Samstag, 11. Juli 2026

Kvensler, Ulf – Die Klippe

Über den Autor

Ulf Kvensler, 1968 geboren, hat eine lange und erfolgreiche Karriere als Drehbuchautor, Regisseur und Showrunner hinter sich. Er begann als Komiker, hat aber in den letzten Jahren Dramen, Horror und Thriller geschrieben. Ulf Kvensler ist sowohl Schöpfer als auch Hauptautor zahlreicher Erfolgsserien. In Schweden ist er ein gefeierter Bestsellerautor, und auch in Deutschland eroberte er mit seinen Thrillern »Der Ausflug« und »Die Insel« sofort die SPIEGEL-Bestsellerliste.


Die Klippe


Autor: Ulf Kvensler
Titel: Die Klippe – Jede Lüge könnte deine letzte sein 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 10. Juni 2026
Seitenzahl: 384
Verlag: Penguin Verlag
Preis: 17,00 € (Paperback); 14,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 96/100)

Wenn Freunde zu Feinden werden

Marcus Anderson und Ernst Fabricius haben sich vor dreizehn Jahren bei einem Kurs für literarisches Schreiben auf der kleinen Insel Biskops Arnö im Mälarsee westlich von Stockholm kennengelernt. Alle aufstrebenden Autorinnen und Autoren bewerben sich dort für einen Kurs, für den es nur eine begrenzte Anzahl von Teilnehmern gibt. Marcus ist die Hauptfigur, um die sich im Wesentlichen die Geschichte dreht.

Marcus ist mit Nathalie, einer Schauspielerin, die an ihrer Karriere bastelt, angeblich glücklich verheiratet. So sieht er es jedenfalls. Als ihr Marcus etwas anvertraut, was niemand wissen sollte, zeigt sie ihr wahres Gesicht und erpresst ihn. Ernst hat seine Freundin Synnöve vor einiger Zeit verlassen. Laut seiner Aussage ist sie total »psycho« und superlabil.

Ernst war Mitarbeiter der Kulturredaktion des »Expressen«, ein tonangebender Literaturkritiker. Ihm wurde gekündigt – angeblich wegen Drogen und Alkohol. Marcus‘ Debütroman »Der Abtrünnige« wird ein Bestseller und er wird mit Lob von allen Seiten überhäuft. Danach fällt er in ein Loch und leidet unter einer regelrechten Schreibblockade. Seitdem arbeitet Marcus als Briefträger. Erfolgsdruck und die Angst vorm Scheitern beleuchtet Kvensler beindruckend nachvollziehbar.

Wenn einem Autor die Ideen ausgehen

Der Leidensdruck muss für einen Bestsellerautor immens sein, dem nach seinem Thrillererfolg nichts mehr gelingen will, und das über Jahre hinweg. Daher muss es Marcus wie ein Wink des Schicksals vorkommen, als ihm Ernst anbietet, seinen Roman unter dessen Namen zu veröffentlichen. Er bittet Marcus, »Der Kerzenleuchter« seiner Agentin Beyan vorzulegen. Obwohl der sich anfangs dagegen sträubt, freundet er sich mit dem Gedanken an, zumal seine Agentin begeistert ist von dem Manuskript. 

Zu Beginn scheint alles zu beider Zufriedenheit zu laufen - aber irgendwann kippt die Sache. Es geht u.a. um ein üppiges Honorar. Geld, auf das sowohl Marcus als auch Ernst nicht verzichten wollen. Schnell entwickelt sich ein Lügennetz in einer Abwärtsspirale ungeahnten Ausmaßes. Ernst stellt plötzlich Forderungen und erpresst Marcus damit, alles zu verraten, wenn der nicht auf seine Forderungen eingeht. Man kann es nur Marcus‘ Naivität zugutehalten, dass er nicht daran gedacht hat, dass so etwas passieren könnte.

Die Lage spitzt sich zu

Schnell kommt man in die Geschichte hinein und entwickelt ein Gespür dafür, um was es hier geht. Ein beklemmendes Gefühl stellt sich beim Lesen ein und man kann es förmlich greifen, dass irgendwann etwas schreckliches passieren muss. Man weiß nur nicht was und wann. Das Erzeugen von psychologischen und atmosphärischen Grundstimmungen ist eine der ganz großen Stärken von Kvensler.

Jeder zeigt sein wahres Gesicht

Sehr gut ist die Beschreibung der Figuren mit Tiefgang gelungen. Man kann sich richtig in sie hineinversetzen, ebenso in die weniger prominenten Figuren. Ist Marcus unbeabsichtigt in diese Lage hineingeraten, die sich immer weiter zuspitzt? Er lebt in einer Parallelwelt zwischen Schuld und Verdrängung. Seine Frau Nathalie unterliegt starken Stimmungsschwankungen, die bedrohliche Ausmaße für Marcus annehmen. Und sein ehemaliger Kumpel Ernst offenbart einen fiesen Charakter, je weiter wir in der Geschichte nach vorne gelangen.

Der Thriller steckt voller unvorhersehbarer Wendungen. Kaum ist man im Begriff, die Sachlage zu verstehen, wird wieder alles über den »Haufen geworfen« und man ist genau so weit wie am Anfang. Am Ende bleiben Fragen offen. Jeder, der lieber Bücher mit einer finalen Auflösung liest, sei an dieser Stelle vorgewarnt.


