Donnerstag, 27. August 2026

Carter, Chris – Du kriegst mich nicht

Über den Autor

Chris Carter wurde 1965 in Brasilien als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Nach seinem Schulabschluss ging er in die USA und studierte forensische Psychologie im amerikanischen Bundesstaat Michigan. Nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums arbeitete er sechs Jahre als Kriminalpsychologe bei der Staatsanwaltschaft. Nach seinem Umzug nach Los Angeles machte er als Gitarrist Karriere und war unter anderem mit Ricky Martin, Shania Twain, Björk und Tom Jones auf Tour. Aktuell wohnt Carter in London, wo er als Vollzeitautor arbeitet.

 

Du kriegst mich nicht
 

Autor: Chris Carter
Titel: Du kriegst mich nicht
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 30. Juli 2026
Seitenzahl: 464
Verlag: Ullstein Verlag
Preis: 18,00 € (Paperback); 13,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 96/100)

 

So kennt man Carter noch nicht

Chris Carter hat nach 13 Fällen der Hunter-und-Garcia-Reihe einen neuen Weg beschritten. »Du kriegst mich nicht« ist sein erster Stand Alone, der kein klassischer Krimi oder Thriller im herkömmlichen Stil ist. Carter punktet eher mit einer perfiden Handlung. Statt Brutalität und bedrückender Atmosphäre wird Verfolgungsdruck mit psychologischer Verunsicherung erzeugt.

Der Anfang vom Ende

Die Erzählung beginnt rasant mit hohem Tempo. Es geht um einen Fall von häuslicher Gewalt. Der Millionär Nelson Stewart ist angeklagt vor Gericht, seine Frau Samantha misshandelt zu haben. Als die Zeugin Candice Logan vor Gericht aussagt, dass sie ein Verhältnis mit Stewart hatte und der sie mehrmals verprügelt hat, ist die Sachlage klar. Stewart wird zu insgesamt 13 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Nach dem Urteilsspruch rastet er im Gerichtssaal völlig aus und schwört seiner Frau Rache. Er droht damit, dass er sie eines Tages findet, egal wo sie sich aufhält.

Nach der Gerichtsverhandlung geht es zunächst in einem langsameren Erzähltempo weiter. Staatsanwalt Oakfield rät Mary zur Scheidung und zu einem Identitätswechsel in Verbindung mit häufigen Aufenthaltsorten. Sie folgt seinem Rat und heißt jetzt Mary Smith. In den nächsten sieben Wochen hält sie sich nacheinander in sechzehn Städten verteilt auf sechs verschiedenen Bundesstaaten auf. Tauchen irgendwelche Probleme auf, meldet sich ihre innere Stimme und hilft ihr, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ein Trauma aus der Vergangenheit

Man muss die Hintergründe aus der Vergangenheit kennen, um die Geschichte richtig einordnen zu können. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die nach fürchterlichen Verhältnissen und Flucht aus ihrem Elternhaus versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie ist traumatisiert durch die sexuellen Übergriffe ihres Stiefvaters. Mit abgrundtiefem Hass auf Männer, obdachlos und hungrig begegnet sie nach ihrer Scheidung einer Gleichaltrigen, die ähnliche Erfahrungen in ihrem Elternhaus gemacht hat. Die beiden irren durch die Straßen von Liverpool und fassen einen gemeinsamen Plan, um an Geld zu gelangen und Rache zu nehmen an Männern. Es ist ein Plan mit Wiederholungseffekt. Dabei ändern sie ständig ihre Identitäten. Zu Beginn heißen sie Mary und Denise.

Aber irgendwann geht der Plan nicht mehr auf. Mary lernt den schwerreichen Milliardär Quaddra Buckner kennen. Er ist ganz anders als alle Männer, die ihr zuvor begegnet sind. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen und verliebt sich, was offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruht. Sie möchte ihren aktuellen Wohnort wegen diesem Mann nicht verlassen.

Unerwartete Wendungen

Nach ungefähr der Hälfte des Buches bekommt die Handlung plötzlich eine Wendung, mit der man nicht rechnen konnte. Das lässt das Gerichtsverfahren zu Anfang in einem völlig neuen Licht erscheinen. Das Tempo zieht mit spürbarer Spannung wieder merklich an. Mit genialen Plot-Twists schafft der Autor Übergänge, die man so nicht vorhersehen konnte. Die Entwicklung spitzt sich zu und Carter verzichtet auf ausschweifende Erklärungen.

Das Böse lauert überall

Diesen Thriller würde ich in drei Abschnitte unterteilen. Im ersten Abschnitt erfahren wir aus einer Gerichtsverhandlung, in der es um häusliche Gewalt geht. Der folgende Abschnitt beschreibt den Identitätswechsel des Opfers und die damit verbundenen Aktivitäten, die sich zu einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel entwickeln. Im weiteren Verlauf wird man feststellen, dass sich nicht nur Mary eine falsche Identität zugelegt hat. Der letzte Abschnitt ist wohl der interessanteste Teil. Unzählige Wendungen und Spuren bzw. Hinweise, von denen man nicht weiß, ob sie den Tatsachen entsprechen, lassen das Tempo wieder deutlich anziehen. Dabei bleibt es lange Zeit unklar, wer hier Opfer und wer Täter oder Täterin ist.

