Samstag, 16. Mai 2026

Shepherd, Catherine – Meine tote Schwester

Über die Autorin

Catherine Shepherd wurde 1972 mit ihrem bürgerlichen Namen Katrin Schäfer geboren und lebt mit ihrer Familie in Zons am Rhein. Sie hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität Gießen studiert und nach Ihrem Abschluss als Diplom-Ökonomin in einer Düsseldorfer Bank gearbeitet.
Sie gehört zu den erfolgreichsten Thriller-Autoren Deutschlands. Ihre Bücher erreichen regelmäßig Spitzenplätze in den Bestsellerlisten. Aufgewachsen in Berlin und heute ansässig in dem kleinen mittelalterlichen Städtchen Zons schreibt Catherine Shepherd an drei verschiedenen Reihen. Ihre Zons-Thriller sind für die zwei Zeitebenen bekannt, in denen sie spielen. In der zweiten Reihe ermittelt Laura Kern vom Landeskriminalamt Berlin in besonders schwerwiegenden Fällen. Ihre dritte Reihe ist geprägt durch die Kölner Rechtsmedizinerin Julia Schwarz, die in ihrem Institut auch Eislady genannt wird.


Meine tote Schwester


Autorin: Catherine Shepherd
Titel: Meine tote Schwester
Genre: Psychothriller
Erscheinungsdatum: 16. April 2026
Seitenzahl: 399
Verlag: Kafel Verlag
Preis: 16,99 € (Paperback); 2,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️ (Score 60/100)

 

Zu Beginn vermisst man Spannung

Da ich bisher noch nichts von der Autorin gelesen habe, war ich gespannt auf diesen Thriller. In ihrem ersten Stand Alone präsentiert Shepherd einen typischen Whodunit. Leider wurde ich gleich zu Beginn etwas enttäuscht. Es fällt nicht leicht, einen Bezug zu dem Storytelling herzustellen. Der Plot kann anfangs nicht gerade Spannung erzeugen. Das hat ungefähr die ersten hundert Seiten Bestand. Zu viele Personen treten in Erscheinung, die man erst einmal zuordnen muss.

Eine Villa mit gruseliger Vergangenheit

Es geht in erster Linie um Charlotte, Mia, Lisa und Lukas. Mias Schwester Jasmin ist vor zehn Jahren in einer Villa gegenüber von ihrem Haus ums Leben gekommen. Sie soll sich im ersten Stock gegen ein morsches Geländer gelehnt haben und dabei in die Tiefe gestürzt sein. Dieses alte, seit elf Jahren leerstehende Haus gehörte ursprünglich einem Psychiater. Dr. Schenkenberg soll in seinem Wahn Experimente an Frauen durchgeführt haben, die tödlich endeten. Erst als seine Ehefrau verschwand, wurde die Polizei misstrauisch. Verhaftet wurde er nie, da er plötzlich von der Bildfläche verschwunden war.

Mia ist heute sechszehn Jahre alt, genauso alt wie ihre Schwester damals. Sie hat von ihrer Mutter striktes Verbot, diese Villa zu betreten. Flashbacks sorgen dafür, dass sie ihre tote Schwester Jasmin immer wieder am Fenster im ersten Stock der Nachbarsvilla sieht. Sie hat Albträume, die mit der Zeit zunehmen und ist deswegen in psychiatrischer Behandlung. Das erklärt das Verbot ihrer Mutter.

Ist Nora wirklich eine fürsorgliche Mutter

In einem anderen Handlungsstrang geht es um Lukas und seine Mutter Nora. Der sechszehnjährige Lukas soll seine Freundin getötet haben. Lukas gilt offiziell als unschuldig. Es soll ein Unfall gewesen sein, allerdings glaubt er selbst nicht daran. Er kommt schnell in Rage. Schon als Kleinkind hat ihn die Wut gepackt, wenn etwas gegen seinen Strich ging. Dann hat er sein Spielzeug mutwillig zerstört.

Da es ständig Anfeindungen gegen ihn in der Schule gibt, will seine Mutter Nora unbedingt aus Hamburg wegziehen. Es ist merkwürdig, dass sie sich nicht sicher ist, ob Lukas am Tod einer Mitschülerin unschuldig ist. Will sie nur wegen ihrem Sohn Hamburg schnellstmöglich verlassen, oder steckt mehr dahinter?

Da kommt es Nora wie gerufen, dass ihr eine befreundete Maklerin ein Haus sechshundert Kilometer von ihrem jetzigen Zuhause entfernt anbietet. Die Fotos und der Kaufpreis überzeugen Nora und so muss sie nicht lange überlegen und kauft es, ohne das mit ihrem Sohn abzusprechen. Aber der will partout in Hamburg bleiben wegen einem Mädchen. Doch letztlich kann sie ihn von der Notwendigkeit eines Umzugs überzeugen. Ab diesem Zeitpunkt laufen beide Handlungsstränge zusammen. Sie hat keine Ahnung davon, was diesem Haus für ein schauriger Ruf vorauseilt. Da es schon seit geraumer Zeit leer steht, wird dieser Lost Place immer wieder von Jugendlichen genutzt, um dort gruselige Inszenierungen zu filmen und die Videos online zu stellen. Plötzlich ist Charlotte verschwunden, Mias beste Freundin.