Fazit

Wie in seinen beiden bisherigen Thrillern sucht sich Ulf Kvensler besondere Schauplätze aus, die er in irgendeiner Form mit der Handlung in Einklang bringt. 
Der Schreibstil des Autors ist flüssig, leicht verständlich und er kommt schnell auf den Punkt. Kurze Kapitel sind ein Stilelement, dass zum Weiterlesen anregt. Zudem haben seine Bücher einen hohen Wiedererkennungswert und sie enthalten alle Merkmale, worauf es bei skandinavischen Thrillern ankommt. Für mich ist Kvensler einer der besten Thrillerautoren der Gegenwart.
Neuerscheinungen von ihm kann man unbesehen kaufen – sie sind immer ein Highlight. Vielleicht ist sein neuestes Buch »Die Klippe – Jede Lüge könnte deine letzte sein« atmosphärisch noch etwas dichter und psychologisch ausgeklügelter als seine beiden Vorgänger. Definitiv ein Pageturner, mit einer klaren Leseempfehlung von meiner Seite.

 
Quellenangaben
Text über den Autor: Penguin Verlag
Rezensionstext: © V. Kaiser

Dienstag, 7. Juli 2026

Haller, Elias – Signalrot

Über den Autor

Elias Haller wurde 1977 geboren. Er lebt, arbeitet und schreibt in Chemnitz. Den Zündstoff für seine packenden Thriller bezieht er aus seiner beruflichen Erfahrung mit Rechtsbrechern und deren Opfern. Seine Leidenschaft fürs Schreiben ermöglicht es ihm, (kaltblütige) Mörder und (tragische) Helden aufeinander loszulassen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. 2015 veröffentlichte er seinen ersten Thriller »Tod und tiefer Fall«. Der Roman erreichte sofort die Spitze der Amazon-Kindle-Charts. Unter dem Pseudonym Nicholas Vega hat er mehrere Fantasy-Bestseller geschrieben.


Signalrot


Autor: Elias Haller
Titel: Signalrot (Tara-Kronberg-Reihe #1) 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 13. Mai 2025
Seitenzahl: 461
Verlag: Edition M Amazon Selfpublishing
Preis: 14,99 € (Taschenbuch); 4,49 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 89/100)

Die Neue im LKA Sachsen

»Signalrot« ist der erste Band einer Trilogie, den Elias Haller veröffentlicht hat. Mit der 37-jährigen Tara Kronberg hat der Autor eine interessante Ermittlerin mit einer schicksalhaften Vergangenheit entwickelt, die mit viel Selbstbewusstsein und Chuzpe ausgestattet ist. Sie ist von Anfang an sympathisch. Tara ist Kriminalhauptkommissarin und soll beim LKA Sachsen die neu eingerichtete Sondereinheit »Signalrot« im Dezernat 47 für Gewaltverbrechen leiten.

Nach der Auszeit

Zwei Jahre ist es her, dass sich Tara Kronberg eine Auszeit genommen hat. Nachdem ihr Vater gestorben war und sie erfahren hat, dass sie keine Kinder bekommen kann, ist ihre Beziehung zerbrochen. Sie stand kurz vor einem Burn-Out. Aus diesen Gründen hat sie die Ruhe und Abgeschiedenheit in einem japanischen Kloster gesucht, um die privaten Schicksalsschläge zu verarbeiten.

Kronberg war vor ihrer Auszeit stellv. Leiterin des Morddezernats K11. Jetzt soll sie die Ermittlungen koordinieren und verbessern mit ihrem Gespür und den richtigen Ansätzen. So soll sie die Kripo bei der Suche nach einem sadistischen Serienmörder unterstützen und wird schnell in einen Sog hineingezogen.

Kein freundlicher Einstieg

Taras Einstieg bei der neu eingerichteten Sondereinheit ist nicht gerade erfreulich. Man legt ihr Steine in den Weg, wo es nur geht. Der ihr zugeteilte Kriminaloberkommissar Gabriel Schneider hat eine befleckte Vergangenheit. Er besteht darauf, nur im Innendienst tätig zu sein. Außerdem hat er ein Verhältnis mit der Vorgesetzten Dr. Kim Rosenstein, die alles andere als erfreut über die neue Mitarbeiterin ist. Als Büro stellt man Tara eine dunkle Kammer zur Verfügung ohne die erforderlichen IT-Ressourcen. Man verwehrt ihr Zugang zu Unterlagen und der aktuelle Stand der Ermittlungen wird ihr ebenfalls vorenthalten.

Tara ist sich nicht sicher, ob sie Schneider trauen kann. Er hat als Personenschützer einem Minister die Nase gebrochen, weil der eine Prostituierte verprügelt hat. Er ist Vater einer fünfjährigen Tochter, die er nicht häufig sieht, da die Mutter den Umgang behindert.