Was wird aus Mary und Quaddra? Mit einer weiteren so nicht vorhersehbaren Wendung erfahren wir mehr darüber. Und wäre das nicht schon meisterhaft genug, was sich Carter hier ausgedacht hat, gelingt ihm mit einem Abstand von zwanzig Jahren nach dem vorausgegangenen Konflikt eine wahrlich grandiose Auflösung zum Ende hin, wenn auch ein Interpretationsspielraum bleibt.


Fazit

Der Autor kann mit einem flüssigen Schreibstil und einem klaren Setting punkten. Carter hält sich nicht mit langatmigen Textpassagen auf, er kommt schnell zum Wesentlichen. Kurze Kapitel sind ein beliebtes Stilelement, um das Interesse am Weiterlesen zu fördern.
Meiner Meinung nach kann man den Wechsel von der Hunter-und-Garcia-Reihe zu Carters erstem Stand Alone als äußerst gelungen bezeichnen. Für mich gehört er zu den Autoren, dessen Bücher man »blind« erwerben kann. Von mir gibt es deshalb eine klare Leseempfehlung.

Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia auszugsweise
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Mann und eine Frau in einer Gemäldeausstellung

Sonntag, 16. August 2026

Raabe, Marc – Im Morgen-grauen

Über den Autor

Marc Raabe wurde 1968 in Köln geboren. Bereits als Schüler drehte Marc Raabe mit einem Freund Super-8-Filme und gründete mit ihm nach dem Abitur eine Filmproduktionsfirma. Parallel zu seiner Tätigkeit als Filmproduzent studierte er Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Germanistik, brach sein Studium jedoch ab und widmete sich seiner Firma. 
2012 veröffentlichte er seinen ersten Roman »Schnitt« im Ullstein Verlag, 2013 folgte sein zweiter Thriller »Der Schock« im selben Verlag. Beide Romane standen wochenlang auf der Bestsellerliste des Spiegels. Inzwischen zählt Marc Raabe zu den bekanntesten deutschen Thrillerautoren. Seine Romane wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Neben seiner Tätigkeit als freier Schriftsteller ist Marc Raabe Geschäftsführer und Gesellschafter einer Fernsehproduktionsfirma und lebt mit seiner Familie in Köln.


Im Morgengrauen


Autor: Marc Raabe
Titel: Im Morgengrauen (Art Mayer-Reihe #4) 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 28. Mai 2026
Seitenzahl: 576
Verlag: Ullstein Verlag
Preis: 17,99 € (Paperback); 14,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️(Score 94/100)

Reihenfolge (Mit einem Klick zur Rezension):

    1. Der Morgen
    
2. Die Dämmerung
    
3. Die Nacht
    
4. Im Morgengrauen

24 Jahre vor Tag null

Eine ehemalige Jugend-Clique wird von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt. Zu dieser Clique gehörten u.a. Bundeskanzler Henrik Westphal (Spitzname »Zippo«), seine Frau Juli (»Ellie«), Kanzleramtsminister Hardy Schlottbeck (»Brille«) und der BKA-Beamte Artur Mayer (»Boxer«). Plötzlich ist wieder präsent, was damals vertuscht wurde und nie zur Aufklärung gekommen ist. Dabei treten alte Feindschaften und Rachegelüste in den Vordergrund, aber auch eine unerfüllte Liebe ist plötzlich wieder gegenwertig.

Tag null

Bundeskanzler Henrik Westphal ist seit acht Tagen spurlos verschwunden. Teile der Bundesregierung sind äußerst besorgt. Intern haben sie den verhängnisvollen Morgen seit Westphals Verschwinden »Tag null« genannt. Dabei ist ungewiss, ob er entführt wurde oder was sonst dahinterstecken könnte. Hat es etwas mit seinen sexuellen Aktivitäten zu tun? Schon damals hatte er in der Clique zuerst »Brille« die Freundin ausgespannt und wenig später »Boxer«. Beide Male ging es um dasselbe Mädchen. Eine Lösegeldforderung gibt es nicht. Mit jedem Tag wächst die Sorge, ob Henrik überhaupt noch am Leben ist.

Der schroffe und eigenwillige BKA-Ermittler Artur (Art) Mayer und seine Kollegin Nele Tschaikowski nehmen die Ermittlungen auf. Zwei Charaktere mit Ecken und Kanten. Mayer lässt sich auch von Vorgesetzten nicht in seine Art der Ermittlungen hineinreden, was ihn schon oft fast Kopf und Kragen gekostet hätte. Tschaikowski – die Nichte von Polizeipräsident Kauder – ist mittlerweile in die Rolle der Ermittlerin hineingewachsen und lässt sich nicht mehr wie die ehemalige Kommissar-Anwärterin behandeln.

Wer ist Kessy X

Nach dem Verschwinden von Westphal tauchen plötzlich Videos mit kompromittierendem Inhalt im Netz auf, die sofort in allen Social-Media-Kanälen viral gehen. Eine junge Frau, die sich Kessy X nennt, behauptet in dem Video, dass sie vom Kanzler sexuell bedrängt worden sei. Das Ganze soll in einem Burgerladen passiert sein. Ihr Gesicht kann man nicht erkennen. Lediglich ein Eulen-Tattoo am Unterarm ist zu sehen. Möchte jemand gegen den Kanzler intrigieren, um ihn zu stürzen oder was könnte sonst dahinterstecken? Aber da ist noch etwas Anderes. Kessy sucht verzweifelt nach ihrer Schwester Sophie. Da drängt sich die Frage auf, ob Kessy erpresst wird, die Videos zu erstellen.