Figuren ohne Tiefgang und Sympathie

Die meisten Figuren bleiben eher blass. Mia, Charlotte und Lisa kennen die Vorgeschichte von Lukas. Trotzdem nehmen sie ihn ohne große Vorurteile auf, und er kann sich schnell integrieren. Aber richtig Sympathie kann man für keinen der Genannten empfinden. Auch die Figur von Nora wirkt aus meiner Sicht nicht überzeugend in ihrer Rolle als Mutter. Sie lässt sich sehr schnell auf jemanden ein, ohne ihn näher zu kennen, und sie hat ein Alkoholproblem. Als sie merkt, dass sie den Boden unter den Füßen verliert, bittet sie ihren Vater um Hilfe. Kaum ist dieser angekommen, hat sie das Gefühl, die Kontrolle völlig zu verlieren.

Die Auflösung war so nicht zu erwarten

Ein Spannungsaufbau kommt nur langsam zustande. Zwei Episoden aus der Vergangenheit werden lediglich mittelbar in die Handlung eingebunden. Da ist zum einen der Tod von Jasmin vor elf Jahren und zum anderen die verstörende Vergangenheit von Lukas. Zumindest wird beides zu einem späteren Zeitpunkt aufgeklärt, was einige Überraschungen parat hält. Polizeiliche Ermittlungsarbeit spielt eher eine untergeordnete Rolle.

Der Plot lässt keine klare Struktur erkennen. Während sich der Handlungsstrang über einen langen Zeitraum immer in der gleichen Ebene befindet, kommt irgendwann zum Ende hin ein einziges kurzes Kapitel aus der Sicht des Täters. Es folgt ein Zeitsprung einige Tage zurück gefolgt von einigen Tagen später. Das hätte man meines Erachtens besser in die gesamte Handlung einbinden und vertiefen können.

Im weiteren Verlauf gibt es dann doch einige Twists, die für Verwirrung und Spannung in der Handlung sorgen. Ein überraschender Plot-Twist am Ende entlarvt den Täter und die Hintergründe. Allerdings hat das für mich nicht ausgereicht, um diesen Thriller auf einen höheren Level zu heben.


Fazit

Positiv kann man bewerten, dass das Buch angenehm leicht zu lesen ist. Und alles entwickelt sich anders, als man es vermuten könnte. Eine gute Grundidee ist vorhanden, was ebenfalls hervorzuheben ist.
Unter dem Strich hatte ich mir aber mehr von diesem Buch erhofft. Manch einer mag es anders sehen, aber ich war alles in allem etwas enttäuscht. Ich würde das Buch mehr in der Zielgruppe Jugendthriller verorten, wenn es durchaus auch von Erwachsenen gelesen werden kann.
Wenn ich an andere Bücher denke, in denen Teenager die Hauptrolle spielen, wie z.B. J.C. Tudor (Der Kreidemann) oder C. Morton (Deep Sleep 1-3), kann »Der Tod meiner Schwester« am wenigsten punkten. Wenn es auch unterschiedliche Genres sind.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: https://www.catherine-shepherd.com
Rezensionstext: © V. Kaiser; Die KI-generierte Darstellung zeigt eine Szene aus dem Buch

Samstag, 9. Mai 2026

Calden, Saskia – Ein dunkles Versteck

Über die Autorin

Saskia Calden wurde 1977 im Berchtesgadener Land geboren. Ihre Leidenschaft für das Schreiben und Erzählen von Geschichten entstand schon in der Kindheit. Seit eine ihrer Kurzgeschichten dem Nachbarsjungen eine schlaflose Nacht bescherte, war ihr Eifer geweckt. Ihr Debüt »Der stille Feind« wurde für den Deutschen Selfpublishingpreis nominiert. Ihr zweiter Psychothriller »Die Rachsüchtige« landete auf Platz 1 der Amazon-Kindle-Bestsellerliste – ebenso wie »Der Puppenwald«, der 2024 erschienene erste Band der Evelyn-Holm-Thrillerserie. Ihre Thriller standen mehrere Wochen auf Platz 1 der Amazon Kindle-Charts und überzeugten hunderttausende Leser mit einer komplexen Story zum Miträtseln, unerwarteten Wendungen und emotionalem Tiefgang.


Ein dunkles Versteck


Autorin: Saskia Calden
Titel: Ein dunkles Versteck
Genre: Thriller, Psychothriller
Erscheinungsdatum: 31. März 2026
Seitenzahl: 399
Verlag: Edition M Amazon Selfpublishing
Preis: 11,99 € (Taschenbuch); 4,49 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 86/100)


Evely Holm ermittelt wieder

Das ist bereits der vierte Fall mit der Freiburger Kriminalhauptkommissarin Evelyn Holm. Die meisten Figuren kennt man bereits aus den drei vorhergehenden Bänden der Reihe. Neu hinzu gekommen ist die junge Kollegin Dorothea Stevens. Es rumort im Team. Mit Hannes hatte Evelyn schon vor seiner Elternzeit Probleme. Jetzt behauptet er gegenüber der neuen Kollegin, dass sich Evelyn bei ihrem Vorgesetzten Gersthof eingeschleimt hat und alle im Team kleinhält. Aber zwischen Gersthof und Holm stimmt die Chemie ebenfalls nicht. In dem aktuellen Fall wirkt Evelyn leider nicht so souverän, wie man es von ihr kennt.

