Freitag, 20. Februar 2026

Lawhon, Ariel – Codename Hélène

Über die AutorinAriel Lawhon ist eine gefeierte New York Times-Bestsellerautorin historischer Romane. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und waren in der Auswahl von Library Reads, Indie Next, One Book One County, Costco und Book of the Month.
Sie lebt mit ihrem Ehemann, vier Söhnen, einem schwarzen Labrador und einer verrückten Siamkatze in den sanften Hügeln außerhalb von Nashville, Tennessee. Ariel teilt ihre Zeit zwischen Supermärkten und Baseballfeld auf.


Codename Hélène


Autor: Ariel Lawhon
Titel: Codename Hélène
Genre: Historischer Roman
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 21. November 2025
Verlag: Adrian Verlag

Preis: 22,00 € (Gebundenes Buch)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5

 

Authentizität und Fiktion

Nach ihrem großen Erfolg mit dem auf teilweise wahren Begebenheiten basierenden Roman »Der gefrorene Fluss« hat Ariel Lawhon mit der gebürtigen Neuseeländerin Nancy Wake erneut eine authentische Figur zum Leben erweckt. »Codename Hélène« ist ein fiktiver Roman, der auf wahren Kriegsereignissen des zweiten Weltkrieges basiert. Was man aus Nancys Sicht erfährt, erzählt die Protagonistin in der Ich-Form, sowohl aus dem erzählenden als auch aus dem erlebenden »Ich«.

Harter Job, schlechte Bezahlung

Nancy Wake arbeitet als freie Journalistin für die europäische Niederlassung der Hearst Newspaper Group in Frankreich. Ihre Schwerpunkte sind die Politik, gelegentlich der Sport. Für sie ist es eine Genugtuung, als der amerikanische Sprinter Jesse Owens 1936 bei den olympischen Spielen in Berlin Hitlers beste Läufer düpiert und die Goldmedaille gewinnt. Und sie berichtet auch darüber, als das Luftschiff »Hindenburg« aufsteigt und über die Felder fliegt. Ein Wunderwerk, entweiht durch ein schwarzes Hakenkreuz auf jeder Seite des Schiffsrumpfes.

Als Nancy den reichen französischen Industriellen Henri Fiocca in Marseille kennen- und später lieben lernt, fällt es ihr nicht schwer, ihren Beruf aufzugeben. Ein Job, für den sie hart arbeitet und der schlecht bezahlt wird. Anerkennung bekommt sie ebenfalls nicht. Fiocca ist ein Herzensbrecher und Lebemann, auf den die Frauen fliegen. Er ist von Anfang an fasziniert von der jungen Frau. Als Henri und Nancy 1939 heiraten, ist sie Mitte zwanzig und er dreizehn Jahre älter. Es wird für Henri und Fiocca die Liebe ihres Lebens. Ein Schicksalsschlag in den Wirren des Krieges wird dies alles ändern.

Hitlers Angriff auf die Welt

Im September 1939 überfällt Hitler Polen. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges steht unmittelbar bevor. Hauptgegner des nationalsozialistischen Deutschen Reiches sind Frankreich und das Vereinigte Königreich mit den Commonwealth-Staaten. Frankreich wird 1940 von den Nazis besetzt.

La Souris Blanche

Nancy Wake ist die am meisten gefürchtete Spionin und Fluchthelferin von den Braunhemden während der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Während dieser Zeit steigt sie zur höchstdekorierten weiblichen Militärangehörigen auf. Nancy ist eine Nazi-hassende loyale Untertanin der Krone. Sie ist furcht- und empathielos, wenn es die Situation erfordert.

Nancy kann kalt, grausam und empathielos sein, wenn es um die Sache geht, wobei sie keine Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit nimmt. Auf der anderen Seite ist sie die liebende, gefühlsbetonte und einfühlsame Ehefrau, die ihren Ehemann Henri über alles liebt. Diese beiden unterschiedlichen Blickwinkel hat Lawhon sehr gut herausgearbeitet.