Parallel zu der Suche nach Westphal werden Mayer und Tschaikowski zu einem Tatort in einem Berliner U-Bahntunnel gerufen. Dort wird eine weibliche Leiche neben dem Gleisbett gefunden. Wieder taucht dieses auffällige Eulen-Tattoo auf. Zunächst ist nicht klar, ob es sich um Suizid oder Mord handelt.

Persönliches spielt eine große Rolle

Zwischen den Ermittlungen kommt immer wieder Persönliches zum Vorschein. Art ist eine Figur mit emotionaler Tiefe, die durch Zerrissenheit geprägt ist. Die achtjährige Milla ist lieber bei Art als bei Ihrer dementen Großmutter, die im gleichen Haus wohnt. Die Mutter lebt nicht mehr. Milla erinnert Art immer an seine Vergangenheit. Erst ist er im Heim und dann bei Pflegeeltern aufgewachsen und später hat er seine Jugendliebe Juli an Henrik verloren. 

Nele und Roman haben einen gemeinsamen Sohn, aber in der Beziehung kriselt es. Meistens übernimmt Romans Vater die Betreuung von Lasse. Sowohl Art als auch Nele sind zwei Figuren, die trotz allem sympathisch rüberkommen.

Da die Frau des Bundeskanzlers Arts große Jugendliebe war, gerät dieser in den Fokus der Ermittlungen und wird verdächtigt, eine Straftat begangen zu haben. Das führt zu seiner vorübergehenden Suspendierung. Nele wird wegen ihrer Nähe zu Art aus der Ermittlungsgruppe ausgeschlossen.

Ein stilistisches Highlight

Die Erzählung erfolgt stilsicher mit viel Tempo, Spannung und präziser Beschreibung unterschiedlicher Sequenzen. Das Setting ist anspruchsvoll, die Kapitel wechseln zwischen zwei Ebenen – sowohl aus der Sicht der Ermittler als auch den Gedanken bzw. den Videos der jungen Influencerin Kessy-X. Viele Twists und Cliffhanger setzt Raabe in einem emotionalen und toxischen Abschnitt ein, der sich allerdings erst nach der Hälfte des Buches entfaltet.

Eine Verflechtung von Privatem und Beruf sorgt dafür, dass es hier um mehr als um einen klug konstruierten kriminalistischen Fall mit hoher politischer Brisanz geht. Vieles deutet daraufhin, dass der Autor mit diesem Band die Tageszeiten-Thriller zum Abschluss bringt.


Fazit

So wie Raabe die einzelnen Charaktere beschreibt, kann man sich schnell ein Bild von ihnen und ihrer Glaubwürdigkeit machen. Auch die Zerrissenheit einzelner Personen kommt gut zum Ausdruck.
Viele Verästelungen und Perspektiven machen es nicht leicht, der Handlung zu folgen. Es wird nicht nur ein einfacher Kriminalfall erzählt, den man als reine Unterhaltung empfinden kann. Geduld ist nötig, bis die Handlung richtig Fahrt aufnimmt.
Es empfiehlt sich, die Art Mayer-Reihe in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Nur so bekommt man einen Einblick in die private Situation der beiden Hauptfiguren Art Mayer und Nele Tschaikowski in der Vergangenheit und deren seitheriger Entwicklung. Zudem begegnet man Figuren, die man schon in den vorhergehenden Bänden kennengelernt hat.

Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia
Rezensionstext: © V. Kaiser

Sonntag, 2. August 2026

Hannah, Kristin – Die Nachtigall

Über die Autorin

Kristin Hannah wurde am 25. September 1960 in Garden Grove, Südkalifornien geboren. Von 1986 bis 1983 arbeitete sie als Rechtsanwältin in Seattle. Erste literarische Versuche fielen in ihre Studienzeit. 1991 erschien ihr Debütroman »A Handful of Heaven«. Mittlerweile ist sie eine preisgekrönte Bestsellerautorin von über 20 Romanen, darunter der internationale Bestseller »Die Nachtigall«, der 2015 von Goodreads (amerikanische Website für Social Cataloging) zum besten historischen Roman gekürt und im selben Jahr mit dem begehrten Publikumspreis für den besten Roman ausgezeichnet wurde. Das Buch wurde ein Welterfolg.
Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrem Mann, einem Filmrechtehändler, auf einer kleinen Insel im Pazifik.


Die Nachtigall


Autorin: Kristin Hannah
Titel: Die Nachtigall 
Genre: Historischer  Roman
Erscheinungsdatum: 09. Oktober 2017
Seitenzahl: 611
Verlag: Aufbau Verlag
Preis: 15,95 € (Geb. Buch über Amazon); 14,00 € (Taschenbuch); 10,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 97/100)


Zwei unterschiedliche Schwestern

Die Geschichte wird in zwei verschiedenen Zeitebenen sowie aus der Sicht zweier Schwestern erzählt. Die Erzählung beginnt 1995 irgendwo an der Küste von Oregon. Eine alte Frau lebt seit fast fünfzig Jahren dort. Sie erzählt aus ihrer Sicht, was sie im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Sie denkt an die Menschen, die sie verloren hat – sie sind tot. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, um wen es sich bei der Frau handelt.