Das Verhalten der neuen Kollegin ist mehr als merkwürdig. Dora ist zwar eifrig und wissbegierig, aber es fällt schwer, sie einzuschätzen. Sie kennt Dinge aus Evelyns Vergangenheit. Warum interessiert sie das und wo hat sie die Informationen her? Das wird zu keinem Zeitpunkt aufgelöst!

Einen schmalen Wulst, der sich über die Innenseite ihres Handgelenkes zieht, versucht sie zu verbergen. Könnte das ein Indiz für einen Suizidversuch sein? Letztlich öffnet sich Dora gegenüber Evelyn und erzählt ihr, dass sie Angst vor einer Person hat, die sie vielleicht findet. Ein interessanter Cliffhanger, auf dessen Auflösung man in einem weiteren Band gespannt sein darf.

Eine grausame Entdeckung

Der neue Fall beginnt mysteriös. Auf dem Kandel (höchste Erhebung im Mittleren Schwarzwald) wird eine übel zugerichtete und verstümmelte Frauenleiche gefunden. Der Zustand der Leiche deutet darauf hin, dass es sich um einen sadistisch motivierten Mord handelt. Den einzigen Anhaltspunkt, den die Spurensicherung findet, ist ein geflochtenes Lederarmband.

Drei Frauen, drei verschiedene Perspektiven

Aus einer anderen Perspektive lernen wir Isabell kennen. Im Supermarkt spricht sie ein ihr unbekannter Mann an und führt seltsame Dialoge mit ihr. Er ist aufdringlich und lässt sich nicht abschütteln. Auch in den kommenden Tagen und Wochen wird sie immer wieder mit seiner Anwesenheit konfrontiert. Er schleicht um ihr Haus und erscheint in dem Bistro, wo Isabell arbeitet. Er stalkt sie und lässt auch nicht locker.

Isabell ist glücklich verheiratet mit Gabriel. Sie fühlt sich in gewisser Weise emotional abhängig von ihm. Gabriel sieht es offensichtlich anders, wie seine außerehelichen Liebschaften zeigen. Er belügt seine Frau, wenn er ihr die Gründe seiner Abwesenheit von zu Hause nennt. Irgendwann erfährt Isabell davon. Sie ist verletzt, aber will für ihre Liebe kämpfen. Trotzdem kann man aufgrund ihres Verhaltens keine Sympathie für sie empfinden.

Die Perspektiven wechseln häufig zwischen Kapiteln, die mit Evelyn, Isabell und Katalina überschrieben sind. Diese Figuren erzählen jeweils in der Ich-Form. Katalina ist eine junge Studentin, die seit geraumer Zeit vermisst wird. Sie wird in einem dunklen Versteck gefangen gehalten und was mit ihr geschieht, ist ein unfassbar grausames Martyrium. Gibt es Verbindungen zwischen der Toten vom Kandel sowie der vermissten Katalina Hess und dem Stalkingopfer Isabell Walbaum?

Wer ist der wahre Täter?

Es gibt Hinweise auf mögliche Täter. Die Ermittlungen laufen jedoch schnell ins Leere. Entweder hat man keine Beweise oder es gibt stichhaltige Alibis. Was die Ermittlungen ergeben, steht einen Tag später in der Presse. Ein Reporter von der Zeitung erwähnt Evelyn gegenüber sogar, dass die Informationen von ihr selbst stammen. Wer treibt so ein falsches Spiel? Gibt es einen »Maulwurf« bei der Polizei – vielleicht sogar im Team von Evelyn?

Ein entscheidender Hinweis

Ein Zeuge, der eine wichtige Beobachtung gemacht hat, bringt den entscheidenden Hinweis. Ein unvorhersehbarer Plot-Twist führt schließlich auf die Spur des Täters. Dass der schon ca. 80 Seiten vor dem Ende des Buches entlarvt wird, fand ich definitiv zu früh. Die Spannung wird danach lediglich auf die Überführung des Täters projiziert. Das Setting kann man sicher so aufbauen und ist letztlich eine Geschmackssache.


Fazit

Der Thriller ist düster und atmosphärisch. Die Erzählstruktur ist gut durchdacht. Saskia Calden gehört zu den Autorinnen und Autoren, die es verstehen, gleich zu Beginn Spannung aufzubauen. Die Schreibweise ist flüssig, packend und die Handlung lässt einem beim Lesen durch die Seiten »fliegen«.
Häufige Perspektivwechsel durch die drei Ich-Erzählfiguren Evelyn, Isabell und Katalina enden an den Kapitelenden mit einem Cliffhanger. Die Fortsetzung erfolgt jeweils zügig. Die Figuren als solches sind authentisch beschrieben.
Calden erklärt Handlungen zwischen den Zeilen, die einen fiktiven Thriller mit realen Sachverhalten vergleichen. Das Thema Stalking wird sehr tiefenpsychologisch und realistisch beschrieben. 
Wenn man sich für diese Reihe interessiert, sollte man sie von Anfang an lesen. Sie beginnt mit Band 1 »Der Puppenwald«. Nur so hat man einen Überblick, wie sich die Historie der Figuren seitdem entwickelt hat. Die Fälle als solches sind in sich abgeschlossen.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Innenseite, Homepage © Saskia Calden, 2026
Rezensionstext: © V. Kaiser; KI-generiertes Foto

Mittwoch, 29. April 2026

Walsh, Colin – Kala

Über den Autor

Colin Walsh stammt aus Galway und lebt in Belgien. Für sein Schreiben wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Seine Texte erschienen unter anderem in The Stinging Fly und The Irish Times und wurden auf RTÉ Radio 1 sowie BBC Radio 4 ausgestrahlt. Kala ist sein erster Roman, der bereits 2023 in englischer Sprache erschien. Das Buch wurde international zu einem großen Bestseller.