Erinnerungen an ein Märchen

In dem hier beschriebenen Fall geht es um einen psychisch gestörten Täter, der seine Befriedigung im Sadismus findet. Er lässt junge Frauen in roten Schuhen tanzen, bevor er sie tötet und Post Mortem verstümmelt. Der Fall wird schnell persönlich für Tara. Eines der Opfer ist nämlich eine ehemalige Freundin aus gemeinsamen Teenagerzeiten. Die Details hat der Autor in seiner ganzen Brutalität beschrieben. Die Handlung wird aus drei verschiedenen Perspektiven (Tara, Opfer, Täter) im Wechsel erzählt.

In unregelmäßigen Abständen lesen wir aus dem Tagebuch einer Figur, die in Ich-Form über ihre Entwicklung vom Kindesalter bis in die Zeit vierunddreißig Jahre danach erzählt. Was dort steht, ist verstörend und abstoßend gleichermaßen. Die Einträge sind geschickt platziert, um die Spannungskurve zu erhöhen. 

In kurzen Kapiteln erfährt man einiges über die Psyche des Täters. Er liebt das Umwerben, den Tod und die Aufbereitung seiner Opfer, wie er es nennt. Er sehnt den Moment herbei, ab dem eine Frau für immer schweigt. Wie meist in solchen Fällen ist der Ursprung des Handelns in der Kindheit eines Psychopathen zu finden.

Wie krank muss ein Mensch sein

Menschliche Abgründe tun sich auf, wenn man diesen Thriller liest. »Rote Schuhe« und das »Tanzen« haben einen starken Bezug zur Handlung. So gesehen ist das ein innovativer Ansatz von Haller, der diese Attribute schonungslos in seine Handlung mit einbezieht. Es werden falsche Spuren gelegt, um die Aufklärung hinauszuzögern. Die hält dann doch einige Überraschungen parat. Das Motiv des Täters wird dabei nachvollziehbar und es ist klar, dass nur eine gestörte Psyche zu so etwas fähig sein kann.


Fazit

Nach über zwanzig Jahren im Polizeidienst weiß der Autor, wovon er schreibt. Seine Fachkenntnis bezieht er aus seiner Erfahrung mit Mördern und deren Opfern. Der Schreibstil ist prägnant. Der Thriller ist brutal und blutig – nichts für schwache Nerven. Spannung ist bis zum Schluss gegeben.
So wie das Märchen »Die roten Schuhe« von Hans Christian Andersen gibt es eine Reihe von Märchen, die grausam sind und nicht selten mit dem Tod enden. Was haben sich die Kinderbuchautoren nur dabei gedacht – wenn die Inhalte auch deren Fantasie entsprungen sind?
Etwas weniger Fachchinesisch für Laien wäre angebracht gewesen. Beispielsweise hätte man anstelle von daktyloskopischen Spuren den eher bekannten Begriff Fingerabdruckverfahren verwenden können. Das ist für Nicht-Kriminalisten sicher verständlicher.
 
Quellenangaben
Text über den Autor: Homepage von Elias Haller
Rezensionstext: © V. Kaiser; Die Szene aus dem Märchen »Die roten Schuhe« von H.C. Andersen wurde mit KI generiert

Montag, 29. Juni 2026

Schwank, Thomas – Nie wieder Opfer: Totgesagt

Über den Autor

Thomas Schwank ist geboren und aufgewachsen in Hamburg und lebt aktuell in Berlin mit seinen fünf Hunden. Er war freier Redakteur, Produktmanager beim Deutschen Sportfernsehen und Prokurist bei einer PR-Agentur, bevor er sich aufs Drehbuchschreiben konzentrierte. Sein Film »Die fremde Frau« von 2003 mit Corinna Harfouch und Ulrich Tukur in den Hauptrollen gilt als einer der packendsten deutschen Thriller der letzten Jahre und ist 2008 in der Thriller-Edition der Süddeutschen Zeitung erschienen. Für den Spielfilm »Die Frau am Ende der Straße« erhielt er den VFF TV Movie Award beim Filmfest München 2006.


Nie wieder Opfer: Totgesagt


Autor: Thomas Schwank
Titel: Nie wieder Opfer: Totgesagt 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 10. April 2026
Seitenzahl: 317
Verlag: BoD - Books on Demand
Preis: 14,99 € (Taschenbuch); 0,00 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 75/100)

Ein starker Beginn

Gleich zu Beginn fällt auf, dass der Prolog im Vergleich zu anderen Büchern außergewöhnlich lang ist. Das ist evtl. der Handlung geschuldet. Die Frage ist aber, benötigt es dafür unbedingt einen Prolog?

Hauke lässt sich nach einer Betriebsfeier von seiner Frau Neele abholen. Da es bei der Heimfahrt Hauke schlecht wird, fahren sie einen abgelegenen Parkplatz nahe dem Elbwehr Geesthacht an. Leider keine gute Entscheidung, wie sich schnell herausstellt. Ein unheimliches Szenario nimmt seinen Lauf. Für Hauke und Neele sowie dem einjährigen Emil nimmt es kein gutes Ende. Zweieinhalb Jahre sind seitdem vergangen und wir wechseln in die Gegenwart.

Um wen und um was geht es?

