »Little Butterfly« geschehen

Anna Salomon jagt ihrem eigenen Trauma hinterher, seit sie vor sechs Jahren einen geliebten Menschen aus den Augen verloren hat. Ein Streit hat sie auseinandergebracht und danach gab es kein Lebenszeichen mehr. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Die Polizei hat die Suche längst eingestellt und es ist das Schlimmste zu befürchten.

Dieses Trauma ist der Auslöser für Annas Berufswahl. Sie studiert Psychologie und schließt das Studium mit Mitte zwanzig als Jahrgangsbeste ab. Sie bewirbt sich auf eine Stelle als Anstaltspsychologin der sozialtherapeutischen Abteilung in einem Hochsicherheitsgefängnis in der JVA Weyer. Aufgrund ihrer Qualifikation bekommt sie die Stelle.

Der Einstieg in Annas Berufsleben und der Gefängnisalltag wird spannend beschrieben. Man nähert sich allmählich dem wahren Grund für Annas Intention, den niemand erfahren darf. Der hat weniger mit ihren beruflichen Wünschen zu tun. Sie sucht nach Antworten auf ihre Fragen und hofft, in der JVA ihrem Ziel näher zu kommen. Schnell muss sie erkennen, dass innerhalb der Gefängnismauern eine bedrückende Atmosphäre herrscht.

Keine leichte Aufgabe

Anna hat fünf Häftlinge zugeteilt bekommen, die sie in Therapiegesprächen betreuen soll. Die Häftlinge sind allesamt Intensivtäter und teilweise hochmanipulative Persönlichkeiten, die die Psychologen gegeneinander ausspielen wollen. Es dauert, bis man die Zusammenhänge versteht. Um nicht zu viel zu verraten, sei hier nur kurz angerissen, dass Anna in der JVA eine bestimmte Person sucht. Wie kommt sie dabei auf die JVA Weyer und warum soll das gerade einer der fünf ihr zugeteilten Häftlinge sein? Das kann nicht ganz überzeugen. Auch zu einem späteren Zeitpunkt bleiben diese Fragen offen.

Die Gefängnisepisoden kann man als gelungen bezeichnen. Gruppengespräche wechseln sich mit Einzelgesprächen ab. Die Unterschiede und Charaktere sind dabei klar definiert. Allerdings verliert Anna zusehends die Kontrolle über sich selbst. Es wird immer mehr klar, dass sie der Umgang mit den Häftlingen überfordert. Sie erhält Drohbriefe, die sie auffordern, ihre Recherchen einzustellen. Ihr Privatleben bleibt dabei größtenteils auf der Strecke.

Es kommen Zweifel auf

Die Kollegen bescheinigen der jungen Psychologin Eigenschaften wie Präzision, Gewissenhaftigkeit, Kommunikationsstärke, Selbstbewusstsein und Resolutheit. Der Gefängnisdirektor jedoch ist ein Narzisst und nicht davon überzeugt, dass sie die richtige Person für diesen Job ist. Dieser Eindruck erhärtet sich, als einer der ihr zugeteilten Schwerverbrecher als Bezugsperson einen Suizidversuch unternimmt.

Ein verwirrendes Setting

Verschiedene Erzählebenen und -perspektiven sind verwirrend für den Leser, weil man sie zunächst nicht zuordnen kann. Anna als Ich-Erzählerin ist in diesem Thriller die Hauptfigur. Aus eingefügten Tagebucheinträgen erfahren wir mehr über die innere Zerrissenheit einer weiteren Person, deren Gemütszustand sich immer weiter verschlechtert. Und es gibt einen weiteren Handlungsstrang aus der Sicht eines jungen Mannes. Der ist so aufgebaut, dass man über diese Figur sowohl etwas aus dessen von Gewalt geprägter Kindheit als auch aus der Gegenwart als Erwachsener erfährt.

Das Ende kann nicht ganz überzeugen

Am Ende erwartet den Leser ein regelrechtes »Finale furioso«. Die Ereignisse überschlagen sich, ein Plot Twist jagt den nächsten. Nicht jede der tragenden Figuren ist das, was sie vorgibt zu sein. Die Auflösung überrascht und konnte so nicht unbedingt erwartet werden. Es wirkt abstrus und passt nicht zu dem ansonsten gut durchdachten Plot. Die Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke.