Kala


Autor: Colin Walsh
Titel: Kala
Genre: Roman, Kriminalroman
Erscheinungsdatum: 12. Januar 2026
Seitenzahl: 482
Verlag: Gutkind Verlag
Preis: 24,00 € (Paperback); 9,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 94/100)

 

Ein starkes Debüt eines irischen Autors

»Kala« ist der Debütroman des irischen Autors Colin Walsh. Mit diesem komplexen Werk hat Walsh mehr als eine Kriminalgeschichte geschrieben, die zwischen Freundschaft und Gewalt pendelt. Es ist gleichzeitig ein Drama zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die man als Noir bezeichnen kann. Das Buch ist bereits im Jahr 2023 in der englischen Ausgabe erschienen und wurde international zu einem großen Bestseller. Nun liegt die deutsche Ausgabe vom Berliner Gutkind Verlag vor.

Eine Clique im Zentrum des Geschehens

Die Freundschaft von sechs Teenagern im Coming-of-Age Alter steht im Mittelpunkt der Geschichte. »Kala« ist ein intensiv geschriebener Roman. Auf der einen Seite geht es um Gefühle und Verdrängung, wenn es um die Figuren von damals und den drei Haupterzählern in der Gegenwart geht. Aber der Roman ist auch brutal und das betrifft nicht nur den Kriminalfall.

Die Erzählung startet im Sommer 2003 in dem irischen Touristenort Kinlough. Im Vordergrund steht dabei eine unzertrennliche Clique von sechs Jugendlichen im Alter von dreizehn Jahren. Katherine »Kala« Lanann, Aoife und Helen sowie die Jungs Aidan, Joe und Mush erleben eine unbeschwerte Zeit. Kala ist selbstbewusst und empathisch, aber auch charismatisch. Sie möchte immer im Mittelpunkt stehen.

An einer Stelle des Textes ist zu lesen, dass Kala mit dem Fahrrad einen Hügel hinunterrast und am Fuß des Hügels durch eine schmale Lücke blindlings die stark befahrene Hauptstraße überquert. Lediglich Mush folgt ihr. Laut Helen war er immer der Mutigste in der Gruppe.

Die unbeschwerte Zeit nimmt ein jähes Ende, als Kala spurlos verschwindet und nicht wieder auftaucht. Es folgen Jahre des Schweigens. Die Erzählung erfährt ihre Fortführung im Sommer 2018, fünfzehn Jahre später. Man findet menschliche Überreste im Wald. Es ist der Zeitpunkt, als sich drei Freunde der ehemaligen Clique wiedersehen. Wie gehen Helen, Joe und Mush mit dieser Nachricht um? Alte Erinnerungen von damals werden wieder wach. Sie kommen nicht umhin, sich der Vergangenheit zu stellen.

Sie erzählen abwechselnd aus ihrer Sicht, was sich im Jahre 2003 und fünfzehn Jahre später ereignet hat und stellen dabei immer noch Vermutungen an, was mit Kala geschehen sein könnte. Diese drei hatten eine besondere Beziehung zu Kala. Für Joe war es seine erste große Liebe, für Helen ihre beste Freundin und für Mush seine Vertraute. Das Einflechten der Rückblenden in die Erzählungen der Gegenwart ist dem Autor sehr gut gelungen.

Wenn die Gegenwart die Vergangenheit einholt

Helen lebt und arbeitet als freiberufliche Autorin in Kanada. Nach eigener Aussage »über einem beschissenen Pizzaladen in einer beschissenen Stadt« (Buchzitat). Sie hat nichts und niemanden und kehrt nur widerwillig in ihre alte Heimat zur Hochzeit ihres Vaters zurück. Joe ist mittlerweile ein gefragter Musiker und kommt nach Kinlough, um ein Konzert im Flanagan’s zu geben. Er versucht, der Vergangenheit durch Alkohol zu entfliehen. Manchmal ist er so zugedröhnt, dass er am nächsten Tag nicht mehr weiß, was tags zuvor geschehen ist. Mush hat Kinlough nie verlassen und arbeitet im Café seiner Mutter.

Die Vergangenheit und deren Hintergründe werden allmählich aufgearbeitet. Es drängen sich Fragen auf: Warum ist Kala plötzlich nicht mehr da und was ist mit den anderen aus der ehemaligen Clique geschehen? Wo rühren die Narben her, die Mush im Gesicht hat? Es wird Spannung aufgebaut, je mehr man aus der Vergangenheit erfährt. Das Erzähltempo nimmt zu, der Ton wird rauer. Gewalt und die Beschädigungen der Beteiligten treten dabei immer mehr in den Vordergrund. Beim Lesen stellt sich ein Gefühl ein, dass man der Aufklärung der Ereignisse aus der Vergangenheit immer näherkommt.