Der Autor nimmt sich Zeit, um seine drei Protagonisten Lisa, Ünal und Imany in die Geschichte einzuführen. Sie wollen Verbrechen aufdecken, um die ausgelobten Belohnungen zu kassieren. Man bekommt einen Eindruck, wie diese »ticken« und was sie zu ihrem Tun antreibt, wobei man Lisa und Ünal als naiv bezeichnen kann. 

Wir erfahren von Lisa, dass sie bei einer Tankstelle jobbt. Angeblich war sie einmal Polizistin, bis sie den Dienst quittiert hat. Neben dem Job bei der Tankstelle ist sie jetzt Privatdetektivin.
Ünal ist Türsteher in einem Club. Nebenbei gibt er Unterricht in der Vollkontakt-Kampfsportart Mixed Martial Arts (»Gemischte Kampfkünste
«; kurz MMA). Auch Lisa ist eine Schülerin von ihm.
Imany ist die Dritte im Bunde. Sie arbeitet im Homeoffice im Kundenservice eines Mobilfunkanbieters. Sie und Lisa haben sich durch Zufall kennengelernt, als Imany schwanger war und es ihr unterwegs schlecht ging. Sie ist genau das Gegenteil von Lisa und Ünal. Sie legt Wert auf Ordnung, Sauberkeit und einen geregelten Tagesablauf.
Alle drei Figuren sind authentisch beschrieben. Sie wirken eigenwillig und können nicht gerade mit Sympathie punkten. Die Handlung fokussiert sich wie bei einer Interaktion auf diese drei Figuren.

Die Gier nach dem schnellen Geld

Bei ihrem ersten »Auftrag« geht es um einen Zusammenschluss von Designern und Modeunternehmen gegen Produktpiraterie. Er führt Lisa und Ünal von Berlin nach Hamburg. Namhafte Modefirmen haben 5000,- € als Belohnung ausgesetzt. Imany unterstützt die Beiden von zu Hause aus mit Informationen, die sie zuvor auf nicht ganz legalem Weg recherchiert hat. 

Schnell wird klar, dass die beiden keine schnelle Belohnung einstreichen können. Der »Auftrag« läuft schnell aus dem Ruder. Sie geraten zwischen die Fronten von zwei Gruppen, die nicht das gleiche Interesse haben. Das ist alles eine Nummer zu groß für das selbst ernannte Ermittlerduo.

Starke Ansätze, ein Setting mit Schwächen

Die Erzählung hat interessante Ansätze: Der Plot-Twist, der irgendwann den Bogen zum Anfang spannt, die Produktpiraterie aus dem Bereich der Modeindustrie sowie drei junge Leute, die sich mit privaten Ermittlungen profilieren möchten, um dabei ausgesetzte Belohnungen einzustreichen.

Langatmige Textpassagen, die zumeist nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun haben, bremsen die Spannung immer wieder aus.

Die Themen sind vielfältig, die der Autor um den Plot herum einbezogen hat. Es geht u.a. um die Aufklärung eines Mordfalles, die Aufdeckung einer falschen Identität, Flash-Sales sowie Billigkopien in der Modebranche, um nur einige zu nennen. Zwei starke Wendungen im späten Verlauf der Handlung – wobei eine unaufgeklärt bleibt (gibt es vielleicht eine Fortsetzung?) – bereichern die dramaturgische Struktur der Erzählung.


Fazit

Ein rasanter Thriller mit hohem Pacing wird hier nicht geboten. Warum hat der Autor seinen Stil vom Prolog nicht beibehalten? Das Setting wirkte auf mich nicht überzeugend. Viele Texte sind bruchstückhaft, wie im Diktierstil, auch Small Talk dazwischen.
Auf der Webseite von Helga Körner (Quelle: Helgas Bücherparadies) erfährt man im Rahmen ihrer Autorenvorstellung, dass es sich für Thomas Schwank wie eine Befreiung angefühlt hat, sein erstes Buch zu schreiben. Hier musste er sich nicht wie bei Drehbüchern um Regieanweisungen kümmern und darum, was im Film realisierbar oder finanzierbar ist.
 
Quellenangaben
Text über den Autor: Verlag der Autoren
Rezensionstext: © V. Kaiser

Montag, 22. Juni 2026

Haller, Elias – Das Zodiak-Kind

Über den Autor

Elias Haller wurde 1977 geboren. Er lebt, arbeitet und schreibt in Chemnitz. Den Zündstoff für seine packenden Thriller bezieht er aus seiner beruflichen Erfahrung mit Rechtsbrechern und deren Opfern. Seine Leidenschaft fürs Schreiben ermöglicht es ihm, (kaltblütige) Mörder und (tragische) Helden aufeinander loszulassen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. 2015 veröffentlichte er seinen ersten Thriller »Tod und tiefer Fall«. Der Roman erreichte sofort die Spitze der Amazon-Kindle-Charts. Unter dem Pseudonym Nicholas Vega hat er mehrere Fantasy-Bestseller geschrieben.