Fazit

Sarah Bestgen hat nach ihrem vielbeachteten Thrillerdebüt »Happy End« aus dem Jahr 2024 nun ihren zweiten Stand-Alone mit »Safe Space« veröffentlicht. Die Handschrift einer studierten Psychologin ist dabei unverkennbar. Die Beschreibung und Analysierung psychologischer Abgründe treten klar zum Vorschein.
Das Buch startet langatmig. Man muss Geduld haben mit diesem psychologischen Thriller. Ungefähr die ersten einhundert Seiten geschieht nicht viel. In der Folge kommt es zu einem Anstieg der Spannungskurve.
Der Plot ist ungewöhnlich, aber interessant. Je tiefer man vordringt, umso mehr Rätsel und Ungewissheiten werden aufgelöst. Die zuvor zusammenhanglos erscheinenden Erzählebenen fügen sich nach und nach zu einem Ganzen zusammen.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Coverinnenseite © Bastei Lübbe AG, Köln 2025

Donnerstag, 8. Januar 2026

Calden, Saskia – Das geheime Zeichen

Über die Autorin

Saskia Calden wurde 1977 im Berchtesgadener Land geboren. Ihre Leidenschaft für das Schreiben und Erzählen von Geschichten entstand schon in der Kindheit. Seit eine ihrer Kurzgeschichten dem Nachbarsjungen eine schlaflose Nacht bescherte, war ihr Eifer geweckt. Ihr Debüt »Der stille Feind« wurde für den Deutschen Selfpublishingpreis nominiert. Ihr zweiter Psychothriller »Die Rachsüchtige« landete auf Platz 1 der Amazon-Kindle-Bestsellerliste – ebenso wie »Der Puppenwald«, der 2024 erschienene erste Band der Evelyn-Holm-Thrillerserie.


Das geheime Zeichen


Kategorie: Thriller
Ort der Handlung: Freiburg
Erstausgabe: Taschenbuch (07/25; 411 S.)
Schlagworte: Freiheitsberaubung, Misshandlung, Folter, Vergewaltigung
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Eine grausige Entdeckung

Ein neuer Fall für Evelyn Holm von der Freiburger Mordkommission. In einem Handlungsstrang, der in der Gegenwart spielt, wird bei Sanierungsarbeiten im Keller eines dreißig Jahre alten Hauses ein Skelett gefunden. Die Person wurde in Zement gegossen, bevor man sie eingemauert hat. Das Skelett hat eine Kette umgehängt.

Was hat es mit dieser Kette und dem Anhänger auf sich? Der Anhänger stellt eine Raute dar, in der sich geschwungene Linien in Form einer abstrakten Blüte kreuzen. Dieses Zeichen zieht sofort die Aufmerksamkeit von Evelyn an. Es treten Erinnerungen von vor dreißig Jahren auf, mit denen sie bis heute nicht abschließen konnte.

Ein paralleler Handlungsstrang führt uns zurück in die Vergangenheit. Dort lernen wir Viola Simon kennen. Sie träumt von einer Karriere als Malerin. Sie hat Talent, wie einige Gemälde von ihr beweisen.

Ein Wiedersehen mit Folgen

Viola begegnet zufällig Anna, mit der sie gemeinsam zur Schule gegangen ist. Anna will ihr behilflich sein, um in einen elitären Club aufgenommen zu werden, in dem Anna selbst Mitglied ist. Sie verspricht Viola, dass in diesem Club ihr Talent gefördert werden kann. Viola gelingt es schließlich, Mitglied in diesem Club zu werden. 

Dieser Eliteclub ähnelt einer Sekte und birgt ein dunkles Geheimnis in sich. Wer eine Mitgliedschaft erreicht, kann zu Erfolg und Ruhm gelangen, wenn derjenige sich an gewisse Regeln hält. Aber man kann auch tief fallen, wenn man gegen die Interessen dieser kriminellen Brutstätte verstößt. Ein Austritt aus diesem Club ist nicht möglich, jedenfalls nicht auf einem normalen Weg.