Fazit

Die einzelnen Figuren sind intensiv gezeichnet. Die Hauptfiguren sind vielschichtig und authentisch. Die Beschreibungen driften dabei nie ins Klischeehafte ab. Der Autor hat in seinen Erzählungen auch einen Blick auf die Abgründe in der irischen Gesellschaft und der Korruptheit der Polizei geworfen.
Es ist kein Roman zum Einfach-weg-lesen. Es geht um Freundschaft, Verlust, Schuld, Verzweiflung, aber auch um Verdrängung. Das hat Walsh alles gut miteinander verbunden. Wenn man sich intensiv mit dem Stoff befasst, wird man Freude an diesem Buch haben.
Gut gelungen und sinnvoll finde ich den Index der Hauptfiguren am Anfang des Buches. Man bekommt dabei eine bessere Sichtweise auf die einzelnen Familienverbände.
 
Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia, Amazon
Rezensionstext: © V. Kaiser; KI-generiertes Foto von der irischen Kleinstadt Kinlough

Samstag, 18. April 2026

Welsh-Huggins, Andrew – The Mailman

Über den Autor

Andrew Welsh-Huggins ist ein US-amerikanischer Journalist, Herausgeber und Autor, der sich vorrangig mit Verbrechen auseinandersetzt, ob im Journalismus, im Sachbuch oder in seinen Thrillern und Krimis. Sein 2023 erschienener Krimi »The End of the Road« war für das Library Journal der beste Thriller des Jahres und wurde in amerikanischen Genrekreisen gefeiert. Er lebt in Columbos, Ohio.


The Mailman


Autor: Andrew Welsh-Huggins
Titel: The Mailman - Er liefert. Immer.
Genre: Actionthriller
Erscheinungsdatum: 04. März 2026
Seitenzahl: 400
Verlag: Hoffmann und Campe
Preis: 18,00 € (Paperback); 15,00 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 81/100)


 

Ein Überfall mit Geiselnahme

Der Plot startet rasant. Während eines häuslichen Streits zwischen den Eheleuten Rachel Stanford und ihrem Mann Glenn Vaugn geht es um Glenns sechszehnjährige Tochter Abby. Plötzlich dringen vier maskierte Männer durch die Hintertür ins Haus ein und nehmen die Bewohner als Geiseln. Der Wortführer Finn und die anderen drei Gangster ziehen die Sturmhauben ab, was nichts Gutes verheißen lässt. Sie drohen mit Gewaltanwendung und wie es scheint, wird es nicht nur bei einer Drohung bleiben.

Die junge Anwältin Rachel Stanford soll ihnen eine Kopie einer eidesstattlichen Aussage ihrer Mandantin Stella Wolford übergeben. Des Weiteren soll sie den Kidnappern den Aufenthaltsort von Stella mitteilen und ihnen beantworten, was es mit den Zahlen 22-7 auf sich hat. Weder Rachel noch Glenn können diese Forderungen erfüllen.

Plötzlich läutet es an der Haustür. Der Kurierfahrer Mercury Carter möchte eine Lieferung an Rachel zustellen und nimmt dabei seinen Job sehr ernst. Er hat bestimmte Vorstellungen von Regeln, von denen er keinen Millimeter abweicht. Das sind schlechte Voraussetzungen. Keinesfalls für Mercury, sondern für die Gangster, was diese am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Kein gewöhnlicher Kurierfahrer

Aus einer anderen Perspektive lernen wir die Hauptfigur Mercury (Merc) Carter näher kennen. Merc war einst ein begabter Baseball-Spieler, bis eine schlimme Verletzung seine Karriere beendete. Ein weiterer Tiefschlag war der Mord an seinem Vater, mit dem er eng verbunden war. Das hat ihn für sein weiteres Leben geprägt. Von seinem äußeren Erscheinungsbild her ist Merc eher klein, hager und schmal gebaut. Er trägt eine Drahtgestellbrille, hat braune Augen und als Kopfbedeckung immer eine Baseballkappe der Rochester Red Wings.

Er macht eine Ausbildung zum Bundesagenten beim United States Postal Inspection Service (USPIS). Da diese Behörde mit Polizeibefugnissen versehen ist, erlernt er während der Ausbildung außergewöhnliche Fähigkeiten, die ihn von einem normalen Kurierfahrer unterscheiden. Einen Mordanschlag überlebt er schwer verletzt und bekommt nach seiner Genesung keine Zulassung mehr, um bei der USPIS weiterzuarbeiten.

Er arbeitet fortan als freiberuflicher Kurierfahrer. Carters Onkel ist die Schaltzentrale. Er nimmt die Aufträge für Merc entgegen und recherchiert für ihn, wenn nötig. Vom Charakter her eher ein Antiheld, nimmt es Merc mit jedem auf, der ihm in die Quere kommt. Er hat ganz eigene Vorstellungen von der Ausführung seiner Aufträge. Er arbeitet entschlossen und zielstrebig nach seinem Mantra »Regeln sind Regeln«, wofür er notfalls auch tötet.

Temporeich und voller Action zu Beginn

Nach einem temporeichen und actiongeladenen Beginn hofft man, dass es so weitergeht. In dieser ersten Phase erinnert man sich gerne an die amerikanischen Schriftsteller Charlie Huston bzw. Don Winslow. Leider hält der Plot nicht, was sein rasanter Einstieg verspricht.

Nachdem die Gangster Rachel entführt haben, beginnt eine wilde Verfolgungsjagd durch halb Amerika. Carter möchte Rachel aus den Fängen der Entführer befreien und er hat immer noch eine Aufgabe zu erfüllen: er soll Rachel eine Lieferung zustellen. Und bei Carter blieb noch nie ein Auftrag unerfüllt. Während der Verfolgungsjagd tauchen immer wieder neue Geheimnisse auf. Das macht den Plot unübersichtlich und langatmig.

