Samstag, 17. Oktober 2026

Bailey, Anna – Unsere letzten wilden Tage

Über die Autorin

Anna Bailey wurde 1995 geboren, wuchs in Gloucestershire auf und studierte kreatives Schreiben an der Bath Spa University. Sie zog zunächst nach Texas und dann nach Colorado, wo sie in den Wäldern lebte, bevor sie nach Großbritannien zurückkehrte und als freiberufliche Journalistin arbeitete. 2018 belegte sie einen Schreibkurs bei Curtis Brown Creative und verfasste dort ihren ersten Roman, »Tall Bones«, der von ihren Erfahrungen im amerikanischen Kleinstadtleben inspiriert war. Sie lebt mit ihrem Partner in Frankreich. Ihr Roman, »Our Last Wild Days«, erschien im April 2025 bei Transworld; ihre Kurzgeschichtensammlung »Wasteland Girls« wurde im Juli 2026 veröffentlicht.



Autorin: Anna Bailey
Titel: Unsere letzten wilden Tage
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 13. August 2025
Seitenzahl: 382
Verlag:
Rütten & Loening
Preis: 22,00 € (Gebundenes Buch); 16,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️
⭐️⭐️ (Score 97/100) 

 

Ein trostloser Ort

Anna Bailey entführt uns mit ihrem Roman in einen kleinen, abgelegenen Ort in den Sümpfen tief im Süden des US-Bundesstaates Louisiana. In Jacknife scheint die Zeit still zu stehen. Es ist ein Ort der Trostlosigkeit. Flirrende Hitze geht einher mit einer nicht zu übersehenden Trägheit der Menschen. Die hier lebende Bevölkerung ist abgestumpft gegenüber ihrer Umwelt und sie scheint diesen Zustand zu ignorieren.

Vergangenheit und Gegenwart

Arbeit gibt es nur in einer nahegelegenen Kunststofffabrik und auf der Alligatorfarm der Labasques. An einer Stelle im Buch erfährt man mehr über die Jagd und das Erlegen von Alligatoren. An anderer Stelle holt sich ein Alligator seine menschliche Beute. Als die Protagonistin Loyal May das letzte Mal hier war, war sie siebzehn. Vom Boot ihrer Freundin aus wurde sie von einem Alligator in die Hand gebissen, was eine Verstümmelung zur Folge hatte. Das alles hat Anna Bailey sehr bildgewaltig beschrieben. Überhaupt sticht die Genauigkeit in der Darstellung von Handlung und Figuren hervor.

Loyal May, die inzwischen Journalistin ist, kehrt nach Jacknife zurück, um sich um ihre demente Mutter zu kümmern. Außerdem möchte sie sich mit ihrer Kindheitsfreundin Marianne Theresa Labasque – genannt Cutter – versöhnen, nachdem Loyal Jacknife vor zehn Jahren überstürzt im Zorn verlassen hat. Doch bevor sie mit Cutter sprechen kann, wird diese in den Sümpfen tot aufgefunden.

Was ist mit Cutter geschehen?

Loyal, die ihre Stelle in Houston gekündigt und gerade ihre Arbeit bei der örtlichen Zeitung begonnen hat, beginnt selbst nachzuforschen und Fragen zu stellen. Denn niemanden außer ihr scheint es zu interessieren, was mit ihrer Freundin passiert ist, die genau wie sie als Außenseiterin galt. Über ihre Recherchen legt sich ein Netz aus Schweigen und Schuld. Sie wird mit Lügen, Geheimnissen sowie korrupten Polizeibeamten konfrontiert und erkennt fast zu spät, dass sie dabei selbst in große Gefahr gerät. Eine latente Bedrohung zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung.

Für die Polizei ist es eindeutig Selbstmord und sie stellt daher die Ermittlungen ein. Die Obduktion durch den Gerichtsmediziner ergibt, dass es unmöglich Selbstmord gewesen sein kann. Heftige Gewalteinwirkung durch einen stumpfen Gegenstand hatte eine Hirnblutung zur Folge. Dabei ist es unerheblich, ob sie ins Wasser gestürzt ist oder hineingestoßen wurde.

Die Einwohner von Jacknife wirken wenig überrascht über das, was Cutter zugestoßen ist. Als hätten sie es erwartet. Es stellt sich heraus, dass Cutter schwanger war und das Kind abtreiben wollte. Wer war der Vater und wer wollte hier etwas vertuschen?

Mit einem Abstand von zehn Jahren und einem mittlerweile neutralen Blick auf die hier lebenden Menschen und die Geheimnisse der Sümpfe wird Loyal klar, dass der Ort mit Ungereimtheiten und kriminellen Machenschaften übersät ist.

Zunächst steht die Handlung im Vordergrund, weniger die Spannung. Es ist die Atmosphäre, die eine Sogwirkung entfaltet. Im letzten Drittel zieht das Pacing dann deutlich an. Dieser Roman ist wie eine Naturgewalt.