Sie hat sich in dieser Zeit verschiedene Identitäten zugelegt, die sie je nach Bedarf benutzt. Für Madame Andrée, oder Mademoiselle Lucienne Suzanne Carlier hat sie die entsprechenden Ausweispapiere. Am gefährlichsten wird es für sie, wenn sie unter dem Namen Carlier als Fluchthelferin unterwegs ist. Zum Ende des Kriegs flieht sie nach England und lässt sich vom britischen Nachrichtendienst Special Operations Executive (SOE) für Spezialeinsätze anwerben und ausbilden. Sie ist als ausgebildete britische Agentin mit dem Decknamen Hélène in Frankreich im Einsatz.

Weil sie sich immer wieder einer Verhaftung entziehen kann, nennt die Gestapo sie »La Souris Blanche« (Die weiße Maus). Auf ihre Ergreifung ist ein Kopfgeld von fünf Millionen Francs ausgesetzt.

Figuren mit Wiedererkennungswert

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Figuren von Nancy Wake und Henri Fiocca authentisch sind. Auch den im Roman erwähnten Obersturmführer Wolff gab es. Er war General der Waffen-SS. Ein gefürchteter Schlächter und zudem Verbindungsoffizier der SS zu Hitler. Das Nancy eine erbitterte Kämpferin für die Résistance gegen die Nazis während des zweiten Weltkrieges war, ist ebenfalls überliefert. Sie wurde als furchtlose Anführerin verehrt und respektiert. Auch ihre damaligen Weggefährten bis auf eine Figur hat es tatsächlich gegeben. Die Geschichte darum ist jedoch der rein fiktiven Erzählung von Ariel Lawhon geschuldet.


Fazit

Ein Roman, der so gewaltig geschrieben ist wie sein Inhalt und dessen Geschehnisse sowohl über Nancys Kampf gegen die Nazis, die Widerstände bei den Franzosen, die Überführung von Flüchtlingen nach Spanien oder die Spionagetätigkeiten für die Briten wiedergeben.
Lawhon versteht es meisterhaft, historische Begebenheiten mit fiktiver Erzählkunst so zu verbinden, dass man darüber nachdenken muss, was ist real und was fiktiv.
Ein kleiner Kritikpunkt sei angebracht. Der Plot ist in fünf Abschnitte unterteilt. Sowohl die fünf Teile als auch die einzelnen Kapitel sind nicht chronologisch aufgebaut, sondern springen zeitlich vor und zurück. Allerdings helfen die Überschreibungen mit Datumsangaben, sich zu orientieren. 
Am Ende des Buches gibt es einige hilfreiche Anmerkungen der Autorin. Viele der Beschreibungen und Ereignisse sind Nancys Autobiografie entnommen. Jedoch legt die Autorin Wert darauf, dass ihr Buch ein fiktionales Werk ist und keine Biografie.
 
Quellenangabe
Schutzumschlag © Adrian & Wimmelbuchverlag GmbH Berlin, 2025

Samstag, 14. Februar 2026

Gruber, Andreas – Herzfluch

Über den Autor
Andreas Gruber wurde 1968 in Wien geboren. Er ist ein österreichischer Schriftsteller, der vorranging in den Genres Phantastik, Horror und Thriller schreibt. Er beschäftigt sich seit 1996 konkret mit dem Schreiben.
Viele seiner Werke und Geschichten sind mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet oder für diese nominiert. 2019 hat Constantin Film im Auftrag von SAT.1 damit begonnen, seine Maarten-S.-Sneijder-Reihe zu verfilmen.
In seiner Freizeit gibt Andreas Gruber Schreibworkshops, ist begeisterter Kinogeher, reist viel mit seiner Frau, spielt leidenschaftlich gern Schlagzeug und wartet bis heute vergebens auf einen Anruf der Rolling Stones.


Herzfluch


Autor: Andreas Gruber
Titel: Herzfluch (Herz-Reihe, Band 2)
Genre: Thriller
Seitenzahl: 608
Erscheinungsdatum: 19. November 2025
Verlag: Goldmann Verlag

Preis: 17,00 € (Paperback)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️/5

 

Alte Bekannte

Bereits 2013 konnte man in der »Herz-Reihe« den Band 1 »Herzgrab« lesen. Das Buch wurde mittlerweile neu aufgelegt und mit einem neuen Cover gestaltet. Damals wie heute sind die Wiener Privatdetektivin Elena Gerink sowie die Wiener BKA-Beamten Peter Gerink (Elenas Mann) und dessen Kollege Dino Scatozza im Einsatz. Einen gewissen Zündstoff beinhaltet die Tatsache, dass die Dezernatsleiterin Lisa Eisert beim BKA in Wien nicht nur die Vorgesetzte von Gerink und Scatozza ist, sondern auch die Schwester von Elena.