Der Einstieg in die Geschichte ist geschickt gewählt. Im weiteren Verlauf springt die Handlung mehrmals wieder in die Gegenwart im Jahr 1995. Man erfährt dabei weitere Details aus dem bisherigen Leben dieser Person und entwickelt eine gewisse Vorahnung, um wen es sich dabei handelt. Dieses Setting zieht einem sofort in seinen Bann.

Zurück in die Vergangenheit

Nach dem Einstieg folgt ein Zeitsprung zurück in den August 1939 – kein Jahr mehr bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Paris und zur Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht. Vianne ist Lehrerin und lebt mit ihrem Mann Antoine und der achtjährigen gemeinsamen Tochter Sophie glücklich in einem eigenen Haus im Loiretal. Sophie ist ihr Ein und Alles, nachdem Vianne zwei Fehlgeburten hatte und ein kleiner Junge nach einer Woche gestorben ist. Schon früh hat sie ihr Elternhaus verlassen, nachdem die Mutter gestorben war und der alkoholsüchtige Vater sie weggeschickt hat.

Antoine bekommt die Einberufung und muss in den Krieg ziehen. Überraschend schnell nehmen die deutschen Soldaten nach einer erfolgreichen Offensive Frankreich ein. Es kommt zur Kapitulation und zu einem Waffenstillstand. Vianne hofft auf eine schnelle Rückkehr von Antoine. 

Viannes jüngere Schwester Isabelle ist genau das Gegenteil. Seit mehr als einem Jahrzehnt war sie in verschiedenen Internaten, Mädchenpensionaten und Klosterschulen untergebracht, die sie aber wegen ungebührlichen Verhaltens immer vorzeitig verlassen musste. Sie ist renitent und rebellisch. Der Vater will sie nicht im Haus haben und schickt sie zu Vianne. 

Hass auf die Nazis

Nach der deutschen Besatzung ist das Leben für die einheimische Bevölkerung sehr schwer. Es sind überwiegend Frauen, Kinder und Alte, die Männer sind längst in den Krieg gezogen. Die Zurückgebliebenen haben kaum etwas zu essen, da die Deutschen alles einkassieren. Ab dem frühen Abend herrscht eine Ausgangssperre und die Offiziere quartieren sich in die fremden Häuser und Wohnungen ein. Ein deutscher Hauptmann beansprucht eine Unterkunft im Haus von Vianne und Antoine. Isabelle kocht vor Wut und bringt sich und ihre Schwester durch ihre Äußerungen in Gefahr. Sie hasst die Boches (Anm.: Diffamierende französische Bezeichnung für Deutsche).

Jede leistet auf ihre Weise Widerstand

Isabelle lehnt sich gegen die Belagerung der Deutschen auf und schließt sich einer Widerstandsgruppe an. Sie führt abgeschossene Bomber-Piloten der Alliierten über einen beschwerlichen Gebirgspfad der Pyrenäen von Frankreich nach Spanien, wo sie in Sicherheit sind. Isabelle fährt anschließend mit dem Zug zurück. Diese »Führungen« finden mehrmals in der Woche statt. Isabelle ist jetzt Juliette Gervaise mit dem Decknamen »Nachtigall«. Schon bald sind die Nazis auf der Spur der »Nachtigall«.

Aber auch ihre ältere Schwester Vianne ist willensstark und will ihre Familie beschützen, doch der Preis ist hoch, den sie dafür zahlen muss. Sie will Sophie eine gute Mutter sein. Sophie und der kleine Daniel sollen sich trotz aller Entbehrungen wohl fühlen. Ari (Daniel) hat sie in ihre Obhut genommen, nachdem die Gestapo dessen Mutter und Viannes beste Freundin Rachel verhaftet hat. In der Klosterschule versteckt und betreut sie jüdische Kinder. Sie erträgt ein gehöriges Maß an Leid und muss dabei tatenlos zusehen, wie gute Freunde und Bekannte nach und nach aus ihrem Blickfeld verschwinden.

Es werden die tragischen Erlebnisse der beiden ungleichen Schwestern Vianne und der jüngeren Isabelle detailliert beschrieben. Beide Schwestern sind in ihrem Wesen so unterschiedlich, aber in ihrem Willen sehr stark. Beide kämpfen auf ihre Weise für die Freiheit. Das unermessliche Leid der Franzosen während der Deutschen Besatzung kommt bildgewaltig zum Ausdruck. Die Autorin glänzt neben ihren erzählerischen Fähigkeiten mit einer starken Figurenzeichnung, auch bei den weniger prominenten Figuren. Zudem wird der zweite Weltkrieg aus der Sicht des besetzten Frankreichs perspektivisch aufgearbeitet.

Eine unendlich traurige Geschichte

Zum Ende hin schließt sich der Kreis und man ist wieder in der Gegenwart im Jahr 1995 angekommen. Die alte Frau – von der wir nun wissen, um wen es sich handelt – fliegt gemeinsam mit ihrem Sohn Julien nach Paris. Sie hat eine Einladung zu einem Treffen bekommen. Hier spricht sie über den Krieg und wir erfahren, was aus ihrer Familie und ihren Freunden geworden ist.