Fazit

Es ist ein vielschichtiges Buch mit einem sehr intensiven und brutalen Inhalt. Der Schreibstil ist zum Teil derb, was der Handlung geschuldet ist. Das Setting ist atmosphärisch dicht und bildgewaltig. Es übt auf eine besondere Art und Weise eine stimmungsvolle Beklemmung aus.
Im Vorwort wird auf eine fiktive Geschichte hingewiesen, die in einer Welt verortet ist, so wie wir sie kennen. Um reale diskriminierende Gegebenheiten aufzuzeigen und die Figuren authentisch zu zeichnen, ist deren Sprache zum Teil durch rassistische und sexistische Äußerungen geprägt. Dies gibt aber nicht die Anschauung von Anna Bailey oder die des Verlags wieder.

Quellenangaben
Text über die Autorin: (aus dem Englischen übersetzt): www.curtisbrown.co.uk (Anna Bailey bitte in die Suchfunktion eingeben)
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI generiert

Dienstag, 6. Oktober 2026

De la Motte, Anders – Rostiges Grab

Über den Autor

Anders de la Motte, geboren 1971, arbeitete mehrere Jahre als Polizist in Stockholm und in der Security-Branche, bevor er Schriftsteller wurde. 2010 erhielt er für sein Debüt »Game« den Preis der Schwedischen Akademie der Krimiautoren. Sein Roman »UltiMatum« wurde 2015 als bester schwedischer Kriminalroman ausgezeichnet. In Schweden sind seine Romane Nummer-1-Bestseller. Mit »Sommernachtstod« gelang ihm auch in Deutschland der Sprung auf die Bestsellerliste. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Malmö.


Autor: Anders de la Motte
Titel: Rostiges Grab (Leo Asker #3) 
Genre: Kriminalroman
Erscheinungsdatum: 01. Dezember 2025
Seitenzahl: 512
Verlag:
Verlagsgruppe Droemer Knaur
Preis: 17,99 € (Paperback); 12,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️
⭐️⭐️⭐️(Score 84/100)

Reihenfolge (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Stille Falle
    2. Eisiges Glas
    3. Rostiges Grab
 

Im Rostskogen lauern Gefahren

Einem Cold Case, Urban Exploration und einer uralten Legende aus der Wikingerzeit begegnen wir in De la Mottes drittem Band aus der Leo-Asker-Reihe. Er beginnt mit einem Rückblick im Jahr 1973. Der verwunschene Rostskogen ist ein versumpftes Waldgebiet an der Grenze zu Småland. Dort stoßen zwei Waldarbeiter beim Torfstechen auf eine zweitausend Jahre alte weibliche Moorleiche. Durch die Lagerung im Moor wurde sie konserviert und ist daher gut erhalten. Der Frau wurde offenbar die Kehle durchgeschnitten und an einer Hand ein Finger abgetrennt. Außerdem wurde sie mit einem Holzpflock durch die Brust gepfählt. Die Dorfbewohner geben ihr den Namen »Graumädchen«.

Was hat es mit dem Graumädchen auf sich?

Einer Legende nach wacht das »Graumädchen« über den Rostskogen. In eingeschobenen Passagen erfahren wir mehr darüber, wie sie in Urzeiten einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist und wie sie sich rächt. Der Tod ist ihr Gefährte. Der Mythos des Rostskogen und des »Graumädchens« begleitet uns über den gesamten Inhalt des Buches.

Ein weiterer Fall datiert aus dem Jahr 2013. Wieder wird im Rostskogen eine Tote in einer alten ehemaligen Torffabrik gefunden. Die zu diesem Zeitpunkt neunundzwanzigjährige Elena Resare wurde erstochen. Als Hauptverdächtigter ist ihr Mann Björn Resare in den Fokus gerückt. Der konnte leider nie gefasst werden und so ging der Fall als Cold Case in die Akten ein. Die Art und Weise, wie die Frau ums Leben kam, erinnert an die Leiche im Moor. Auffallend dabei ist, dass ihr wie beim »Graumädchen« der linke Ringfinger abgetrennt wurde. Und der taucht plötzlich wieder auf – gut erhalten in Formalin konserviert. Was hat das zu bedeuten?

Ein Cold Case für die verlorenen Seelen

Leonore Asker wird dieser Cold Case zugespielt. Kann sie ihn lösen oder nimmt sie die sich ihr bietende Chance wahr, die Abteilung der verlorenen Seelen zu verlassen und ihre Karriere durch eine Beförderung wieder in Gang zu bringen? Viel hängt davon ab, ob Asker ihre Mitarbeiter Rose, Zafer, Attila und Virgilson zur Zusammenarbeit motivieren kann. Die haben etwas von Leos Abwanderungsgedanken mitbekommen und befassen sich zunächst nur widerwillig und leidlich motiviert mit dem Fall. Diese mystisch dichte Atmosphäre verlangt Asker und ihrem Team alles ab.