Kein herkömmlicher Erzählansatz

Der Thriller hat keine klassische Erzählperspektive, was durchweg positiv zu bewerten ist. Hier jagen keine Detectives oder FBI-Agenten Gangster und bringen sie zur Strecke. Hier sorgt ein einfacher Kurierfahrer als »Einzelkämpfer« dafür, dass keine Straftat unaufgeklärt und ungesühnt bleibt.


Fazit

Das Buch kann man Lesern empfehlen, die nicht so viel Wert auf eine glaubwürdige und realistische Story legen und die sich nicht an der Häufung ständig neu auftauchender Figuren stören. Der Unterhaltungswert wird aber durch markante Sprüche mit Ironie und Wortwitz aufgewertet.
»The Mailman« ist meines Wissens der erste Roman, der in deutscher Sprache von Andrew Welsh-Huggins erschienen ist. 
Im März dieses Jahres ist in den USA der zweite Band mit dem ungewöhnlichen Kurierfahrer Mercury Carter erschienen. Der Band wurde unter dem Titel »The Delivery« veröffentlicht und man kann gespannt sein, ob und wann eine deutsche Ausgabe erscheint.
 
Quellenangaben
Text über den Autor: Klappentext © Hoffmann und Campe Verlag Hamburg, 2026
Rezensionstext: © V. Kaiser; KI-generiertes Foto

Sonntag, 12. April 2026

Fölck, Romy – Fünf Fremde

Über die Autorin

Romy Fölck wurde 1974 in Meißen geboren und lebt heute in der Elbmarsch bei Hamburg. Bevor sie als Schriftstellerin bekannt wurde, studierte sie Jura und arbeitete zehn Jahre unter anderem im Verlagswesen und in der Medienbranche. Diese Erfahrung hat ihr Gespür für Dramaturgie und Erzählstruktur geprägt. Besonders populär ist ihre Elbmarsch-Krimireihe, die in Norddeutschland spielt.
Neben klassischen Krimis schreibt sie auch gefühlvolle Gegenwartsromane, in denen es um Familie, Heimat und Vergangenheit geht.


Fünf Fremde


Autorin: Romy Fölck
Titel: Fünf Fremde: Nur einer kennt das tödliche Geheimnis, das sie alle verbindet
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 02. März 2026
Seitenzahl: 385
Verlag: Bastei Lübbe
Preis: 22,00 € (Gebundenes Buch)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️ (Score 70/100)


Thrillerdebüt der Autorin

Die Autorin Romy Fölck hat mit »Fünf Fremde« ihr Thrillerdebüt veröffentlicht. Es spielt auf der Insel Neuwerk im südöstlichen Teil der Helgoländer Bucht bzw. am Südwestrand der Außenelbe. Neuwerk gehört als Stadtteil zu Hamburg. Bekannt wurde Fölck mit der sechsteiligen Krimireihe aus der Elbmarsch mit dem ungleichen Ermittlerduo Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn.

Was geschah damals auf der Insel?

Der Thriller wird auf zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt. Die Autorin arbeitet mit Kapitelüberschriften, die sowohl das Jahr (1995 bzw. 2025) kennzeichnen, als auch die einzelnen Figuren namentlich nennen. Die Protagonisten erzählen aus verschiedenen Perspektiven. Gegenwärtig erfährt man, wie ihr Leben bisher verlaufen ist. Was machen sie beruflich und wie stellt sich ihre private Situation aktuell dar. Bezogen auf die Handlung erzählen sie die Erlebnisse von damals aus ihrer Sicht.

Wir springen zurück ins Jahr 1995, genauer gesagt in den August, auf die Insel Neuwerk. Charlotte Hahnel ist Lehrerin im Landschulheim. Während eines einwöchigen Aufenthaltes von Jugendlichen verschwinden eines Nachts zwei dreizehnjährige Teenager. Drei Tage bleiben Isa und Janosch, die sich in der Obhut von Charlotte befanden, vermisst. Dann taucht Isa plötzlich wieder auf. Sie verrät aber nicht, was mit ihr und Janosch in der Zwischenzeit geschehen ist.

Als alle bereits abgereist sind, bleibt Charlotte als Einzige zurück. Sie hofft darauf, dass auch Janosch wieder auftaucht, was aber nicht geschieht. Sie gibt den Lehrerberuf auf und tritt in ein Kloster ein. Als Nonne findet sie durch Gebete wieder zu sich selbst.

Ein Sprung in die Gegenwart

Der Thriller erfährt seine Fortsetzung 30 Jahre später im Jahr 2025. Im Oktober des gleichen Jahres ist die MS Flipper trotz stürmischer See auf dem Weg zur Insel Neuwerk. Es befinden sich u.a. vier Passagiere an Bord, die etwas gemeinsam haben. Sie alle befanden sich damals auf der Insel, als die beiden Jugendlichen verschwanden. Schnell wird klar, dass sie nicht grundlos den Weg in die Vergangenheit antreten. Je weiter man in der Erzählung vordringt, desto klarer wird ersichtlich, dass die heute Mitte Vierzigjährigen etwas zu verbergen haben.