Ein persönliches Interesse

Evelyn ist getrieben von Ehrgeiz und persönlichem Interesse, diesen Fall zu klären. Schon aus dem Grund, da es eine Verbindung zu dem Doppelmord an ihren Eltern vor dreißig Jahren zu geben scheint. Man will ihr den Fall entziehen, da ihr Vorgesetzter genau aus diesem Grund einen Interessenkonflikt sieht. Evelyn ermittelt trotzdem weiter und begibt sich dadurch in große Gefahr.

Die Spannung zieht spürbar an, nachdem Evelyns Adoptivtochter Jessica von einer Party nicht nach Hause zurückkehrt. Evelyn erhält einen Drohbrief. Sie soll die Ermittlungen einstellen, andernfalls stößt ihrer Tochter etwas zu. Die Ereignisse überschlagen sich. Evelyn verhaftet einen Tatverdächtigen ohne Haftbefehl, ihr droht ein Disziplinarverfahren.

Eine kriminelle Vereinigung treibt Evelyn in die Enge. Sie kann nicht mehr rational denken und handeln. Nach dem Verschwinden von Jessica läuft alles nur noch über die emotionale Schiene ab.

Parallelen ersichtlich

Vom Charakter kommen fast alle Personen mit Ausahme von Evelyn Holm unsympathisch rüber. Teilweise sind sie gefährlich und unberechenbar. Auch mit Evelyns Kollegen ist es nicht einfach. Zusätzlich bereitet ihr ihre Adoptivtochter Jessica Probleme. Jessica haben wir schon in dem Evelyn-Holm-Thriller »Der Puppenwald« als Opfer einer Entführung kennengelernt. Auch jetzt steht wieder eine Person im Mittelpunkt, die gegen ihren Willen festgehalten und von der Außenwelt abgeschirmt wird. Ihre Fluchtversuche bleiben ohne Erfolg. Die Gründe sind hier allerdings anders gelagert.

Die Geschichte ist stimmig und innovativ erzählt. Man erwartet Antworten darauf, wie lange es schon her ist, dass ein Mensch im Keller eines alten Hauses eingemauert wurde und was der Grund dafür war? Gibt es eine Verbindung zu dem »Club« bzw. zu einer seit langem vermissten Person?


Fazit

Der Schreibstil ist flüssig und leicht lesbar. Die Kapitel sind überwiegend kurzgehalten. Im Verlauf der Handlung nimmt das Pacing merklich zu. Cliffhanger werden an den richtigen Stellen platziert, um den weiteren Verlauf später aufzulösen oder fortzusetzen. Wir begegnen Figuren, die man schon aus den anderen beiden Thrillern kennt. Trotzdem kann man dieses Buch ohne Vorkenntnisse lesen.
Durch häufige Perspektivwechsel bleibt die Geschichte spannend bis zum Schluss, was aber auch der überdurchschnittlich guten Erzählweise der Autorin geschuldet ist. 
Dass Saskia Calden eine Autorin mit Potential ist, hat sie schon in ihren ersten beiden Büchern der Evelyn-Holm-Reihe unter Beweis gestellt. Mit diesem Buch ist ihr ein weiterer Pageturner gelungen. Man darf auf den nächsten Band dieser Reihe gespannt sein (»Ein dunkles Versteck«, 31. März 2026).
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Innenseite © Saskia Calden, 2025
Buchcover: Edition M, Imprint von Amazon Publishing

Freitag, 2. Januar 2026

Michel, Julia – Schwester- herz

Über die Autorin

Julia Michel wurde in Willingen im hessischen Upland geboren und ist dort tief verwurzelt. Schon früh begann sie zu schreiben und veröffentlichte zunächst unter dem Pseudonym Maggie Jay mehrere regionale Thriller.
Sie ist ein großer Fan von Stephen King, dessen psychologische Tiefe und erzählerische Intensität sie stark beeinflusst haben. Nach einer Zeit in den USA lebt und arbeitet sie inzwischen wieder in Deutschland. Heute schreibt sie unter ihrem eigenen Namen Thriller, in denen familiäre Beziehungen, emotionale Abgründe und zerstörerische Geheimnisse im Mittelpunkt stehen.
Mit Schwesterherz legt sie nun ihren ersten Psychothriller als Julia Michel vor.
Quelle: Amazon


Schwesterherz


Kategorie: Kriminalroman
Ort der Handlung: Paderborn 
Erstausgabe: Taschenbuch (12/25; 276 S.)
Schlagworte: Horror, Paranoia, Realitätsverlust, Wahnvorstellungen
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5