Daher bittet sie Hill um Unterstützung. Obwohl ihn seine Erlebnisse aus dem letzten Fall (»Eisiges Glas«) an den Rand seiner psychischen Belastungsgrenze gebracht hat. Aktuell ist er deswegen sogar in psychischer Behandlung wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Aber da diese ehemalige Torffabrik ein idealer Lost Place für einen Urbexer wie Martin Hill ist, kann er ihr die Bitte nicht ausschlagen.

Erzählt wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen. In erster Linie aus der Sichtweise von Asker und ihrem Jugendfreund Martin Hill. Mehrmals blicken wir zurück in die Vergangenheit, wo man mehr über Askers Familie und ihren Werdegang erfährt. Für diese Art des Settings hat der Autor ein Faible. Das war schon in den ersten beiden Bänden aus dieser Reihe der Fall.

Eine alte Schuld

Anders de la Motte hat einen atmosphärisch dichten Kriminalroman mit einer überzeugenden Ermittlerin Leonore Asker geschrieben. Obwohl man schon früh erkennen kann, wer der gesuchte Mörder ist, tut das der Spannung keinen Abbruch, weil sich die Überführung des Täters intensiv gestaltet.

Das Buch endet mit einem Cliffhanger. Leos Vater Prepper-Per bittet Martin um Hilfe bei der Eintreibung einer alten Schuld. Was meint der wohl damit? Und ist Hills neue Freundin Vilde die, für die sie sich ausgibt? Mit diesem Momentum weckt der Autor das Interesse auf den kommenden Band der Reihe, wo dieser Cliffhanger hoffentlich seine Auflösung findet. Der vierte Band erscheint unter dem Titel »Nachtjäger« Anfang Dezember.


Fazit

Mit dem Setting lehnt sich der Autor an die bisher erschienen Bücher der Reihe an.  Es ist eine Mischung aus beklemmend düsterer und mystischer Atmosphäre. Wer Nordic-Noir mit einem Mix aus natürlichen und übersinnlichen Ereignissen mag, ist hier genau richtig. Der Schreibstil ist leicht, flüssig lesbar und bildgewaltig. Ab und an schleichen sich kleine Längen in den Plot ein.
Die einzelnen Kapitel haben eine überschaubare Länge und springen des Öfteren zwischen Asker und Hill, um jeweils mit einem Cliffhanger zu enden.
Da Figuren und Ereignisse aus dem vorherigen Band »Eisiges Glas« zitiert werden, empfehle ich den Vorgänger von »Rostiges Grab« zuerst zu lesen.

Quellenangaben
Text über den Autor: Verlagsgruppe Droemer Knaur
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI-generiert

Sonntag, 27. September 2026

Slaughter, Karin – Tödliches Verderben

Über die Autorin

Karin Slaughter wurde 1971 in Atlanta, Georgia geboren. In der Gegend, in der sie aufwuchs, kam es während ihrer Kindheit zu einem starken Anstieg der Kriminalitätsrate und speziell zu Kapitelverbrechen. Vor ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin war sie Inhaberin einer Werbeagentur, die sie Anfang der 2000er Jahre verkaufte. Bis dahin hatte sie fünf Romane verfasst, die nicht veröffentlicht wurden. Seit 2001 veröffentlicht die US-amerikanische Schriftstellerin international erfolgreiche Kriminalromane. Kennzeichnend für ihre Kriminalromane war von Beginn an die Beschreibung brutalster Handlungen, wie z.B. Folterungen der Opfer und Kindesmissbrauch.


Autorin: Karin Slaughter
Titel: Tödliches Verderben (North Falls #2) 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 28. Juli 2026
Seitenzahl: 560
Verlag:
Verlagsgruppe Harper Collins
Preis: 24,00 € (Gebundenes Buch); 19,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️(Score 74/100)

Reihenfolge (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Dunkle Sühne
    2. Tödliches Verderben


Fast eine Familiensaga

North Falls hat ungefähr tausend Einwohner. Die Hälfte davon trägt den Namen Clifton. Dreiundsechzig Jahre war Gerald Clifton Deputy Chief in der Kleinstadt, bis er bei einem Einsatz ums Leben kam. Seine Ehefrau Myrna Joy Clifton ist nach sieben qualvollen Jahren kurz nach ihrem Mann an Alzheimer gestorben. Eine unheimliche Belastung für den Rest der Familie. Schon vor dem Tod ihres Vaters hatte die gemeinsame Tochter Emmy die Abteilung inoffiziell als Deputy Chief übernommen. Unterstützung bekommt sie von ihrem dreiundzwanzigjährigen Sohn Cole, der ebenfalls bei der Polizei als Deputy arbeitet. Von der Bevölkerung wird Emmy allerdings nicht der Respekt und das Vertrauen entgegengebracht, wie es bei ihrem Vater der Fall war.

Ein weiteres Familienmitglied haben wir schon im ersten Band kennengelernt – Emmys Schwester Jude. Eine ehemalige FBI-Agentin, die erst vor kurzem nach langen Jahren der Abwesenheit zurückgekehrt ist. Wir erfahren von Jude, was sie damals aus North Falls weggetrieben hat. Sie bot den Einwohnern jede Menge Angriffsfläche. Sie hatte häufig wechselnde Beziehungen. Jude hat in einer Rockband gesungen, geraucht und getrunken ohne Maß und Ziel. Optisch hat sie den Eindruck eines Hippies gemacht. Warum ist sie nach so langer Abwesenheit plötzlich wieder aufgetaucht?