Es gibt Hinweise darauf, die vermuten lassen, dass die Geschehnisse von damals nicht ans Licht kommen sollen. Es gibt jemanden, der Antworten auf diese Fragen liefern kann. Ein bisher unentdecktes Skelett auf dem Friedhof der Namenlosen und das Verschwinden einer Vogelwartin sorgen für weitere Ungereimtheiten. Es offenbart sich ein Racheplan, der bis ins kleinste Detail vorbereitet ist. Aber warum das alles erst nach dreißig Jahren? Das ist nicht schlüssig.

Aus der Perspektive von Isabell (Isa) Büchner, die damals verschwunden war und später wieder aufgetaucht ist, erfährt man nach und nach, was vor dreißig Jahren wirklich geschah. Es kommt immer wieder zu inhaltlichen bzw. textlichen Dopplungen, über die man aber großzügig hinwegsehen kann.

Hohes Tempo, mäßige Spannung

Passend zum Wetter stellt sich eine düstere Atmosphäre dar. Die Handlung ist temporeich, die Spannung mäßig. Ausschlaggebend ist hierfür, dass sich sämtliche Gefahrensituationen schnell wieder auflösen und der des Öfteren angekündigte Orkan sich lediglich als starker Sturm ohne nennenswerte Schäden entpuppt und einige Personen halten sich während des Sturms trotzdem im Freien auf. Das Geschehen fokussiert sich auf die Zeit von vor dreißig Jahren und deren Aufarbeitung in der Gegenwart.

Es gibt Dinge, die nicht zusammenpassen. Es ist nicht von Anfang klar, um welche fünf Personen es sich in Anlehnung an den Titel »Fünf Fremde« handeln soll. Es bleibt auch rätselhaft, warum das Buch diesen Titel trägt, denn mindestens drei Personen kennen sich aus der Vergangenheit. Eine Person ist u.a. auf der Fähre, die vor dreißig Jahren keinen unmittelbaren Bezug zu der Gruppe hatte und nicht auf Neuwerk war. Im Plot geht es auch um eine Person, die angeblich schwer krank war und nicht mehr lebt. Plötzlich taucht diese totgeglaubte Person wieder lebend auf.


Fazit

Fölck kann mit einem flüssigen und geradlinigen Schreibstil punkten. Ein solide geschriebener Thriller mit einem Ende, der nicht zum vorherigen Setting passt. 
Die Atmosphäre auf einem abgegrenzten Raum wurde gut eingefangen, ebenso die besonderen Lebensumstände auf einer Insel.
Die Auflösung ist eine Aneinanderreihung von spannungsgeladenen und konstruierten Ereignissen, die in dieser Menge betrachtet unglaubwürdig erscheinen. Obwohl der Thriller rein fiktiv ist, erwartet man als Leser eine Handlung, die man nachvollziehen kann. Das ist hier m.E. aber nicht der Fall.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Klappentext © Bastei Lübbe Köln, 2026
Rezensionstext: © V. Kaiser

Samstag, 28. März 2026

Hannah, Kristin – Fly Girl

Über die Autorin

Kristin Hannah, geboren 1960 in Südkalifornien, arbeitete als Anwältin, bevor sie zu schreiben begann. Sie ist eine preisgekrönte Bestsellerautorin von über 20 Romanen, darunter der internationale Bestseller »Die Nachtigall«, der 2015 von Goodreads zum besten historischen Roman gekürt und im selben Jahr mit dem begehrten Publikumspreis für den besten Roman ausgezeichnet wurde. Das Buch wurde ein Welterfolg. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Autorinnen der USA und lebt mit ihrem Mann im Pazifischen Nordwesten der USA.


Fly Girl


Autorin: Kristin Hannah
Titel: Fly Girl: Die Liebe eines Lebens
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 11. Februar 2026
Seitenzahl: 544
Verlag: atb Aufbau Verlage
Preis: 14,00 € (Taschenbuch)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5

 

Erinnerungen an den Golfkrieg

Der Roman »Fly Girl« ist in Anlehnung an den Golfkrieg im Irak (20.03.2003 – 01.05.2003) geschrieben. Die »Operation Iraqi Freedom« war eine Militäroperation der USA und dem Vereinigten Königreich sowie einigen verbündeten Ländern. Bei dem Roman handelt es sich um eine Neuauflage von dem Buch »Zwischen uns das Meer« aus dem Jahr 2013.

Der Beginn einer großen Liebe

In dieser Geschichte geht es in erster Linie um Jolene Larsen. Wir lernen sie 1982 kennen, da ist sie siebzehn Jahre alt. Sie ist in einer Familie mit alkoholkranken Eltern aufgewachsen. Nachdem diese bei einem Autounfall ums Leben kommen, sucht Jolene Hilfe in einer Rechtsberatungsstelle, da sie in der kurzen Zeit bis zur Volljährigkeit nicht in ein Heim oder zu Pflegeeltern möchte. Sie begegnet zum ersten Mal Michael Zarkades. Der hilft ihr, damit sie bis zur Volljährigkeit in ihrem Elternhaus weiter wohnen kann.

Jolene geht zur Army. Dort findet sie ihre Berufung und zu sich selbst. Sie lässt sich zur Hubschrauberpilotin ausbilden. Beim Fliegen entdeckt sie ihre Leidenschaft. Während ihrer Ausbildung lernt sie Tami Flynn kennen und freundet sich mit ihr an. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Frauen.

Sechs Jahre später treffen sich Michael und Jolene wieder. Sie verlieben sich ineinander und es sollte die Liebe ihres Lebens werden. Sie bekommen zwei wunderbare Mädchen. Betsy ist inzwischen zwölf Jahre alt und in einer frühpubertären Phase, was den Umgang nicht immer einfach macht. Die vierjährige Lulu ist nicht minder anstrengend. Sie ist ein kleiner Wirbelwind.