Grausam, gruselig, Horror

Der Einstieg könnte nicht grausamer sein. Die Autorin kommt gleich zum Mittelpunkt des Geschehens. Kriminalhauptkommissar Holger Ebers bietet sich ein Bild in dem kleinen Einfamilienhaus der Gardners, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Eine Frau und ein Kind liegen blutüberströmt auf dem Boden. Beide wurden aufgeschlitzt und ausgeweidet. Aber wo ist das Herz des kleinen Mädchens? Es ist nicht auffindbar! In der Ecke kauert ein Mann mit einem Messer in der Hand. Es handelt sich um den Ehemann bzw. Vater der beiden Personen.


Schuldig oder nicht schuldig

Henry Gardner hat als Professor einen Lehrstuhl an der Universität in Paderborn. Er soll seine Frau Eva und die sechsjährige Tochter Emilie auf bestialische Weise ermordet haben. Dr. Anne-Marie Faber ist Psychiaterin. Sie begutachtet vermeintliche Straftäter, um herauszufinden, ob ein Täter oder eine Täterin zum Tatzeitpunkt schuldfähig war oder nicht.

Leidet Gardner an einer Psychose? Eine schizoaffektive Störung, die durch Realitätsverlust, Halluzinationen oder Wahnvorstellungen hervorgerufen wird? Das könnte eine mögliche Erklärung für sein Verhalten sein. Er wird in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Dort soll ihn die Oberärztin Dr. Anne-Marie Faber befragen und stabilisieren, damit er von der Polizei verhört werden kann. In den Gesprächen beteuert Gardner immer wieder seine Unschuld. 

In langen Gesprächen mit Dr. Faber erleben wir Gardner teilweise als Ich-Erzähler aus der Zeit vor den Taten. Er erzählt viel über sein Elternhaus und wie er aufgewachsen ist. Über Eva erfahren wir eigentlich nicht viel. Beide haben studiert und sind sich nach Abschluss ihres Studiums nähergekommen und haben nach einem Jahr geheiratet. Nachdem Eva bei der ersten Schwangerschaft vor sechs Jahren das Kind verlor, war sie beim zweiten Mal mit Zwillingen schwanger. Eines der beiden Mädchen starb noch im Mutterleib, aber das zweite Mädchen kam gesund zur Welt.


Ein Kind mit Verhaltensstörungen

Als Emilie zwei Jahre alt ist, wirkt sie manchmal wie ein anderer Mensch. Sie reagiert nicht auf ihren Namen und sie schaut sich um, als würde sie die Umgebung zum ersten Mal sehen. Im Alter von fünf Jahren entdecken die Eltern weitere Verhaltensauffälligkeiten bei ihr. Leidet auch Emilie vielleicht an einer Psychose?

Andere Kinder im Kindergarten fangen an, Emilie zu meiden. Die Nachbarin, die die Leichen im Haus der Gardners entdeckt hat, berichtet ebenfalls über ein merkwürdiges Verhalten von Emilie. Ihre Tochter Luisa und Emilie haben manchmal miteinander gespielt. Dabei fiel ihr auf, dass sich Emilie mit den Jahren veränderte. Sie wurde ruhiger, wirkte oft in sich gekehrt und rastete manchmal ohne ersichtlichen Grund aus. Das Jugendamt schaltet sich ein und prüft, ob Emilie von ihren Eltern misshandelt wird.


Was stimmt mit der Psychiaterin nicht?

KHK Ebers drängt Anne-Marie, schnellstens ihren Bericht zu Gardners psychischem Zustand abzugeben, damit er mit der Befragung beginnen kann. Für ihn ist die Beweislage eindeutig. Anne-Marie zögert aber die Befragung immer wieder hinaus. Ebers erinnert sie an einen ähnlich gelagerten Fall aus der Vergangenheit, wo sie schon einmal einen Fehler begangen hat. Holger Ebers und Anne-Marie Faber geraten des Öfteren aneinander, da sie unterschiedlicher Meinung sind, was den Umgang mit Gardner betrifft.