Wie geht es weiter mit den Cliftons

Die heile Welt der Cliftons bekommt Risse. Die Beerdigung von Myrna bringt Emmy an ihre psychischen und physischen Grenzen. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das Amt im Sinne ihres Vaters weiter ausüben kann. Es kommt zu Spannungen zwischen Jude und Emmy. Jude mischt sich immer wieder in die Ermittlungen ein. Sie analysiert die Geschehnisse und hat die richtigen Ansätze, was Emmy wütend macht. Was ist es, was Jude mit Emmy verbindet? Kann oder will sie es ihr nicht sagen? Und war Gerald der Polizist mit einem reinen Gewissen, wie es nach außen hin den Anschein hat?

Fünfundvierzig Minuten nach der Beerdigung von Myrna

Die ehemalige Polizistin und Freundin von Emmy, Allison Vickery, wird in ihrem Haus mit ihrer eigenen Waffe erschossen und ihre sechszehnjährige Tochter Mandy durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Es ist fraglich, ob sie es überleben wird. Emmy macht sich im Anschluss an die Trauerfeier von ihrer Mutter umgehend an den Tatort, um die Ermittlungen aufzunehmen.

Seitdem Allison aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist, war sie als Privatermittlerin tätig. Nach langen Jahren der Misshandlung durch ihren gewalttätigen Ehemann Bill Garrison hat sie endlich den Mut gefunden, die Scheidung einzureichen. Auch ihre Tochter Mandy wurde misshandelt. Das Mädchen hat überall am Körper blaue Flecken. Die Koffer sind gepackt und Allison will zusammen mit Mandy weg aus ihrem Haus. Könnte das ein Mordmotiv sein und wo stammen die dreihunderttausend Dollar in bar her, die auf dem Dachboden versteckt sind?

Ein Fall voller Geheimnisse

Der Fall erweist sich als äußerst komplex und vielschichtig. Es ist der Tod von Allison, der ein Netz von Lügen und Korruption zum Vorschein bringt. Irgendetwas hat der Täter im Haus von Allison und Bill gesucht. Überall liegen Rechnungen, Quittungen, Ordner und Fotos auf dem Fußboden verteilt. Die Ermittlungen drehen sich im Kreis, wobei Allisons Ehemann Bill der Hauptverdächtige ist. Emmy macht sich schwere Vorwürfe, dass sie ihrer Freundin keine Hilfe angeboten hat.

Emmy und Jude stehen im Mittelpunkt des Plots, aus deren Perspektiven die Geschichte fast ausschließlich erzählt wird. Jude bekommt dieses Mal mehr Raum als im ersten Band. Slaughter gibt uns mit der Beschreibung der Ängste und Gedanken von Emmy und Jude einen guten Einblick in die Gefühlswelt der beiden Frauen. Aber der häufige Schlagabtausch und die dynamische Entwicklung zwischen den beiden Schwestern hemmen eher die Handlung, als dass sie förderlich wären. Andere Figuren bleiben eher flach. Deren große Anzahl erweist sich zudem als Herausforderung, den Überblick zu behalten.

In einer Art Zusammenfassung bekommt man zum Ende hin die Auflösung präsentiert. Bereits bekannte Informationen werden noch einmal gebündelt dem Leser/der Leserin bewusst vor Augen geführt. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt es ungewiss, wer Allison erschossen und Mandy durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt hat. Sowohl die Klärung des Falles als auch eine Neuigkeit bei den familiären Verhältnissen der Cliftons halten eine Überraschung parat, die man so sicher nicht erwartet hat.


Fazit

Der Beginn ist schleppend und auch der Mittelteil ist eher von einem ruhigen Erzähltempo geprägt. Slaughter verliert sich im Storytelling des Öfteren übertrieben ausführlich in Details, wobei sie ein besonderes Augenmerk auf die Polizeiarbeit legt. Überlange Kapitel bremsen die Dynamik aus. Twists und Cliffhanger lässt die Autorin allenfalls sporadisch einfließen.
Die Themenpalette ist komplex. Sie reicht von häuslicher Gewalt über Korruption bei der Polizei bis hin zu Drogenkriminalität. Dieser Sumpf reicht weit bis in die Vergangenheit zurück.
Wenn man die Familiengeschichte der Cliftons außer Acht lässt, ist dieser Band der Reihe ohne Vorkenntnisse gut lesbar. Zumal man zu Beginn auf den neuesten Familienstand gebracht wird. Aus meiner Sicht war der erste Teil der North-Falls-Reihe eindeutig stärker.