Das Zodiak-Kind


Autor: Elias Haller
Titel: Das Zodiak-Kind (Arne-Stiller-Thriller #9) 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 12. Mai 2026
Seitenzahl: 421
Verlag: Edition M Amazon Selfpublishing
Preis: 11,99 € (Taschenbuch); 4,49 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 93/100)

 

Ein Lost Place hütet ein grauenvolles Geheimnis

Die Villa Lunaris steht seit Jahrzehnten leer und gehört niemandem mehr. Sie ist dem Verfall preisgegeben. Drei Jungs wollen diesen Lost Place trotz Warnung erkunden und erschrecken sich dabei fürchterlich, da sich offensichtlich jemand in der Villa befindet und sie verfolgt.

Die Eltern der Jungs benachrichtigen die Polizei. Die entdecken bei näherer Betrachtung insgesamt elf Ölgemälde an den Wänden. Alle Bilder sind fast identisch. Sie stellen ein blondes Kind mit Latzhose dar, den Rücken zum Betrachter hingewendet. Es spielt mit Bauklötzchen. Elfmal das gleiche Kind. Später wird man erfahren, dass es um ein ganz bestimmtes Kind geht. Elfmal verschiedene Klötzchen mit Zahlen und Buchstaben beschriftet. Die Gemälde erzeugen gleich zu Beginn eine rätselhafte und düstere Grundatmosphäre.

Eine grauenvolle Entdeckung

Da sich ein Bild von der Wand gelöst hat, kommt eine eingemauerte Leiche zum Vorschein. Bei der Abnahme der übrigen Bilder von der Wand werden weitere Leichen entdeckt. Insgesamt neun tote Menschen, teils männlich, teils weiblich. Sie wurden alle Post Mortem eingemauert. Das Freilegen der teilweise mumifizierten Leichen stellt einen erheblichen Aufwand dar, um keine möglichen Hinweise und Spuren zu vernichten.

Ein Kryptologe soll das Rätsel lösen

Es gibt mysteriöse Hinweise und Merkmale, die entschlüsselt werden müssen, um der Lösung näher zu kommen. Dazu gehört eine eingemauerte Armprothese, Konservengläser ohne Deckel mit erloschenen Grablichtern und Skelettteilen von Kleintieren. In erster Linie sind es aber die beschrifteten Bauklötzchen auf den Gemälden, die auf jedem Bild anders angeordnet sind. Sie könnten Aufschluss darüber geben, um was es hier geht. Da Kriminaloberkommissar Arne Stiller Kryptologe ist – eine Wissenschaft, die sich mit der Ver- und Entschlüsselung von Informationen beschäftigt – wird er zur Aufklärung hinzugezogen. Steckt eine Botschaft hinter den unterschiedlich beschrifteten und angeordneten Bauklötzchen? Und wenn ja, welche? Das soll er herausfinden.

Es tauchen weitere Opfer auf und der Täter scheint noch lange nicht am Ende zu sein. Es wird ihn wütend machen, dass er sein Werk nicht wie geplant, in der Villa Lunaris zu Ende bringen kann. Die Zeit drängt und den Ermittlern läuft die Zeit davon.

Für Stiller ist es bereits der 9. Fall. Er und sein Vorgesetzter Kriminalhauptkommissar Hoheneck sind ein eingespieltes Team, das sich gut versteht und harmoniert. Trotzdem ist Stiller vom Charakter her eigenwillig und ein Sturkopf. Auch die Pathologin und Stillers Partnerin Dr. Martina Schweitzer hat es nicht immer leicht mit ihm.

Rückblicke bringen Klarheit

Sehr wirkungsvoll sind sechs Kapitel mit der Überschrift »Rückblick« verteilt über die Handlung eingestreut. Dabei beginnt alles mit einem Ferienlager vor dreißig Jahren in einem Schullandheim in Oberwartha/Dresden. Die Erzieherin Marla Dreier bringt den Kindern ein Rollenspiel bei, das deren nachfolgendes Leben begleiten wird. Die Gruppe gab sich den Namen Zodiakus (deutsch: Tierkreis). Es gibt gewisse Regeln. Jeder bekommt sein Sternzeichen analog dem Geburtsdatum zugeordnet. Da es insgesamt zwölf Tierkreiszeichen (Sternzeichen) gibt, dürfen zwölf bleiben und der Rest ist außen vor. Die alten Griechen glaubten, dass die Sterne unser Leben bestimmen.

Eine offensichtliche Lösung des Falles wäre zu einfach gewesen. So hat der Autor mit einem ganz starken Plot-Twist zum Ende hin für eine Überraschung gesorgt. Nie hätte man einen Menschen für solche abscheulichen Taten in dem Personenkreis vermutet, in dem er sich bewegt. Wie bei einem Geständnis erfahren wir die Hintergründe. Verletzte Gefühle, Demütigung, Zorn und Rachsucht waren die Antriebsfedern hierfür. Trotz allem muss man hierbei die Verhältnismäßigkeit hinterfragen.