Irgendetwas stimmt mit Anne-Marie Faber nicht. Ist sie selbst schon Opfer ihrer eigenen Psyche geworden? Sie steht oft neben sich, seit ihre Lebensgefährtin Michelle mit ihr Schluss gemacht hat. Fünf Jahre waren die Beiden ein Paar. Nach mehreren Therapiegesprächen empfindet sie Sympathien für ihren Patienten Henry Gardner. Es entwickelt sich eine toxische Verbindung, je weiter sie in die Psyche von Gardner vordringt. Es fällt ihr schwer, das alles zu verarbeiten und sie greift immer häufiger zur Flasche.

Die Charaktere von Henry, seiner Frau Eva und Dr. Faber weisen alle drei starke Defizite in der Selbstwahrnehmung auf, bei Henry kommt eine nicht zurechnungsfähige Mentalität hinzu. Es gibt keinerlei nennenswerte positive Charaktereigenschaften. Man kann für diese drei Figuren keine Sympathie entwickeln, auch die kleine Emilie kommt einem unheimlich vor.


Kein whodunit

Ziel von »Schwesterherz« ist die Spannungserzeugung, die nicht auf einem whodunit beruht. Der Leser fühlt die Angst und die Wahrnehmung des Protagonisten (Henry), die von der empfundenen Bedrohung einer ihm nahestehenden Person ausgeht. Wie bei den meisten Psychothrillern wird hier eine paranoide Konstellation dramatisiert.


Fazit

Die Chronologie der Ereignisse: Zu Beginn wird man mit einer grausamen Tat konfrontiert. Danach erfährt man rückblickend in verschiedenen Stufen die Entstehung bis zum Tag »X«.
Es gibt keine Hänger in der Handlung. Die Spannung bleibt durchgehend auf einem hohen Level, das sich zum Ende hin noch steigert. Das Buch lässt sich flüssig lesen. Manchmal gibt es einen Cliffhanger am Ende eines Kapitels, um die Auflösung der Situation hinauszuzögern. Die Anzahl der Figuren ist überschaubar. Die Figurenzeichnungen weisen eine gewisse Tiefe auf, so dass man sich ein gutes Gesamtbild machen kann.
Oft vermischen sich die Grenzen der unterschiedlichen Genres miteinander. So kann man »Schwesterherz« nicht nur als reinen Psychothriller wahrnehmen, sondern auch als einen Horrorthriller.
Wer dieses Buch liest, sollte sich auf viele hässliche Details gefasst machen, die ekelerregend und grausam wirken können.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: https://www.amazon.de
Buchcover: Bildrechte gehören dem jeweiligen Verlag

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Johann, Petra – Wem du traust

Über die Autorin

Petra Johann, Jahrgang 1971, ist promovierte Mathematikerin. Sie arbeitete mehrere Jahre in der Forschung und in der Softwarebranche, bevor sie ihre wahre Berufung fand: Menschen umbringen – wenn auch nur auf dem Papier. Damit ihrer Fantasie bei neuen Projekten keine Grenzen gesetzt sind, schreibt Petra Johann keine Serien. Ihre Kriminalromane und Thriller sind Einzelstücke mit wechselndem Personal, in denen es um Themen geht, die Petra Johann faszinieren. Nach Lebensstationen in NRW und Bayern lebt und schreibt Petra Johann mittlerweile in Niedersachsen.


Wem du traust


Kategorie: Kriminalroman
Ort der Handlung: Irgendwo in Deutschland 
Erstausgabe: Paperback mit Klappentext (12/25; 428 S.)
Schlagworte: Häusliche Gewalt, Vermisst, Red Flags, Cold Case
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️/5



Wenn der Schein trügt

Wir lernen eine nahezu perfekte Familie kennen. Eva Kramer, ihren Mann Daniel und der gemeinsame fünfjährige Sohn Linus. Sie leben glücklich und in Harmonie in einem Neubaugebiet am Stadtrand. Eines Abends sind Eva und Daniel bei einer Geburtstagsparty eingeladen und die Babysitterin Sofia Ziemiak passt auf den kleinen Linus auf. Sofia ist die Tochter von Evas bester Freundin Susanne.

Nach der Rückkehr der Kramers fährt Daniel Sofia nach eigener Aussage nach Hause, wo sie aber nie ankommt. Die Fassade dieser scheinbar glücklichen Familie beginnt langsam abzubröckeln.