Quellenangaben
Text über die Autorin: Wikipedia
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI-generiert

Montag, 14. September 2026

Newman, T. J. – Worst Case

Über die Autorin

Torri Jan Newman (geboren 1983 oder 1984), besser bekannt als T. J. Newman, ist eine US-amerikanische Autorin und ehemalige Flugbegleiterin. Newman wuchs in Mesa, Arizona, auf. Sie studierte Musiktheater an der Illinois Wesleyan University und schloss ihr Studium 2006 ab.
Nach ihrem Studium zog Newman nach New York City, um eine Schauspielkarriere zu verfolgen, blieb dabei jedoch erfolglos. Nach zwei Jahren kehrte sie in das Haus ihrer Eltern in Phoenix zurück und arbeitete bis 2011 bei »Changing Hands«, einer unabhängigen Buchhandlung. Sie war für Virgin America und Alaska Airlines tätig, bis sie zu Beginn der COVID-19-Pandemie freigestellt wurde.
Ihren Debütroman »Flug 416« verfasste sie größtenteils, während ihre Passagiere auf Nachtflügen schliefen. Das Werk wurde zum internationalen Bestseller wie auch »Absturz«, ihr zweiter Roman. Die Autorin lebt in Phoenix, Arizona.

 

Autor: T. J. Newman
Titel: Worst Case 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 19. Juni 2025
Seitenzahl: 416
Verlag: Goldmann Verlag
Preis: 12,00 € (Paperback); 9,99 € (E-Book)

Meine Bewertung:
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️(Score 96/100)

Weitere Bücher der Autorin (mit einem Klick zur Rezension):

    1. Absturz

Flugzeugabsturz mit vorhersehbaren Folgen

Wie schon in ihren ersten beiden Thrillern »Flug 416« (2022) und »Absturz« (2024) geht es auch in diesem Thriller wieder um eine Flugzeugkatastrophe. Die Themenwahl ist bei einer ehemaligen Flugbegleiterin daher naheliegend. Anders als bei den vorherigen Thrillern sind dieses Mal nicht nur das Flugpersonal und die Passagiere betroffen. Der hier geschilderte Flugzeugabsturz ist sekundär. Primär ist das, was danach geschieht.

In einem Coastal-Airways-Flug erleidet der Pilot in elftausend Meter Höhe einen tödlichen Herzinfarkt. Der Co-Pilot ist zu diesem Zeitpunkt auf der Toilette und reagiert nicht auf Ansprachen. Die Maschine stürzt mit 294 Passagieren incl. Crew an Bord zu Boden. Panik und Schreie bahnen sich ihren Weg, als den Menschen bewusst wird, dass sie in den Tod stürzen.

Eine Kernschmelze droht

Als wäre dieser dramatische Unfall mit einer Kettenreaktion von Ereignissen an sich noch nicht schlimm genug, stürzt das Flugzeug ausgerechnet in das AKW Clover-Hill in dem kleinen, ländlichen Ort Waketa im US-Staat Minnesota. Die Kühltürme werden beschädigt, das Kühlwasser läuft aus und eine Kernschmelze droht. Das hätte nicht nur fatale Folgen für den nordamerikanischen Kontinent. Dieses bevorstehende Reaktorunglück wird auf einer internationalen Bewertungsskala für nukleare und radioaktive Ereignisse (INES) als katastrophaler Unfall der Stufe 7 eingeordnet. 

Bislang wurden nur zwei Reaktorunfälle der höchsten INES-Stufe 7 verzeichnet: Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011). Wie nah dran Newman mit ihrem Thriller an der Realität ist, zeigt die Lage in und um das AKW Saporischschja in der Ukraine. Häufige Störfälle waren bereits zu verzeichnen, die zum Glück alle behoben werden konnten - bisher wohlgemerkt.

Eine Kleinstadt am Abgrund

Bei diesem Horrorszenario in Waketa ist auch die Bevölkerung und die Umwelt in einem großen Ausmaß betroffen. Die Bemühungen einer Kleinstadt, eine Kernschmelze zu verhindern, sind allgegenwärtig. Wir begegnen Personen, die völlig selbstlos ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um andere Menschenleben zu retten. Menschen reagieren in einer Krise so, wie sich die meisten in einer solchen Situation verhalten würden. Die Verstrahlungsgefahr für die Helferinnen und Helfer ist enorm. Diese Begleitumstände hat Newman gut einfangen.

Primäre Folgen

Die Erzählung erfolgt aufgeteilt in verschiedene Schauplätze, die unmittelbar bzw. mittelbar mit dem Unglück in dem AKW zusammenhängen. Neben dem Flugzeugabsturz mit seinen Folgen gibt es einen weiteren Schauplatz mit einer Massenkarambolage von siebzehn Fahrzeugen. Herumfliegende Flugzeugtrümmer haben einen Minivan schwer getroffen. In dem Wagen befinden sich das Ehepaar Hays, ein Teenager und der fünfjährige Connor. Allein dieser Junge überlebt die Kollision, steckt aber in dem Fahrzeug fest. Wie kann man ihn befreien, zumal der Van in den Mississippi zu stürzen droht? Dramatische Rettungsversuche schließen sich an, die alle zu scheitern drohen.