Eine Ehe am Scheideweg

Michael und Jolene leben sich mit der Zeit auseinander. Er zieht sich immer mehr zurück in seine Arbeit und vernachlässigt dabei seine Frau und die beiden Töchter. Michael stellt das Pflichtbewusstsein in seinem Job als Strafverteidiger über das Wohl seiner Familie. Außerdem fühlt er sich eingeengt von Jolenes Regeln und Vorschriften. Ihre »Stärke« bewirkt in ihm ein ungutes Gefühl. Alles bestimmt sie in der Familie – zumindest sieht es Michael so. Als er Jolenes einundvierzigsten Geburtstag vergisst und kurz darauf trotz Versprechen einer Leichtathletikveranstaltung seiner Tochter Betsy fernbleibt, gerät das Fass zum Überlaufen. In einem heftigen Streit fallen die Worte »Ich liebe dich nicht mehr«. Fünf Worte, die Michael später noch zutiefst bereuen wird.

Die Einberufung

Jolene und Tami bekommen eine Einberufung in den Irak. Es wird deutlich, wie unterschiedlich es in den beiden Familien aufgenommen wird. Die beiden Frauen sind bereit, ihrem Land zu dienen. Michael ist ungehalten darüber, dass seine Frau in den Krieg zieht und die Mädchen sind erschrocken. Tamis Mann Carl weint, versteht aber den Entschluss von Tami. Deren gemeinsamer Sohn Seth wirkt eher in sich gekehrt.

Schon in der ersten Woche nach Jolenes Abflug wird klar, dass Michael den Anforderungen nicht gewachsen ist. Er hat Angst, seinen Alltag nicht bewältigen zu können. Wie soll er eine Kanzlei mit sechszehn Angestellten leiten, seine Klienten verteidigen und sein Zuhause mit zwei minderjährigen Mädchen managen (Fahrdienst zur Schule, Ausflüge, Mahlzeiten, Wäsche, Hausaufgaben etc.). Lediglich die Unterstützung von Michaels Mutter Mila kann das Schlimmste verhindern.

In einem Strafprozess übernimmt Michael die Verteidigung eines Klienten, der als Soldat im Irakkrieg zum Einsatz kam und schwer traumatisiert zurückkehrt. Der Mann leidet seitdem an PTBS und hat infolge seiner Belastungsstörung seine Frau erschossen. Hier hat Kirstin Hannah eine wunderbare Parallele beschrieben von den Folgen aus dem Irakkrieg für Michaels Klient und der Gefahr, in die sich Jolene durch ihren Einsatz begibt. Michaels Sorge um seine Frau wächst.

Die Rückkehr

Von dem Tag an, als Jolene damals Michaels Büro betrat, hatte er in ihr eine starke Frau mit eisernem Willen gesehen. Als sie aus dem Irak zurückkehrt, sieht er ihre Verletzlichkeit. Und erst jetzt wird ihm bewusst, dass er kurz davor ist, die Liebe seines Lebens zu verlieren, und er will ihr beistehen. Doch Jolene will ihn nie mehr sehen – zu tief sitzt der Schmerz.

Man kann diese tragische Geschichte in drei große Abschnitte einteilen. Im ersten Abschnitt erleben wir die Familie Zarkades in ihrem privaten Umfeld. Daran schließen sich die Kriegsereignisse aus Sicht der Hubschrauberpilotinnen Jolene, Tami und ihrer Crew an. Diese beiden Abschnitte gehen nahtlos ineinander über. Der letzte Abschnitt handelt von der Rückkehr nach Jolenes Kriegseinsatz und der Aufarbeitung der Ereignisse. Wird Jolene wieder in ihr altes Leben zurückkehren können? Werden Jolene und Michael wieder zueinander finden? Kann Jolene wieder die Mutter für ihre Mädchen sein wie vor ihrem Kriegseinsatz? Um diese zentralen Fragen geht es in dem dritten Abschnitt. Der Umbruch kam mir zu plötzlich und deshalb hat mich das Ende etwas nachdenklich zurückgelassen.


Fazit

Die Autorin überzeugt mit einem eindrucksvollen Erzählstil. Sehr detailliert und präzise wird das Leben einer Familie erzählt, bei der sich durch den Krieg alles verändert. Die Figuren von Jolene und Michael sind durch eine emotionale Tiefe gekennzeichnet. Auch die beiden Töchter Betsy und Lulu leiden unter dem Verhalten ihrer Eltern, was sehr deutlich zum Ausdruck kommt.
Kirstin Hannah konzentriert sich nicht auf Details im Kriegsgeschehen. Kriegshandlungen werden lediglich am Rand gestreift. Eins ist jedoch klar: Niemand soll denken, dass Soldatinnen und Soldaten unbeschadet aus solch einem Krieg nach Hause zurückkehren. Das physische und noch mehr das psychische Leid ist immens.
»Fly Girl« ist ein aufwendig recherchierter Roman, bei dem es sich lohnt, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Begriffe wie Liebe, Verantwortung, Angst, Trauer, Pflicht sowie Versagen stehen in krassem Widerspruch zueinander und sind doch so eng miteinander verbunden.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: https://kristinhannah.com; www.amazon.de
Rezensionstext: © V. Kaiser