Die fünfzehnjährige Sofia ist sehr introvertiert. Sie pflegt keine sozialen Kontakte und hat weder Freunde in der Schule noch außerhalb. Das Handy benutzt sie nur zum Fotografieren. Zu den Aktivitäten auf ihrem Laptop kann ihre Mutter bei der Befragung durch die Polizei nichts sagen.


Risse in der Beziehung

Susanne lebt mit ihrem neuen Lebenspartner Axel Thürmer und Sofia in einer Patchworkfamilie zusammen. Es gibt Spannungen zwischen Sofia und Axel. Die Beiden verstehen sich nicht besonders gut. Sofia äußert sogar, dass sie ihr neues Zuhause »scheiße« findet. Es gibt auch Probleme in der Beziehung zwischen Susanne und Axel. Es sind Red Flags, die auch Sofia nicht verborgen bleiben.

Es bleibt unklar, was mit Sofia geschehen ist. Ist sie weggelaufen, wurde sie entführt oder ist sie vielleicht Opfer von Cyber-Grooming (Anbahnung sexueller Kontakte über das Internet) geworden? Lebt sie noch?


Unzertrennlich

Die persönliche Beziehung zwischen Eva und Susanne ist in dem Kriminalroman sehr stark ausgeprägt. Seit dem Gymnasium sind sie unzertrennliche Freundinnen. Nach dem Schulabschluss hat Susanne ein Studium begonnen und Eva eine Ausbildung. Nachdem Susanne ungewollt schwanger wird, ziehen die Beiden zusammen. Nach Sofias Geburt teilen sie sich die Erziehung. Als Sofia acht Jahre alt ist, lernt Eva Daniel kennen, den sie später heiratet. In dieser Zeit hat Sofia alles unternommen, um Eva und Daniel auseinander zu bringen. Nach und nach beruhigt sich aber die Situation wieder.


Was verschweigt Daniel Kramer

Daniel Kramer rückt immer mehr in den Fokus der Ermittlungen. Nicht zuletzt, weil er mehrmals Dinge verschwiegen oder schlichtweg gelogen hat bei Befragungen durch die Polizei. Wie ein roter Faden zieht sich die Verdächtigung durch den Plot. Daran ändert auch nichts, dass weitere Personen kurzzeitig verdächtigt werden. Das beeinflusst die narrative Wahrnehmung sehr stark.


Die Nerven liegen blank

Je mehr man liest, desto mehr Spannungen werden offensichtlich. Die einst »besten« Freundinnen Eva und Susanne geraten immer öfter aneinander. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe und machen ihre unterschiedlichen Standpunkte klar. Der Streit zwischen Eva und Susanne eskaliert. Eva wirft Susanne ihre Unterwürfigkeit gegenüber ihrem Partner Axel vor. Susanne kontert daraufhin und erwähnt die sexuellen Probleme zwischen Eva und Daniel. Eva und Daniel sind längst nicht mehr das Traumpaar von einst. Zu oft hat er Eva in der Vergangenheit belogen.


Sinnvolle Unterteilung

Der Kriminalroman ist in vier Teile aufgeteilt, was im Prinzip keinen Mehrwert für die Erzählung bringt. Interessanter ist da schon die Unterteilung in drei unterschiedliche Perspektiven. Eva, die Hauptprotagonistin, berichtet aus ihrer Sicht als Ich-Erzählerin. In kurzen Kapiteln erzählt uns eine andere Person über ihre Pein und Angst. Sie sucht verzweifelt nach einem Weg, wie sie der Situation entkommen kann.

Die dritte Ebene widmet sich der Ermittlungsarbeit durch die Polizei. Diese beschränkt sich nicht nur auf die Suche nach der vermissten Schülerin Sofia, sondern richtet sich auch auf einen zurückliegenden Mord von vor fünfzehn Jahren an einer Schülerin. Gibt es hier Gemeinsamkeiten mit dem aktuellen Vermisstenfall? Das hat die Autorin alles geschickt miteinander verknüpft.


Was am Ende steht

Es gibt Dinge, die mir am Setting nicht gefallen haben. Da sind zum einen die klischeehaften Wiederholungen von Anrufen auf dem Smartphone. Das hat mit der Zeit wie eine Floskel auf mich gewirkt. Die Aufklärung des Vermisstenfalls war mir zu banal und konstruiert. Alle offenen Fragen werden auf den letzten Seiten des Kriminalromans gebündelt beantwortet.