Zwei scheinbar zusammenhanglose Fälle

Die Privatdetektivin Elena Gerink soll im Auftrag von Balthasar Grabowski einen Mörder finden, der seine sechzehnjährige Enkelin Nina vor fünfzehn Jahren umgebracht hat. So ist zumindest die Version des Klienten. Seiner Meinung nach ist der damalige Angeklagte Thomas Dannenberg zu Unrecht freigesprochen worden. Nach ersten Recherchen von Elena hält sich der Gesuchte in Athen auf. Mit Einwilligung ihres Auftraggebers reist sie nach Griechenland. Geld spielt für den todkranken Grabowski dabei keine Rolle.

Gleichzeitig sind auch Peter Gerink und Dino Scatozza in einer Vermisstensache in Griechenland unterwegs. Sie sollen in der griechischen Inselwelt eine vermisste Rucksacktouristin aufspüren. Seit vier Tagen wird die zwanzigjährige Anna Klein aus Wien vermisst. Die Spurensuche in der Athener High Society gestaltet sich dabei äußerst schwierig und bleibt zunächst erfolglos.

Ein zäher Einstieg

Über eine lange Distanz erfahren wir abwechselnd, wie Elena in der Suche nach Thomas Dannenberg Informationen sammelt und was Peter und Dino über die vermisste Anna Klein herausfinden. Lange laufen diese beiden Handlungsstränge parallel nebeneinander. Sehr viel später werden sie zu einer Ebene auf einer kleinen fiktiven Privatinsel zusammengeführt. Elena, Peter und Dino tauchen dabei in die Welt der griechischen Mythologie ein. Man erfährt mehr über das Umfeld eines geheimnisvollen Künstlers, der für seine ausdrucksstarken Werke bekannt ist. Die Stärke der drei Ermittler ist ihre professionelle Einstellung, gegenseitiges Verständnis und ihr Zusammenhalt, wenn es darauf ankommt. 

Der Autor nimmt sich viel Zeit und Raum, um den Rahmen des Geschehens vorzubereiten. In beiden Fällen gestalten sich die Ermittlungen langatmig und zäh.
Es fällt teilweise schwer, sich durch die einzelnen Seiten zu lesen, da über eine zu lange Zeit kaum oder sehr wenig Spannung aufkommt. Ab und zu legt Gruber falsche Fährten, was die Spannung kurzfristig anhebt.

Je mehr Informationen und Hinweise die Ermittler bekommen, desto undurchsichtiger und mysteriöser werden die beiden Fälle. Rücksprünge in die Vergangenheit machen die Geschehnisse dabei transparenter. Ein probates Mittel, um Handlungsabläufe besser einordnen zu können.

Packendes Szenario

Man muss Geduld haben beim Lesen, um die Zusammenhänge besser zu verstehen und die darin vorkommenden Personen richtig zuordnen zu können. Was Gruber an Handlung nach über einer Hälfte in den Plot packt, sprengt das normale Denkvermögen. Man muss sich einlassen können in die griechische Mythologie, um dem einigermaßen folgen zu können. Es geschehen Dinge, die unvorstellbar, grausam und ekelerregend sind. Letztendlich führt der Autor die Leser zu einem gruseligen Ende. Was es mit dem Titel »Herzfluch« auf sich hat, wird man ebenfalls erfahren.

Ein klischeelastiger Plot

Der Plot ist mir zu klischeelastig. Elenas Dobermannhündin muss eingeschläfert werden. Die Hündin bleibt Thema ihrer Selbstgespräche. Zurück an ihrem Wohnort gibt es ein Hundegrab mit Urne. Später auf der Insel ist es der kleine Streuner Rhodos, der Zugang in die Handlung findet. Einen kleinen Jungen hält sie in den Armen wie ein eigenes Kind und lässt es nicht mehr los. Die Ermittler Gerink und Scatozza glänzen mit Sprüchen und Sticheleien untereinander, die auch schon mal zotig sein können. Selbst die Honeymoon Suite, die man schon aus dem Buch »Herzgrab« kennt, findet wieder Erwähnung.