Fazit

Dieser emotionale Roman von Kristin Hannah ist erstmals 2015 in den USA unter dem englischen Originaltitel »The Nightingale« erschienen und wurde zu einem Weltbestseller. Die fiktive Geschichte beruht zum Teil auf historischen Ereignissen und tatsächlich damals existenten Personen. Hannah hat den Roman in Anlehnung an Andrée de Jongh geschrieben. De Jongh war Angehörige der belgischen Résistance im Zweiten Weltkrieg.
Die Erzählung ist geprägt von Liebe, großem Leid, Hoffnung und Zuversicht, aber auch von Schuld, Vergebung, Verlust und großer Traurigkeit. In einigen Passagen erinnert der Roman etwas an Ariel Lawhon’s »Codename Hélène«, wo ebenfalls das besetzte Frankreich im zweiten Weltkrieg eine tragende Rolle gespielt hat. Es ist ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann, wenn man einmal angefangen hat, es zu lesen.

Quellenangaben
Text über die Autorin und Andrée de Jongh: Wikipedia
Rezensionstext: © V. Kaiser; das KI-generierte Bild zeigt einen Fluchtpfad über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien

Sonntag, 19. Juli 2026

Mason, Simon – Ein Mord im November

Über den Autor

Simon Mason wurde 1962 in Sheffield geboren und studierte englische Literaturwissenschaft an der Lady Margaret Hall in Oxford. Er schreibt sowohl kinder- und Jugendbücher als auch Thriller. Seit 1990 wurden Masons Werke in England veröffentlicht. Bekannt sind auch in Deutschland seine Jugendbücher über die Quigley-Familie. Er wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Betty Trask Award für das beste Romandebüt.
Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitete er einige Jahre als Verlagsleiter von David Fickling Books, einer Tochter von Random House UK. Mason lebt mit Frau und zwei Kindern in Oxford.


Ein Mord im November


Autor: Simon Mason
Titel: Ein Mord im November (DI Wilkins-Reihe #1) 
Genre: Kriminalroman
Erscheinungsdatum: 18. März 2026
Seitenzahl: 432
Verlag: Goldmann Verlag
Preis: 13,00 € (Taschenbuch); 10,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 80/100)

 

Ein College als Schauplatz

Simon Mason, selbst Oxford-Absolvent hat sich als Schauplatz seiner Geschichte das Oxbridge-College Barnabas Hall ausgesucht. Er nimmt sich zu Beginn viel Zeit, um die Figuren mit ihren Eigenarten zu skizzieren, die wir rund um das College kennenlernen. Ob es um den Provost des College Sir James Osborne, die syrische Küchenhilfe Ameena Najib geht, die offensichtlich ein Problem mit dem hohen Staatsgast Scheich al-Medina hat, oder dem Faktotum Jason Birch – um nur einige zu nennen. Das alles ist in einem konventionellen Setting eingebunden.

Wilkins und Wilkins

Im Mittelpunkt dieses Oxford-Krimis stehen allerdings zwei Ermittler, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Klischees von dummen Menschen mit schlechten Manieren aus der Unterschicht und die feinen Herrschaften mit Bildung und tadellosem Benehmen aus der Oberschicht werden hier übertrieben bedient. 

DI Ryan Wilkins ist 27 Jahre alt mit weißer Hautfarbe, wirkt aber rein äußerlich eher wie ein Teenager. Aufgewachsen ist er in ärmlichen Verhältnissen in einem Trailerpark; der Vater Alkoholiker, eine Mutter, die von ihrem Mann regelmäßig misshandelt wird. Colleges kennt er nur von außen. Er war jedoch Jahrgangsbester auf der Polizeiakademie (wie er es dorthin geschafft hat bei einer solch schlechten Prognose bleibt offen). Seine »Dienstkleidung« besteht aus Jogginghose, T-Shirt und Turnschuhen. Das Verhalten ist proletenhaft, sein Auftreten frech und respektlos selbst gegenüber privilegierten Eliten. Zudem steckt ein hohes Agressionspotential in ihm. Aufgrund dessen wurde er wegen Fehlverhaltens strafversetzt zur Thames Valley Police.

Wenn er mit seinem kleinen Sohn Ryan junior zusammen ist, lernt man eine ganz andere Seite von ihm kennen. Da ist er der fürsorgliche Familienvater. Ryan junior ist bei Ryans Schwester Jade in Betreuung, wenn er für den Kleinen keine Zeit hat. Die Mutter von Ryan junior hat ihre Drogenprobleme nie in den Griff bekommen und ist an einer Überdosis gestorben. Trotz seiner ganzen Eigenarten ist Ryan ein Mensch, für den man Sympathie empfinden kann.

DI Ray Wilkins ist Anfang dreißig. Genau das Gegenteil von Ryan: wohlhabendes Elternhaus, ein »Überflieger« einer neuen Generation schwarzer Kriminalbeamter mit Oxford-Abschluss. Dank eines Masterstudiengangs in Kriminalistik ist er zu der Position eines Detective Inspector aufgestiegen. Immer tadellos gekleidet, umsichtig und wortgewandt, hervorragende Manieren, gutaussehend.

Unterschiedliche Berufsauffassung

Die beiden Detectives der Thames Valley Police sollen gemeinsam einen Mordfall an einer jungen Frau aufklären. Der Mord wurde augenscheinlich im Oxbridge-College Barnabas Hall verübt. Die Unbekannte wurde im Arbeitszimmer des Provosts dieser Bildungsakademie, Sir James Osborne, entdeckt. Wie können so zwei unterschiedliche Charaktere gemeinsam einen Mord aufklären? Die Reibereien, die dabei entstehen, sowie die unterschiedlichen Auffassungen von der Art der Vorgehensweise hat Mason sehr prägnant beschrieben.