Das Sprichwort »Trau, Schau, Wem« ist eine zeitlose Mahnung zur Vorsicht. Es kommt hier sehr gut zum Ausdruck. Es erinnert daran, nicht jedem Menschen und jeder Situation blind zu vertrauen, sondern sich ein eigenes Bild zu machen und genau hinzusehen.


Fazit

»Wem du traust« ist ein psychologischer Kriminalroman, der weitestgehend auf blutige Details und harten Thrill verzichtet. Petra Johann ist eine klare Unterscheidung zwischen Krimi und Thriller gelungen.
Der Schreibstil ist flüssig und leicht verständlich. Die Verhaltensweisen der verschiedenen Figuren und deren Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen herauszuarbeiten, spricht für die Autorin. Die Kapitel sind überwiegend kurzgehalten und enden mit einem Cliffhanger, um die Auflösung einer Situation zu verzögern.
Es gibt Längen in den Erzählungen (Bsp.: Lagebesprechungen bei der Polizei), die die Spannung des Öfteren ausbremsen.
Es werden immer wieder neue Figuren erwähnt, die in Erscheinung treten. Da sie für den Handlungsablauf nicht wichtig sind, verschwinden sie genauso schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Homepage von Petra Johann
Buchcover: Bildrechte gehören dem jeweiligen Verlag

Dienstag, 16. Dezember 2025

Crouch, Sarah – Middletide - Was die Gezeiten verbergen

Über die Autorin

Sarah Crouch ist vor allem für ihre Leistungen im Bereich der Leichtathletik als Profi-Marathonläuferin bekannt. Die Autorin ist im Pazifischen Nordwesten der USA ausgewachsen und lebt momentan mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern im Süden. »Middletide« ist ihr Debütroman.


Middletide – Was die Gezeiten verbergen


Kategorie: Roman – Washington, Puget Sound
Erstausgabe: Gebundene Ausgabe (02/25; 384 S.)
Schlagworte: Liebe, Trauer, Hass, Rache
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind

Sarah Crouchs Debüt erzählt von einer Geschichte, die sich über einen Zeitraum von mehr als neunzehn Jahren erstreckt. Sie ereignet sich in der Kleinstadt Point Orchards, die in der Meeresbucht Puget Sound liegt.

Die Erzählung wird dominiert von einer großen Liebe, aber auch von Trauer, Hass und Rache. Die Zeitzählung beginnt im Jahr 1973. Elijah Leith (17) lernt die indigene Nakita Mills (16) aus dem Indianerreservat der Squalomah kennen, als sie in das Highschoolteam kommt. Beide Teenager kommen sich näher und verlieben sich ineinander.

Alles ändert sich, als Elijah nach seinem Schulabschluss nach San Francisco geht, um Schriftsteller zu werden. Das war schon immer sein Traum. Er verspricht der enttäuschten Nakita, dass er spätestens nach vier Jahren zurückkehren wird.


Ein Misserfolg auf der ganzen Linie

Sein Debütroman »Middletide« ist ein Kriminalroman über einen Mord an einer Frau, der wie ein Suizid aussehen soll. Es ist unklar, ob sein Buch auf einem wahren Verbrechen beruht. Elijah findet einen Verlag und eine Lektorin, die sehr angetan von dem Inhalt ist. Sie prophezeit ihm hohe Verkaufszahlen nach der Veröffentlichung. Doch es kommt anders. Das Buch verkauft sich kaum und ein Kritiker schreibt eine niederschmetternde Rezension, was Elijah veranlasst, das Schreiben aufzugeben.


Eine glanzlose Rückkehr

Er kehrt nach siebzehn Jahren zurück an den Ort, den er einst voller Tatendrang verlassen hat. Elijah ist mittlerweile über dreißig. Er ist ein gebrochener, orientierungsloser und niedergeschlagener Mensch. Zunächst traut er sich nicht, zu seiner Jugendliebe wieder Kontakt aufzunehmen, da er sein Versprechen von damals nicht gehalten hat. Nakita hat in der Zeit seiner Abwesenheit einen schweren Schicksalsschlag erlitten.