Fazit

Wer erinnert sich nicht gern an die spannungsgeladenen Fälle des niederländischen forensischen Psychologen Maarten S. Sneijder und seiner ehemaligen Studentin Sabine Nemetz sowie des humpelnden Wiener Privatdetektivs Peter Hogart. Wer hier ähnliches erwartet, wird über zwei Drittel des Buches vielleicht enttäuscht sein. 
Warum Gruber nach über zehn Jahren die Wiener Privatdetektivin Elena Gerink sowie deren Mann Peter und dessen Partner Dino Scatozza vom Wiener BKA wieder zum Leben erweckt hat, erläutert er in einer Danksagung am Ende des Buches.
Beide Bücher der Herz-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden, auch wenn die schon bekannten Hauptfiguren wieder ermitteln.
 
Quellenangabe
Text über den Autor: Wikipedia und www.agruber.com

Donnerstag, 5. Februar 2026

Craven, M.W. – Der Kurator

Über den Autor

Der mehrfach preisgekrönte Sunday Times-Bestsellerautor M. W. Craven wurde in Carlisle in der Grafschaft Cumbria geboren, wuchs jedoch in Newcastle in Northumberland auf. Als Jugendlicher trat er in die britische Armee ein und begann nach zehn Jahren Militärdienst ein Studium der Sozialpädagogik. Fast zwei Jahrzehnte lang arbeitete M. W. Craven als Bewährungshelfer, bevor er sich höchst erfolgreich und in Vollzeit dem Schreiben von Krimis und Thrillern widmete. Seine Kriminalromane wurden mit renommierten Krimipreisen ausgezeichnet, u.a. dem CWA Gold Dagger Award (2019) sowie dem Ian Fleming Steel Dagger Award (2022). Mit seiner SPIEGEL-Bestsellerserie um Washington Poe und Tilly Bradshow hat M.W. Craven auch sein deutsches Publikum begeistert.


Der Kurator


Autor: Michael W. Craven
Titel: Der Kurator
Genre: Kriminalroman
Seitenzahl: 466
Erscheinungsdatum: 03. November 2025
Verlag: Droemer Knaur KG

Preis: 16,99 € (Paperback)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Vorweihnachtszeit in Cumbria

Es beginnt harmlos kurz vor Weihnachten. Wie jedes Jahr soll bei einer Firmenweihnachtsfeier gewichtelt werden. Und obwohl Craig Hodgkiss das Wichteln hasst, kommt es ihm dieses Jahr sehr gelegen. Er möchte seiner befreundeten Arbeitskollegin Barbara Willoughby einen Heiratsantrag machen. Doch statt seines Verlobungsrings befinden sich in seinem Wichtelbecher zwei abgetrennte Finger und eine rätselhafte Botschaft mit der Aufschrift »#BSC6«.

Wenig später liegen im Taufbecken einer Kirche wieder zwei abgetrennte Finger. Letzen Endes taucht bei einer Fleischverlosung in Fiksin’s Hall in Whitehaven schließlich ein drittes Fingerpaar auf, das zwischen die Ware drapiert wurde. Die kryptische Botschaft »#BSC6« ist immer beigelegt. Wer verteilt in Cumbria solche ekelerregenden »Weihnachtsgeschenke«?

Pathologisch betrachtet, stammt jeweils ein Fingerpaar von ein und derselben Person. Während ein Finger ante mortem abgetrennt wurde, erfolgte die andere Amputation post mortem. Hat man es hier mit einem sadistischen Mörder zu tun? Es gibt keinerlei Verbindungen zwischen den drei Opfern der Fingerpaare – zwei Frauen und ein Mann. Sie kannten sich nicht und hatten auch sonst keine Gemeinsamkeiten. Sie waren lediglich vor drei Jahren für zwei Wochen am gleichen Ort.

Ein Team mit Wiedererkennungsfaktor

Das ist ein Fall für die Serious Crime Analysis Section (SCAS). Das ist eine Sondereinheit der nationalen Kriminalpolizei des Vereinigten Königreichs. Nicht nur diese Einheit stellt etwas Besonderes dar, auch das Ermittlerteam, das sich dahinter verbirgt.