Einige Kapitelüberschriften zählen in einem Countdown in Stunden und Minuten die verbleibende Zeit bis zur Kernschmelze herunter. Das erzeugt beim Lesen ein mulmiges Gefühl und ist von Newman gut durchdacht. Wechselnde Perspektiven aus der Sicht verschiedener Protagonisten erhöhen die Spannung.

Newman gelingt es sehr anschaulich, die Auswirkungen der nahenden Katastrophe auf das ganze Land zu beschreiben. Stehender Ausreiseverkehr bis Ohio. Kanada und Mexiko haben ihre Grenzen geschlossen und lassen keine Amerikaner mehr ins Land. In Georgia laufen Prepper mit Gasmasken herum. Der Mietwagenpool ist leer. Toilettenpapier ist überall ausverkauft. Finanzinstitute beschränken die Summe, die die Menschen von ihren Konten abheben können, um einen Ansturm auf die Banken zu verhindern.


Fazit

»Worst Case« ist das erste Buch der Autorin, das nicht an Bord eines Flugzeugs spielt, wenn auch die Handlung dort ihren Anfang nimmt. Es ist geprägt von Emotionen. Die Ereignisse wühlen auf, je weiter man in der Erzählung vordringt. Was Newman schreibt, entspricht einer aktuellen und brisanten Thematik.
Viele Plot-Twists und Cliffhanger treiben dass Spannungslevel nach oben. Man hat nicht das Gefühl, das Newman mit ihrem Schreibstil künstliche Spannung aufbauen will. Vielmehr geht es ihr um möglichst realistische Schilderungen. Wenn man auf der Suche nach einem guten und spannenden Thriller ist, kommt man an Newman nicht vorbei. Dieser Blockbuster ist ein absolutes »Must Read« für Thrillerfans.

Quellenangaben
Text über die Autorin: Wikipedia; Buchinnenseite © Goldmann-Verlag München, 2025 auszugsweise
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Flugzeugabsturz auf ein Kernkraftwerk

Dienstag, 8. September 2026

Candlish, Louise – Our Holiday

Über die Autorin

Louise Candlish wurde in Hexham, Northumberland, geboren und wuchs in Northampton auf. Sie schloss ihr Studium am University College London (UCL) 1989 mit einem Bachelor of Arts (BA) in Englisch ab. Zu ihren Leidenschaften zählen Bücher, Fernsehen und lange Spaziergänge – sowie ein Glas Wein in der Sonne, genossen mit Familie und Freunden. Zu ihren Lieblingsautoren gehören Tom Wolfe, Patricia Highsmith, Barbara Vine, Agatha Christie und Evelyn Waugh. Ihr absolutes Lieblingsbuch ist »Madame Bovary«. Sie lebt mit Mann, Tochter und einem fuchsroten Labrador namens Bertie im Süden Londons.



Autorin: Louise Candlish
Titel: Our Holiday
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 20. Mai 2026
Seitenzahl: 576
Verlag: btb Verlag
Preis: 17,00 € (Paperback); 12,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 84/100)

 

Summer-Vibes mit Hindernissen

Der August ist Ferien- und Reisezeit. Wie jedes Jahr verbringen gut betuchte Londoner ihren Urlaub an der englischen Südküste in der Nähe von Bournemouth, wo sie eigene Ferienhäuser besitzen. Auf das Meer schauen und die Sonne genießen – das erzeugt atmosphärische Summer-Vibes. Was eigentlich Erholung bringen soll, birgt in Wirklichkeit aber Spannungen und unüberbrückbare Differenzen.

Einen Monat im Jahr bewohnen die reichen Engländer ihre Ferienhäuser, die für den Rest des Jahres leer stehen. Bei den Einheimischen ist dagegen der Wohnraum knapp. Sie fristen ihr Dasein in Wohnwagen mit beengten Verhältnissen. Das erzeugt Unverständnis und Neid. Eine einheimische Aktivistengruppe, die sich »Not Just For August« (NJFA) nennt und deren Anführer der charismatische Robbie ist, will das nicht länger hinnehmen. Mit verschiedenen an Vandalismus grenzenden Aktionen wollen die Aktivisten die reichen »Eindringlinge aus London«, die sie despektierlich als »HALS« (Horden aus London) oder »Grockles« bezeichnen, auf ihre Situation aufmerksam machen und zu einem Umdenken bewegen.

Zwei befreundete Familien

Das Ehepaar Charlotte und Perry Tucker hat hier schon seit fünfzehn Jahren ein großes Ferienhaus mit einem zugehörigen kleinen Gartenhäuschen – genannt »Nook«. Ihre Nachbarn Amy und deren Mann Linus – mit denen die Tuckers befreundet sind – möchten sich ebenfalls so ein Feriendomizil zulegen. Leider reichen die finanziellen Mittel nur zu einem heruntergewirtschafteten, überteuerten Haus in der Nähe. Während sich die Frauen gut verstehen, gibt es Spannungen zwischen Perry und Linus, die sich im weiteren Verlauf steigern, bis hin zur Eskalation.