Vieles ist nicht mehr so, wie er es in Erinnerung hat. Seine Eltern sind längst tot. Er zieht in deren alte Hütte und renoviert sie nach und nach. Im Garten baut er Obst und Gemüse an, mit Pfeil und Bogen geht er auf die Jagd. Eine Arbeit findet er bei Chitto in der Autowerkstatt, wo schon sein Vater gearbeitet hat.


Eine Beziehung mit Folgen

Eine andere Frau tritt in sein Leben – die junge Ärztin Dr. Erin Landry aus Point Orchards. Elijah hat es ihr scheinbar von Beginn an angetan und sie möchte ihn näher kennenlernen. Durch ihre fordernde Art ist sie die treibende Kraft, was zu einer dreimonatigen Beziehung führt. In dieser Zeit wird es außer Küssen zu keiner weiteren körperlichen Nähe kommen. Später wird man den wahren Grund erfahren, warum Erin Elijahs Nähe gesucht hat.

Elijah muss in dieser Zeit immerzu an seine große Liebe Nakita denken, auch wenn er mit einer anderen Frau zusammen ist. Nach drei Monaten beendet Elijah die Beziehung, was Wut und Enttäuschung bei Erin auslöst.


Suizid oder Mord

Zwei junge Fischer entdecken am Rande eines Sees auf dem Grundstück der Leiths eine Frau, erhängt an einer Tanne. Es sieht nach Suizid aus. Es handelt sich um die 35-jährige Ärztin Dr. Erin Landry aus Point Orchards.

Die Art und Weise, wie Doc Landry zu Tode kam, erinnert an Elijahs Roman »Middletide«, in dem er über das geschrieben hat, was hier geschehen ist. Benutzt jemand Elijahs Roman, um ihm einen Mord in die Schuhe zu schieben? Wer könnte ihn so sehr hassen?

Die Polizei findet bei einer Hausdurchsuchung Landrys Tagebuch, das Elijah schwer belastet. Sie schreibt darin über heftige Streitereien, wobei Elijah gewalttätig gegen sie geworden sein soll. Entspricht das der Wahrheit? Elijah hat man als einen gutmütigen und eher ruhigen Menschen kennengelernt. Da die Beweislast erdrückend ist, wird Elijah verhaftet. Es gibt Indizien, die sowohl für Elijahs Schuld als auch für seine Unschuld sprechen.


Eine Mordanklage steht im Raum

Fortan kämpft er nicht nur um Nakita, sondern muss auch seine Unschuld beweisen. Bei Chitto findet Elijah Verständnis für sein Verhalten. Chitto ist so etwas wie ein väterlicher Freund. Reverend Samuel Mills, der Vater von Nakita, ist anfangs nicht glücklich über Elijahs Rückkehr. Nach und nach nähern sich die Beiden aber an und schließlich redet er Elijah zu, das erneute Werben um seine Tochter Nakita nicht aufzugeben. Auch bei der Verteidigung vor Gericht will er Elijah unterstützen, denn Reverend Mills ist genauso wie Nakita von Elijahs Unschuld überzeugt.


Liebe, Leid und Hoffnung

»Middletide« ist nicht nur ein Liebesroman. Es geht auch um einen Kriminalfall und dessen Aufklärung. Eine Gerichtsverhandlung schließt sich daran an. Das hat Sarah Crouch alles geschickt miteinander verwoben. Zum Ende hin überrascht die Autorin mit gezielt gesetzten Plot-Twists, die den Ausgang der Geschichte entscheidend beeinflussen.


Fazit

Sarah Crouch hat ihren Debütroman in einer wundervollen Prosa vor dem Hintergrund einer malerischen Kulisse im Nordwesten des US-Bundesstaats Washington niedergeschrieben.
Die Handlung ist ein in sich gut durchdachtes Konzept. Leider folgt sie keinem kontinuierlichen Zeitstrahl. Obwohl die kurz gehaltenen Kapitel mit Datumsangaben überschrieben sind, machen es die mehrmaligen Zeitsprünge vorwärts in die Gegenwart und zurück in die Vergangenheit schwierig, der Handlung zu folgen.
Die Subline des Buches »Was die Gezeiten verbergen« passt perfekt. Die Gezeiten spielen eine nicht unerhebliche Rolle bei der Wahrheitsfindung.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Schutzumschlag © dtv Verlagsgesellschaft München, 2025
Buchcover: Bildrechte gehören dem jeweiligen Verlag