Fazit

Elias Haller, selbst Polizeibeamter, ist nach eigener Aussage ein leidenschaftlicher Schriftsteller. Wie man es in seinen Büchern gewohnt ist, hat er auch hier viel Fachwissen in den Text mit eingebracht. Small-Talks zwischen den Zeilen wirken auflockernd, weniger Detailversessenheit wäre angebracht. Als kleiner Kritikpunkt sei hier angemerkt, dass er es manchmal mit dem Fachchinesisch übertreibt. Nicht jeder wird bspw. wissen, was man unter einer Hyperkaliämie (lebensgefährliche Elektrolytstörung versteht, bei der die Konzentration von Kalium im Blut erhöht ist).
Das Buch ist in insgesamt vier Teile aufgeteilt. Diese Aufteilung ist nicht nur ein formales Stilmittel, sondern wirkt sich unmittelbar auf den Spannungsaufbau aus. Neue Perspektiven und Geheimnisse kommen mit jedem Teil hinzu. Hallers Schreibstill und sein Setting können überzeugen. Kurze Kapitel, häufige Wechsel zwischen zwei Zeitebenen, die Parallelen aufweisen und irgendwann zusammengeführt werden. 
Der Leser wird durch falsche Fährten häufig in die Irre geführt, was die Spannung steigen lässt.
 
Quellenangaben
Text über den Autor: www.eliashaller.com
Rezensionstext: © V. Kaiser; Das Bild mit dem Kind und den Bauklötzchen wurde mit KI generiert

Montag, 15. Juni 2026

Fox, Candice – Outback Killers

Über die Autorin

Candice Fox ist Autorin von elf in zahlreichen Sprachen übersetzten Romanen, von denen drei mit dem renommierten australischen Ned Kelly Award ausgezeichnet wurden. Derzeit befinden sich mehrere Verfilmungen ihrer Werke in Produktion, u.a. entwickeln Ridley Scotts Produktionsfirma eine TV-Serie basierend auf »Outback Killers« für Apple TV+ sowie NBC, Universal und Lionsgate eine TV-Serie basierend auf »Stunde um Stunde«.
2015 begann Candice Fox ihre Zusammenarbeit mit James Patterson. Alle acht Romane, die sie gemeinsam geschrieben haben, wurden zu Bestsellern der New York Times. Sie ist die Tochter eines Bewährungshelfers und einer Sozialarbeiterin und lebt mit ihrer Familie in Sydney. Sie engagiert sich ehrenamtlich für die Rettung verletzter Wildtiere.


Outback Killers


Autorin: Candice Fox
Titel: Outback Killers
Genre: Actionthriller
Erscheinungsdatum: 20. April 2026
Seitenzahl: 430
Verlag: Suhrkamp Verlag
Preis: 18,00 € (Paperback); 15,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 84/100)

Badlands im australischen Hinterland

Der »High Wire« ist ein berüchtigter, unmarkierter Pfad durch das australische Outback von Broome nach Sydney. Er durchquert weite Flächen gesetzlosen Landes fernab von jeder Bundesstraße und jeder Zivilisation. In dieser trostlosen Gegend gibt es kaum Satellitenempfang. Kontrollen durch Polizeistreifen sind eher unwahrscheinlich. Man sollte diesen Pfad nach Möglichkeit meiden, denn er ist ein Eldorado für Drogenhändler und Gangster. Nicht selten verschwinden dort Menschen.

Ein Ort der Gewalt

Trotz aller Warnungen macht sich Harvey Buck auf einen Roadtrip auf dem »High Wire« nach Sydney, um seine todkranke Ex-Freundin Shayna zu besuchen. Das wirkt nur zum Teil plausibel. Die sich in der Nähe befindlichen Flugplätze von Alice Springs und Birdsville sind zwar wegen Bombendrohungen gesperrt. Aber warum nimmt er keine sichere Route mit dem Auto auf einer Bundesstraße?

Wir erfahren aus einem Handlungsstrang aus der Vergangenheit, dass Harvey als Soldat in der australischen Armee in Afghanistan gekämpft hat. Er und seine Einheit gerieten in einen Hinterhalt der Taliban. Vier seiner Mitstreiter kehrten unversehrt zurück zum Stützpunkt und Buck musste zusammen mit einem Verletzten allein den Rückzug durch die Wüste antreten. Da kommen Rachegedanken bei Harvey auf.

Zurück in der Gegenwart sieht er am Wegrand plötzlich einen ausgebrannten Wagen stehen. Neben dem Auto steht eine junge Frau. Es bleibt zunächst unklar, was Clare Holland dazu bewogen hat, durch diese gefährliche Ödnis zu fahren. Erst viel später wird sie Harvey erzählen, dass sie auf der Flucht ist – aber warum oder vor wem? Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als Clare mitzunehmen. Er kann sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. 

Kaum hat Harvey mit Clare die Fahrt fortgesetzt, ist sie auch schon wieder zu Ende. Eine quer über die Piste ausgelegte Nagelkette bringt den Wagen zum Stehen. Eine Bande von Verbrechern überfällt die beiden und sie nehmen Harvey und Clare als Geiseln. Was ab da beginnt, gleicht einem Albtraum. Beide Geiseln bekommen Sprengstoffwesten mit Fernauslöser umgeschnallt. Harvey und Clare werden dazu gezwungen, verschiedene Aufgaben zu erfüllen – andernfalls will man sie in die Luft sprengen. Ein wahrer Höllenritt aus Angst und Überlebenswillen beginnt.