Stephanie Flynn kommt als Chefin authentisch rüber. Sie ist momentan schwanger und hat mit ihren Hormonen zu kämpfen. DS Washington Poe ist ein Zyniker und gegenüber seinen Vorgesetzten oft disziplinlos. Früher war er der Vorgesetzte von Stephanie Flynn, jetzt ist sie seine Chefin nach einer vorübergehenden Suspendierung von Poe. Privat ist er ein Eigenbrötler, der zurückgezogen in einer abgelegenen Hütte mit seinem Hund Edgar lebt. Gemeinsam arbeitet er mit der hervorragenden Analytikerin Mathilde (Tilly) Bradshow zusammen, die sozial völlig inkompetent ist. Auf dem Gebiet von IT und Wissenschaft ist sie ein regelrechter Nerd. Außerdem ist sie auf das Wohlergehen von Poe bedacht.

Komplettiert wird das Team von der unkonventionellen aber höchst effizienten Pathologin Estelle Doyle. Sogar in der Leichenhalle ist sie manches Mal angezogen wie in einem S&M-Klub – schwarzes Haar und gleichfarbige Schminke, Netzstrümpfe und Stilettos.

Die Ermittler der SCAS sind ein ungewöhnliches Team. Jeder hat seine Eigenarten, was sich aber im Ganzen betrachtet zu einem gemeinsamen Nenner verbindet. Dieses Team muss man einfach mögen, denn sie beleben diesen Kriminalroman auf unnachahmliche Weise. Es ist köstlich, den Dialogen von Poe und Tilly zu folgen, und die sind nicht ausschließlich beruflicher Natur.

Was steckt hinter den Morden

Alles sieht zu Beginn bestenfalls nach einer ungewöhnlichen Mordserie aus. Daraus entwickelt sich ein Setting mit einer Challenge, die man so nicht für möglich hält. Lange bleibt man als Leser im Ungewissen, um was es hier eigentlich geht. Und das treibt die Spannung hoch, auch durch immer wieder neue Twists, die die Handlung aber keineswegs überladen.

Ein Drachen in einem Baum führt Poe auf die Spur eines Verdächtigen. Ist der zweiundzwanzigjährige Robert Cowell der gesuchte Mörder? Bei der Vernehmung durch Poe ist er das reinste Nervenbündel, zappelig und total verschwitzt. Schließlich gibt er zu, dass er gezwungen worden ist, an einer auf einem Online-Spiel basierenden Challenge teilzunehmen, die auf vulnerable Personen abzielt. Dabei müssen verschiedene Aufgaben erfüllt werden. Aber er leugnet alles, was bereits erwiesen ist.

Washington Poe und Tilly Bradshow stehen vor einem Rätsel. Eine vom FBI suspendierte Agentin meldet sich und erzählt von einer Person, der sich der »Kurator« nennt. Sie behauptet, dass der Täter kein Serienmörder ist, sondern dass etwas ganz anderes dahintersteckt. Ist sie glaubwürdig? Warum wurde sie vom Dienst suspendiert und meldet sich plötzlich bei der SCAS? Fast zu spät erkennt Poe, dass er auf das abartige Spiel des »Kurators« hereingefallen ist.

Wie man in den Anmerkungen des Autors am Ende des Buches erfährt, beruht nicht alles auf seinem Erfindungsreichtum. Challenges, die auf einem Online-Spiel basieren, gibt es wirklich.


Fazit

Mike W. Craven gelingt es wie keinem anderen englischen Autor bzw. keiner anderen Autorin, die Texte mit trockenem, britischem Humor zu würzen, wenn es dem einen oder der anderen auch albern vorkommen mag. Schwarzer Humor, unverblümte Direktheit, Absurdität und Understatement sind dafür die Zutaten. Bücher von ihm sorgen für beste Unterhaltung.
Die Handlung ist gut konstruiert, die Erzählweise dynamisch und ohne Leerlauf in den einzelnen Kapiteln. Dabei hat Craven für seine Leser immer wieder Überraschungen und Twists parat. Die beschriebenen Fälle sind ungewöhnlich und mögen für manchen merkwürdig klingen, aber sie werden zum Ende hin gekonnt und logisch aufgelöst.
Im Prinzip kann man diesen Band ohne Vorkenntnisse der anderen Bücher lesen. Der Fall ist in sich abgeschlossen. Da der Autor aber in Deutschland lange unbeachtet geblieben ist, wurden die Bücher nicht in der richtigen Reihenfolge übersetzt. Aus diesem Grund muss man darauf hinweisen, dass die Entwicklung der Figuren – in erster Linie die von Poe und Bradshow – verloren geht, wenn die Bücher nicht der Reihe nach gelesen werden.
 