Der Einstieg in die Ermittlungen läuft alles andere als glücklich. Man ruft vom College aus die Polizei an und der Anruf landet bei Ryan. Der macht sich gleich auf den Weg zum College. Kaum dort angekommen, zerdeppert er mit seinem Verhalten jede Menge »Porzellan«.

Keine Einsicht vorhanden

Mehrmals wird Ryan von seiner Vorgesetzten und auch von Ray aufgefordert, keine Einzelgänge zu unternehmen, was der aber einfach ignoriert. Das erzeugt Wut und Zorn insbesondere bei Ray und man fragt sich bereits gleich am Anfang, ob diese »Zusammenarbeit« dauerhaft funktionieren kann. Aufgrund seiner vielen verbalen Entgleisungen und seinem ungehobelten Benehmen, wobei Ryan mehrfach gegen den polizeilichen Verhaltenskodex verstößt, wird ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet. 

Im Verlauf der Handlung versucht Mason mehrmals, den Leser/die Leserin auf eine falsche Fährte zu locken. Der wahre Täter wird am Ende überführt und diese finale Auflösung sorgt für Überraschung.

Trotzdem endet das Buch mit einem kleinen Cliffhanger. Fans der Krimireihe dürfen sich auf den zweiten Fall »Das kalte Herz von Oxford« des ungleichen Ermittlerduos freuen. Und da darf man gespannt sein, wie Mason das umsetzt.


Fazit

Was man hier liest, ist ohne Tiefgang und unrealistisch, was aber wahrscheinlich auch so gewollt ist. Mason spart nicht mit gesellschaftskritischen Themen, denen er etwas Humor beimischt.
Der Inhalt dieses Kriminalromans definiert sich über zwei Kriminalisten, die völlig unterschiedliche Auffassungen von Ermittlungsarbeit haben. Eine explosive Kriminalgeschichte darf man hier nicht erwarten, es geht eher gemächlich zu.
Die eigentliche Kriminalhandlung läuft als klassischer Whodunit nebenher. Die Spannungsschiene wird dabei selten bedient. Auch sporadisch gesetzte Cliffhanger an manchen Kapitelenden ändern daran nichts. 
Weitere Fälle, die geplant sind, müssen zeigen, ob sich der Ansatz von Mason durchsetzen und sich dafür eine interessierte Leserschaft finden wird. Sehr konträr sind die beiden Figuren, in Bezug sowohl auf ihr Äußeres als auch ihr Verhalten.

Quellenangaben
Text über den Autor: Wikipedia; Innenseite Buchcover
Rezensionstext: © V. Kaiser; KI-generiertes Bild


Samstag, 11. Juli 2026

Kvensler, Ulf – Die Klippe

Über den Autor

Ulf Kvensler, 1968 geboren, hat eine lange und erfolgreiche Karriere als Drehbuchautor, Regisseur und Showrunner hinter sich. Er begann als Komiker, hat aber in den letzten Jahren Dramen, Horror und Thriller geschrieben. Ulf Kvensler ist sowohl Schöpfer als auch Hauptautor zahlreicher Erfolgsserien. In Schweden ist er ein gefeierter Bestsellerautor, und auch in Deutschland eroberte er mit seinen Thrillern »Der Ausflug« und »Die Insel« sofort die SPIEGEL-Bestsellerliste.


Die Klippe


Autor: Ulf Kvensler
Titel: Die Klippe – Jede Lüge könnte deine letzte sein 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 10. Juni 2026
Seitenzahl: 384
Verlag: Penguin Verlag
Preis: 17,00 € (Paperback); 14,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 96/100)

Wenn Freunde zu Feinden werden

Marcus Anderson und Ernst Fabricius haben sich vor dreizehn Jahren bei einem Kurs für literarisches Schreiben auf der kleinen Insel Biskops Arnö im Mälarsee westlich von Stockholm kennengelernt. Alle aufstrebenden Autorinnen und Autoren bewerben sich dort für einen Kurs, für den es nur eine begrenzte Anzahl von Teilnehmern gibt. Marcus ist die Hauptfigur, um die sich im Wesentlichen die Geschichte dreht.

Marcus ist mit Nathalie, einer Schauspielerin, die an ihrer Karriere bastelt, angeblich glücklich verheiratet. So sieht er es jedenfalls. Als ihr Marcus etwas anvertraut, was niemand wissen soll, zeigt sie ihr wahres Gesicht und erpresst ihn. Ernst hat seine Freundin Synnöve vor einiger Zeit verlassen. Laut seiner Aussage ist sie total »psycho« und superlabil.

Ernst war Mitarbeiter der Kulturredaktion des »Expressen«, ein tonangebender Literaturkritiker. Ihm wurde gekündigt – angeblich wegen Drogen und Alkohol. Marcus' Debütroman »Der Abtrünnige« wird ein Bestseller und er wird mit Lob von allen Seiten überhäuft. Danach fällt er in ein Loch und leidet unter einer regelrechten Schreibblockade. Seitdem arbeitet Marcus als Briefträger. Erfolgsdruck und die Angst vorm Scheitern beleuchtet Kvensler beindruckend nachvollziehbar.