Perry ist außer sich. Aus seiner Sicht sind es doch die Steuern, die für die staatlichen Leistungen der unter Wohnungsnot leidenden Bewohner sorgen. Ganz anders Amy. Man könnte fast denken, dass sie sich bei den Einheimischen anbiedern will. Auf der anderen Seite möchte sie dabei aber die Freundschaft zu den reichen Londonern nicht gefährden.

Der Klippensturz

Die Ausgangssituation für das Setting ist schnell gelegt. Während des alljährlichen Old Beach Festivals stürzt ein Haus über eine Klippe. Zunächst bleibt unklar, wem das Haus gehört und ob es Tote und Verletzte gibt. Den weiteren Verlauf rollt die Autorin in Rückblenden auf.

Trotz des rasanten Einstiegs nimmt sich der Thriller Zeit, bis er Fahrt aufnimmt. Konflikte und Gesprächsdynamiken wiederholen sich einige Male. Als bekannt wird, dass bei dem abgestürzten Haus ein Mensch zu Tode gekommen ist, zieht die Spannung merklich an. Zunächst tappt man als Leser/Leserin im Dunkeln, was die Ursache des Absturzes des Hauses ist und um wen es sich bei dem Opfer handelt.

Die Stimmung kippt

In verschiedenen Kapiteln erleben wir Robbie (den Anführer der Aktivistengruppe) als Ich-Erzähler, während wir über Tate (einem weiteren Aktivisten), Charlotte, Perry, Amy, Linus und Beattie (die siebzehnjährige Tochter von Amy und Linus) Einblicke aus einer erzählenden Perspektive erhalten. Perry und Beattie sind zwei Figuren, auf die Candlish dabei ein besonderes Augenmerk geworfen hat. Für Robbie sind die reichen Londoner Zweitwohnsitz-Abschaum. In dieser Aussage steckt eine Menge Aggressionspotential.

Jeder versucht auf seine Weise durch Ränkespiele den Vorteil für sich zu verbuchen. Zum Ende hin wird eine Ehe zerbrochen sein. Vor dem Urlaub sind sie als Freunde angereist und am Ende des Urlaubs sind diese Freundschaften Vergangenheit. Und ein Verbrechen wird aufgedeckt, das so nicht gewollt war.


Fazit

»Our Holiday« von Louise Candlish ist vielleicht der Sommer-Thriller 2026 nach »Very Bad Widows« aus dem vergangenen Jahr. Nur sind es dieses Mal nicht die bösen Witwen, sondern eine Auseinandersetzung zwischen reichen Londonern und einheimischen Aktivisten. Das Buch ist unterhaltsam, mit Pointen und Dialogen angereichert. Manches wirkt überdreht, fast schon satirisch.
Beide Milieus kommen gewollt oder ungewollt in Berührung. Candlish legt dabei ihr Hauptaugenmerk auf sozialkritische Aspekte wie Beziehungsdramen, Besitzanspruch, existenzielle Wohnungsnot und eine Gruppendynamik mit sich zuspitzenden Konflikten. Die Eskalationsspirale dreht sich dabei unaufhaltsam.
So gelingt es trotz des etwas schleppenden Einstiegs, sich durch über 570 Seiten zu lesen. Man will unbedingt erfahren, was und warum das eine oder andere so und nicht anders geschehen ist. Das kommt erst in Rückblenden nach und nach zur Auflösung, was ein durchaus interessanter Ansatz ist. Ich empfehle das Buch als Sommerlektüre.

Quellenangaben
Text über die Autorin: Wikipedia, Amazon auszugsweise
Rezensionstext: © V. Kaiser; das Bild wurde mit KI generiert

Donnerstag, 27. August 2026

Carter, Chris – Du kriegst mich nicht

Über den Autor

Chris Carter wurde 1965 in Brasilien als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Nach seinem Schulabschluss ging er in die USA und studierte forensische Psychologie im amerikanischen Bundesstaat Michigan. Nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums arbeitete er sechs Jahre als Kriminalpsychologe bei der Staatsanwaltschaft. Nach seinem Umzug nach Los Angeles machte er als Gitarrist Karriere und war unter anderem mit Ricky Martin, Shania Twain, Björk und Tom Jones auf Tour. Aktuell wohnt Carter in London, wo er als Vollzeitautor arbeitet.


Autor: Chris Carter
Titel: Du kriegst mich nicht
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 30. Juli 2026
Seitenzahl: 464
Verlag: Ullstein Verlag
Preis: 18,00 € (Paperback); 13,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 96/100)

 

So kennt man Carter noch nicht

Chris Carter hat nach 13 Fällen der Hunter-und-Garcia-Reihe einen neuen Weg beschritten. »Du kriegst mich nicht« ist sein erster Stand Alone, der kein klassischer Krimi oder Thriller im herkömmlichen Stil ist. Carter punktet eher mit einer perfiden Handlung. Statt Brutalität und bedrückender Atmosphäre wird Verfolgungsdruck mit psychologischer Verunsicherung erzeugt.