Eine Polizistin mit Ecken und Kanten

In einer anderen Perspektive geht es um die 58-jährige Polizistin Senior Sergeant Edna Norris. Edna kommt in diesem Thriller eine tragende Rolle zu. Sie und ihre Kollegin versuchen für Recht und Ordnung in der Wüste Südaustraliens zu sorgen. Wenn Edna auch auf den ersten Blick einen naiven Eindruck hinterlässt, sollte man sich davon nicht täuschen lassen.

Ein entlaufener Teenager, ein ausgebranntes Auto am Rande des »High Wire« sowie eine Leiche in der Nähe, eine vermisste Frau und ein mysteriöser Banküberfall. Das sind Parallelfälle, die die volle Aufmerksamkeit von Edna erfordern und in irgendeiner Weise in Verbindung zueinander zu stehen scheinen.

Edna setzt sich gerne über Anweisungen ihrer Vorgesetzten hinweg, aber gerade ihr Handeln lässt sie authentisch und sympathisch erscheinen. Nach sechs Monaten unbezahlter Suspendierung und einer Degradierung darf sie anschließend ihren Dienst als einfache Streifenpolizistin wieder aufnehmen.

Ein außergewöhnliches Setting

Harvey Buck, Clare Holland und Edna Norris haben alle ihre eigene Geschichte zu erzählen. Dazu wechselt die Handlung mehrmals in eine andere Zeitebene in der Vergangenheit. So entsteht nach und nach Klarheit darüber, was hinter dem Handeln der drei steckt. Es entstehen dabei zwar Längen in der Erzählung, auf die man aber nicht verzichten kann, um alles richtig einordnen zu können.

Bereits früh wird klar, welches Motiv die Verbrecherbande hat. Der Spannungsaufbau erfolgt somit über die Frage, ob und wie die Geiseln ihren Entführern entkommen können bzw. ob Edna die Geiseln befreien kann.

In einer Danksagung am Ende des Buches schreibt Fox u.a. eine Hommage über ihren Kollegen Lee Child. Dessen Romanfigur Jack Reacher ist ein ehemaliger US-Militärpolizist und ebenso wie Harvey Buck ein einsamer Held.


Fazit

Wer Thriller von Candice Fox liest, sollte sich darüber im Klaren sein, auf was er oder sie sich einlässt. Die Autorin schreibt genauso, wie Actionthriller funktionieren: Hohes Pacing und Eskalation anstelle subtiler Spannung.
Die Texte sind bisweilen gespickt mit fieser Situationskomik. Der Schreibstil ist nicht alltäglich und hebt sich von Büchern anderer Autoren bzw. Autorinnen dieses Genres ab. Jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger, was es fast unmöglich macht, eine Lesepause einzulegen.
Allerdings wirkte die Erzählung auf mich stellenweise sehr stark konstruiert. In dieser Hinsicht hatten die Actionthriller »Stunde um Stunde« (2023) sowie »Devil’s Kitchen« (2025) nach meiner Meinung mehr Authentizität.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Klappentext © Suhrkamp Verlag Berlin, 2026
Rezensionstext: © V. Kaiser; Das KI-Bild zeigt einen ausgebrannten und verrosteten Sattelschlepper in den Outbacks.

Sonntag, 24. Mai 2026

Moore, Liz – Der Gott des Waldes

Über die Autorin

Liz Moore wurde 1983 in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Sie hat zunächst als Musikerin in New York gearbeitet und anschließend mit dem Schreiben von Romanen begonnen. Im Verlag C.H. Beck erschien ihr Roman »Long Bright River« (2020). »Der Gott des Waldes« war ihr nächster New York-Times Bestseller, erhielt zahlreiche hymnische Besprechungen und stand auf Barack Obamas Lektüreliste. Liz Moore ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.


Der Gott des Waldes


Autorin: Liz Moore
Titel: Der Gott des Waldes
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 10. Dezember 2025
Seitenzahl: 590
Verlag: Verlag C.H. Beck
Preis: 26,00 € (Taschenbuch); 14,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 95/100)

Tolle Landschaft, grauenvolle Familie

Die reiche Familie van Laar lebte einen Traum, den sie in den Adirondack Mountains im US-Bundesstaat New York verwirklichte. Sie errichtete hier das Ferien-Camp Emerson und ein Naturreservat. In dem Ferienlager sollte den Kindern der Umweltschutz nähergebracht werden. Und sie sollten lernen, mit der Natur verantwortungsvoll umzugehen. Innerhalb von zehn Jahren wurde Camp Emerson ein begehrtes Reiseziel für die Kinder wohlhabender Eltern. Jeden Sommer lief das Feriencamp acht Wochen lang.

Als Peter IV. auf die Welt kam, nannten ihn alle »Bear«, weil es bei den van Laars schon so Viele namens Peter gibt. Der kleine Kerl war pummelig und der Flaum auf seinem Kopf erinnerte an den Pelz eines Tierbabys. Für alle war er immer der kleine »Bear« geblieben. Seine Mutter Alice liebte ihn über alles und er war ein Anker in einer Ehe, die für sie von Unterwürfigkeit geprägt war. Für seinen Vater war er mehr oder weniger der Stammhalter. Nach außen hin blieb Alice die taffe Ehefrau des »großen« Peter III. van Laar, der sie demütigte, wo er nur konnte. Außerdem hatte er ein Verhältnis mit einer anderen Frau. Er ist ein grauenvoller Machtmensch.