Wenn einem Autor die Ideen ausgehen

Der Leidensdruck muss für einen Bestsellerautor immens sein, dem nach seinem Thrillererfolg nichts mehr gelingen will, und das über Jahre hinweg. Daher muss es Marcus wie ein Wink des Schicksals vorkommen, als ihm Ernst anbietet, seinen Roman unter dessen Namen zu veröffentlichen. Er bittet Marcus, »Der Kerzenleuchter« seiner Agentin Beyan vorzulegen. Obwohl der sich anfangs dagegen sträubt, freundet er sich mit dem Gedanken an, zumal seine Agentin begeistert ist von dem Manuskript. 

Zu Beginn scheint alles zu beider Zufriedenheit zu laufen - aber irgendwann kippt die Sache. Es geht u.a. um ein üppiges Honorar. Geld, auf das sowohl Marcus als auch Ernst nicht verzichten wollen. Schnell entwickelt sich ein Lügennetz in einer Abwärtsspirale ungeahnten Ausmaßes. Ernst stellt plötzlich Forderungen und erpresst Marcus damit, alles zu verraten, wenn der nicht auf seine Forderungen eingeht. Man kann es nur Marcus‘ Naivität zugutehalten, dass er nicht daran gedacht hat, dass so etwas passieren könnte.

Die Lage spitzt sich zu

Schnell kommt man in die Geschichte hinein und entwickelt ein Gespür dafür, um was es hier geht. Ein beklemmendes Gefühl stellt sich beim Lesen ein und man kann es förmlich greifen, dass irgendwann etwas schreckliches passieren muss. Man weiß nur nicht was und wann. Das Erzeugen von psychologischen und atmosphärischen Grundstimmungen ist eine der ganz großen Stärken von Kvensler.

Jeder zeigt sein wahres Gesicht

Sehr gut ist die Beschreibung der Figuren mit Tiefgang gelungen. Man kann sich richtig in sie hineinversetzen, ebenso in die weniger prominenten Figuren. Ist Marcus unbeabsichtigt in diese Lage hineingeraten, die sich immer weiter zuspitzt? Er lebt in einer Parallelwelt zwischen Schuld und Verdrängung. Seine Frau Nathalie unterliegt starken Stimmungsschwankungen, die bedrohliche Ausmaße für Marcus annehmen. Und sein ehemaliger Kumpel Ernst offenbart einen fiesen Charakter, je weiter wir in der Geschichte nach vorne gelangen.

Der Thriller steckt voller unvorhersehbarer Wendungen. Kaum ist man im Begriff, die Sachlage zu verstehen, wird wieder alles über den »Haufen geworfen« und man ist genau so weit wie am Anfang. Am Ende bleiben Fragen offen. Jeder, der lieber Bücher mit einer finalen Auflösung liest, sei an dieser Stelle vorgewarnt.


Fazit

Wie in seinen beiden bisherigen Thrillern sucht sich Ulf Kvensler besondere Schauplätze aus, die er in irgendeiner Form mit der Handlung in Einklang bringt. 
Der Schreibstil des Autors ist flüssig, leicht verständlich und er kommt schnell auf den Punkt. Kurze Kapitel sind ein Stilelement, dass zum Weiterlesen anregt. Zudem haben seine Bücher einen hohen Wiedererkennungswert und sie enthalten alle Merkmale, worauf es bei skandinavischen Thrillern ankommt. Für mich ist Kvensler einer der besten Thrillerautoren der Gegenwart.
Neuerscheinungen von ihm kann man unbesehen kaufen – sie sind immer ein Highlight. Vielleicht ist sein neuestes Buch »Die Klippe – Jede Lüge könnte deine letzte sein« atmosphärisch noch etwas dichter und psychologisch ausgeklügelter als seine beiden Vorgänger. Definitiv ein Pageturner, mit einer klaren Leseempfehlung von meiner Seite.

 
Quellenangaben
Text über den Autor: Penguin Verlag
Rezensionstext: © V. Kaiser

Dienstag, 7. Juli 2026

Haller, Elias – Signalrot

Über den Autor

Elias Haller wurde 1977 geboren. Er lebt, arbeitet und schreibt in Chemnitz. Den Zündstoff für seine packenden Thriller bezieht er aus seiner beruflichen Erfahrung mit Rechtsbrechern und deren Opfern. Seine Leidenschaft fürs Schreiben ermöglicht es ihm, (kaltblütige) Mörder und (tragische) Helden aufeinander loszulassen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. 2015 veröffentlichte er seinen ersten Thriller »Tod und tiefer Fall«. Der Roman erreichte sofort die Spitze der Amazon-Kindle-Charts. Unter dem Pseudonym Nicholas Vega hat er mehrere Fantasy-Bestseller geschrieben.


Signalrot


Autor: Elias Haller
Titel: Signalrot (Tara-Kronberg-Reihe #1) 
Genre: Thriller
Erscheinungsdatum: 13. Mai 2025
Seitenzahl: 461
Verlag: Edition M Amazon Selfpublishing
Preis: 14,99 € (Taschenbuch); 4,49 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Score 89/100)

Die Neue im LKA Sachsen

»Signalrot« ist der erste Band einer Trilogie, den Elias Haller veröffentlicht hat. Mit der 37-jährigen Tara Kronberg hat der Autor eine interessante Ermittlerin mit einer schicksalhaften Vergangenheit entwickelt, die mit viel Selbstbewusstsein und Chuzpe ausgestattet ist. Sie ist von Anfang an sympathisch. Tara ist Kriminalhauptkommissarin und soll beim LKA Sachsen die neu eingerichtete Sondereinheit »Signalrot« im Dezernat 47 für Gewaltverbrechen leiten.