Der Anfang vom Ende

Die Erzählung beginnt rasant mit hohem Tempo. Es geht um einen Fall von häuslicher Gewalt. Der Millionär Nelson Stewart ist angeklagt vor Gericht, seine Frau Samantha misshandelt zu haben. Als die Zeugin Candice Logan vor Gericht aussagt, dass sie ein Verhältnis mit Stewart hatte und der sie mehrmals verprügelt hat, ist die Sachlage klar. Stewart wird zu insgesamt 13 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Nach dem Urteilsspruch rastet er im Gerichtssaal völlig aus und schwört seiner Frau Rache. Er droht damit, dass er sie eines Tages findet, egal wo sie sich aufhält.

Nach der Gerichtsverhandlung geht es zunächst in einem langsameren Erzähltempo weiter. Staatsanwalt Oakfield rät Mary zur Scheidung und zu einem Identitätswechsel in Verbindung mit häufigen Aufenthaltsorten. Sie folgt seinem Rat und heißt jetzt Mary Smith. In den nächsten sieben Wochen hält sie sich nacheinander in sechzehn Städten verteilt auf sechs verschiedenen Bundesstaaten auf. Tauchen irgendwelche Probleme auf, meldet sich ihre innere Stimme und hilft ihr, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ein Trauma aus der Vergangenheit

Man muss die Hintergründe aus der Vergangenheit kennen, um die Geschichte richtig einordnen zu können. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die nach fürchterlichen Verhältnissen und Flucht aus ihrem Elternhaus versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie ist traumatisiert durch die sexuellen Übergriffe ihres Stiefvaters. Mit abgrundtiefem Hass auf Männer, obdachlos und hungrig begegnet sie nach ihrer Scheidung einer Gleichaltrigen, die ähnliche Erfahrungen in ihrem Elternhaus gemacht hat. Die beiden irren durch die Straßen von Liverpool und fassen einen gemeinsamen Plan, um an Geld zu gelangen und Rache zu nehmen an Männern. Es ist ein Plan mit Wiederholungseffekt. Dabei ändern sie ständig ihre Identitäten. Zu Beginn heißen sie Mary und Denise.

Aber irgendwann geht der Plan nicht mehr auf. Mary lernt den schwerreichen Milliardär Quaddra Buckner kennen. Er ist ganz anders als alle Männer, die ihr zuvor begegnet sind. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen und verliebt sich, was offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruht. Sie möchte ihren aktuellen Wohnort wegen diesem Mann nicht verlassen.

Unerwartete Wendungen

Nach ungefähr der Hälfte des Buches bekommt die Handlung plötzlich eine Wendung, mit der man nicht rechnen konnte. Das lässt das Gerichtsverfahren zu Anfang in einem völlig neuen Licht erscheinen. Das Tempo zieht mit spürbarer Spannung wieder merklich an. Mit genialen Plot-Twists schafft der Autor Übergänge, die man so nicht vorhersehen konnte. Die Entwicklung spitzt sich zu und Carter verzichtet auf ausschweifende Erklärungen.

Das Böse lauert überall

Diesen Thriller würde ich in drei Abschnitte unterteilen. Im ersten Abschnitt erfahren wir aus einer Gerichtsverhandlung, in der es um häusliche Gewalt geht. Der folgende Abschnitt beschreibt den Identitätswechsel des Opfers und die damit verbundenen Aktivitäten, die sich zu einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel entwickeln. Im weiteren Verlauf wird man feststellen, dass sich nicht nur Mary eine falsche Identität zugelegt hat. Der letzte Abschnitt ist wohl der interessanteste Teil. Unzählige Wendungen und Spuren bzw. Hinweise, von denen man nicht weiß, ob sie den Tatsachen entsprechen, lassen das Tempo wieder deutlich anziehen. Dabei bleibt es lange Zeit unklar, wer hier Opfer und wer Täter oder Täterin ist.

Was wird aus Mary und Quaddra? Mit einer weiteren so nicht vorhersehbaren Wendung erfahren wir mehr darüber. Und wäre das nicht schon meisterhaft genug, was sich Carter hier ausgedacht hat, gelingt ihm mit einem Abstand von zwanzig Jahren nach dem vorausgegangenen Konflikt eine wahrlich grandiose Auflösung zum Ende hin, wenn auch ein Interpretationsspielraum bleibt.


Fazit

Der Autor kann mit einem flüssigen Schreibstil und einem klaren Setting punkten. Carter hält sich nicht mit langatmigen Textpassagen auf, er kommt schnell zum Wesentlichen. Kurze Kapitel sind ein beliebtes Stilelement, um das Interesse am Weiterlesen zu fördern.
Meiner Meinung nach kann man den Wechsel von der Hunter-und-Garcia-Reihe zu Carters erstem Stand Alone als äußerst gelungen bezeichnen. Für mich gehört er zu den Autoren, dessen Bücher man »blind« erwerben kann. Von mir gibt es deshalb eine klare Leseempfehlung.

Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia auszugsweise
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Mann und eine Frau in einer Gemäldeausstellung