Wo ist der kleine »Bear«?

Im Alter von acht Jahren brach »Bear« mit seinem Großvater Peter II. zu einer Wanderung in den Wald auf. Weil er sein Taschenmesser vergessen hatte, kehrte er noch einmal ins Camp zurück, um es zu holen. Plötzlich war er verschwunden. Fünf Tag und Nächte waren die Suchtrupps unterwegs – ohne Erfolg. Die van Laars hatten dafür noch nicht einmal ein Wort des Dankes. Es ist tragisch, was der Familie widerfahren ist. Manche sagen, sie haben es verdient.

Eine ungeliebte Tochter

Trotz dem seelischen Schmerz und ihrer zeitweisen Depressionen wurde Alice erneut schwanger – wohl auch, weil es ihr Mann so wollte. Ihre Tochter Barbara war vom Charakter her genau das Gegenteil von »Bear«. Ihr Vater beschrieb sie als unzufriedenes, problembehaftetes Mädchen. Geliebt wurde sie von keinem in der Familie, wohl weil sie immer ihr Ding machte und sich nicht an Regeln halten wollte.

Abgesehen von den Rückblenden vergangener Jahre spielt die Handlung hauptsächlich im August 1975. Ein Sommer, der alles verändert hat. Es ist vierzehn Jahre her, dass der kleine »Bear« verschwunden und nie wieder aufgetaucht ist. Und das gleiche Schicksal droht den van Laars erneut. 

Alice benötigt unbedingt Abstand von ihrer Tochter und hat die Idee, dass Barbara ins Sommercamp einziehen soll. Schon allein das Auftreten von Barbara sorgt für Kopfschütteln. Ihr Äußeres kann man am besten mit dem eines Punks vergleichen. Eines Morgens ist die Dreizehnjährige plötzlich aus dem Camp verschwunden.

Geschlechterabhängige Klassenunterschiede

Im Haus Self-Reliance (Haus des Vertrauens!?) ist jeder darauf bedacht, dass kein Außenstehender dieses Haus betritt. Es wird klar zum Ausdruck gebracht, welch charakter- und empathielose Familie die van Laars sind – mit Ausnahme von Alice. Selbst nach dem Verschwinden von Barbara gewährt man den Ermittlern nur widerwillig Zutritt. Die van Laars und deren Gäste weigern sich sogar nach einer ausgedehnten Partynacht, der Ermittlerin Judy Luptack Fragen zu beantworten, weil sie eine Frau ist. 

Stellvertretend für die Frauen in der amerikanischen Gesellschaft aus dieser Zeit wird die Diskriminierung der Polizistin Judyta (Judy) Luptack sichtbar. Ihr wird in diesem Roman eine tragende Rolle zuteil. Sie lässt sich aber nicht beirren und hat den polizeilichen Spürsinn, um sich in einer von Männern dominierten Umgebung zu behaupten.

Es ist verstörend, wie sich die reiche, gehobene Gesellschaft gegenüber den Personen verhält, die nicht zu dieser Zielgruppe gehören. Einzige Ausnahme ist Alice van Laar, für die man Mitleid und Sympathie empfinden kann. Sehr deutlich treten die sozialen Unterschiede zum Vorschein. Feminismus, Rassismus und Klassenunterschiede sind starke Themen, über die Liz Moore schreibt.

Eine Zeitreise über vierzehn Jahre

Ein Zeitstrahl zu Beginn eines jeden Kapitels weist daraufhin, in welchem Jahr bzw. Monat sich die Handlung gerade bewegt. Die Zeitangaben wechseln häufig zwischen der Vergangenheit von 1961 und der Gegenwart im Jahr 1975. Das erleichtert die Orientierung bei vielen Zeitsprüngen und Perspektivwechseln, was nicht zuletzt die Zuordnung der vielen Haupt- und Nebenfiguren betrifft.

Langsam führt uns die Autorin zu einer lückenlosen Aufklärung hin, die man so nicht unbedingt erwarten konnte. Es gibt verschiedene Theorien und Verdächtige im Laufe der Handlung, die mit dem Verschwinden der Geschwister »Bear« und Barbara in Verbindung gebracht werden.


Fazit

Dieses Buch kann man nicht eindeutig einem bestimmten Genre zuordnen. Die Erzählung einzig an einer Kriminalgeschichte festzumachen, würde dem Roman nicht gerecht werden. Es ist ebenso ein sozialkritischer Roman. 
Die Figurenzeichnung mit Tiefgang kann man als gelungen bezeichnen. Jede einzelne Figur wird in Bezug auf ihren Charakter entweder in ihrer Verletzlichkeit oder in ihrer Arroganz und Unnahbarkeit für den Leser greifbar. Die Anhäufung von Figuren wirkt zuweilen verwirrend.
Die Schreibweise ist präzise und sehr ausführlich, weswegen das Buch letztendlich einen Umfang von 590 Seiten erreicht. Die Handlung ist komplex, wenn auch meiner Meinung nach eine gestrafftere Erzählung für weniger Längen im Text gesorgt hätte.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Innenseite Schutzumschlag und auszugsweise Wikipedia.de
Rezensionstext: © V. Kaiser