Nach der Auszeit

Zwei Jahre ist es her, dass sich Tara Kronberg eine Auszeit genommen hat. Nachdem ihr Vater gestorben war und sie erfahren hat, dass sie keine Kinder bekommen kann, ist ihre Beziehung zerbrochen. Sie stand kurz vor einem Burn-Out. Aus diesen Gründen hat sie die Ruhe und Abgeschiedenheit in einem japanischen Kloster gesucht, um die privaten Schicksalsschläge zu verarbeiten.

Kronberg war vor ihrer Auszeit stellv. Leiterin des Morddezernats K11. Jetzt soll sie die Ermittlungen koordinieren und verbessern mit ihrem Gespür und den richtigen Ansätzen. So soll sie die Kripo bei der Suche nach einem sadistischen Serienmörder unterstützen und wird schnell in einen Sog hineingezogen.

Kein freundlicher Einstieg

Taras Einstieg bei der neu eingerichteten Sondereinheit ist nicht gerade erfreulich. Man legt ihr Steine in den Weg, wo es nur geht. Der ihr zugeteilte Kriminaloberkommissar Gabriel Schneider hat eine befleckte Vergangenheit. Er besteht darauf, nur im Innendienst tätig zu sein. Außerdem hat er ein Verhältnis mit der Vorgesetzten Dr. Kim Rosenstein, die alles andere als erfreut über die neue Mitarbeiterin ist. Als Büro stellt man Tara eine dunkle Kammer zur Verfügung ohne die erforderlichen IT-Ressourcen. Man verwehrt ihr Zugang zu Unterlagen und der aktuelle Stand der Ermittlungen wird ihr ebenfalls vorenthalten.

Tara ist sich nicht sicher, ob sie Schneider trauen kann. Er hat als Personenschützer einem Minister die Nase gebrochen, weil der eine Prostituierte verprügelt hat. Er ist Vater einer fünfjährigen Tochter, die er nicht häufig sieht, da die Mutter den Umgang behindert.

Erinnerungen an ein Märchen

In dem hier beschriebenen Fall geht es um einen psychisch gestörten Täter, der seine Befriedigung im Sadismus findet. Er lässt junge Frauen in roten Schuhen tanzen, bevor er sie tötet und Post Mortem verstümmelt. Der Fall wird schnell persönlich für Tara. Eines der Opfer ist nämlich eine ehemalige Freundin aus gemeinsamen Teenagerzeiten. Die Details hat der Autor in seiner ganzen Brutalität beschrieben. Die Handlung wird aus drei verschiedenen Perspektiven (Tara, Opfer, Täter) im Wechsel erzählt.

In unregelmäßigen Abständen lesen wir aus dem Tagebuch einer Figur, die in Ich-Form über ihre Entwicklung vom Kindesalter bis in die Zeit vierunddreißig Jahre danach erzählt. Was dort steht, ist verstörend und abstoßend gleichermaßen. Die Einträge sind geschickt platziert, um die Spannungskurve zu erhöhen. 

In kurzen Kapiteln erfährt man einiges über die Psyche des Täters. Er liebt das Umwerben, den Tod und die Aufbereitung seiner Opfer, wie er es nennt. Er sehnt den Moment herbei, ab dem eine Frau für immer schweigt. Wie meist in solchen Fällen ist der Ursprung des Handelns in der Kindheit eines Psychopathen zu finden.

Wie krank muss ein Mensch sein

Menschliche Abgründe tun sich auf, wenn man diesen Thriller liest. »Rote Schuhe« und das »Tanzen« haben einen starken Bezug zur Handlung. So gesehen ist das ein innovativer Ansatz von Haller, der diese Attribute schonungslos in seine Handlung mit einbezieht. Es werden falsche Spuren gelegt, um die Aufklärung hinauszuzögern. Die hält dann doch einige Überraschungen parat. Das Motiv des Täters wird dabei nachvollziehbar und es ist klar, dass nur eine gestörte Psyche zu so etwas fähig sein kann.


Fazit

Nach über zwanzig Jahren im Polizeidienst weiß der Autor, wovon er schreibt. Seine Fachkenntnis bezieht er aus seiner Erfahrung mit Mördern und deren Opfern. Der Schreibstil ist prägnant. Der Thriller ist brutal und blutig – nichts für schwache Nerven. Spannung ist bis zum Schluss gegeben.
So wie das Märchen »Die roten Schuhe« von Hans Christian Andersen gibt es eine Reihe von Märchen, die grausam sind und nicht selten mit dem Tod enden. Was haben sich die Kinderbuchautoren nur dabei gedacht – wenn die Inhalte auch deren Fantasie entsprungen sind?
Etwas weniger Fachchinesisch für Laien wäre angebracht gewesen. Beispielsweise hätte man anstelle von daktyloskopischen Spuren den eher bekannten Begriff Fingerabdruckverfahren verwenden können. Das ist für Nicht-Kriminalisten sicher verständlicher.
 
Quellenangaben
Text über den Autor: Homepage von Elias Haller
Rezensionstext: © V. Kaiser; Die Szene aus dem Märchen »Die roten Schuhe« von H.C. Andersen wurde mit KI generiert