Quellenangabe
Text über den Autor: Klappentext © Droemer Knaur Gmbh & Co.KG München, 2025

Mittwoch, 21. Januar 2026

Bestgen, Sarah – Safe Space

Über die Autorin

Sarah Bestgen, Jahrgang 1990, lebt mit ihrer Familie im Rheinland. Sie studierte Psychologie in Köln und Bonn und arbeitete rechtspsychologisch und klinisch, bevor sie für eine renommierte Personalberatung in der Führungskräfteauswahl und – entwicklung tätig wurde. Neben ihrer Faszination für Menschen, ihre Geschichten und ihre psychischen Abgründe ist Schreiben ihre große Leidenschaft. Nach ihrem Thrillerdebüt HAPPY END, das von Lesern und Rezensenten begeistert aufgenommen wurde, hat sie mit SAFE SPACE ihren zweiten Thriller vorgelegt.


Safe Space


Autorin: Sarah Bestgen
Titel: Safe Space
Genre: Thriller
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 28. November 2025
Verlag: Bastei Lübbe AG

Preis: 17,00 € (Paperback); 12,99 € (E-Book)

Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Was ist mit »Little Butterfly« geschehen

Anna Salomon jagt ihrem eigenen Trauma hinterher, seit sie vor sechs Jahren einen geliebten Menschen aus den Augen verloren hat. Ein Streit hat sie auseinandergebracht und danach gab es kein Lebenszeichen mehr. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Die Polizei hat die Suche längst eingestellt und es ist das Schlimmste zu befürchten.

Dieses Trauma ist der Auslöser für Annas Berufswahl. Sie studiert Psychologie und schließt das Studium mit Mitte zwanzig als Jahrgangsbeste ab. Sie bewirbt sich auf eine Stelle als Anstaltspsychologin der sozialtherapeutischen Abteilung in einem Hochsicherheitsgefängnis in der JVA Weyer. Aufgrund ihrer Qualifikation bekommt sie die Stelle.

Der Einstieg in Annas Berufsleben und der Gefängnisalltag wird spannend beschrieben. Man nähert sich allmählich dem wahren Grund für Annas Intention, den niemand erfahren darf. Der hat weniger mit ihren beruflichen Wünschen zu tun. Sie sucht nach Antworten auf ihre Fragen und hofft, in der JVA ihrem Ziel näher zu kommen. Schnell muss sie erkennen, dass innerhalb der Gefängnismauern eine bedrückende Atmosphäre herrscht.

Keine leichte Aufgabe

Anna hat fünf Häftlinge zugeteilt bekommen, die sie in Therapiegesprächen betreuen soll. Die Häftlinge sind allesamt Intensivtäter und teilweise hochmanipulative Persönlichkeiten, die die Psychologen gegeneinander ausspielen wollen. Es dauert, bis man die Zusammenhänge versteht. Um nicht zu viel zu verraten, sei hier nur kurz angerissen, dass Anna in der JVA eine bestimmte Person sucht. Wie kommt sie dabei auf die JVA Weyer und warum soll das gerade einer der fünf ihr zugeteilten Häftlinge sein? Das kann nicht ganz überzeugen. Auch zu einem späteren Zeitpunkt bleiben diese Fragen offen.

Die Gefängnisepisoden kann man als gelungen bezeichnen. Gruppengespräche wechseln sich mit Einzelgesprächen ab. Die Unterschiede und Charaktere sind dabei klar definiert. Allerdings verliert Anna zusehends die Kontrolle über sich selbst. Es wird immer mehr klar, dass sie der Umgang mit den Häftlingen überfordert. Sie erhält Drohbriefe, die sie auffordern, ihre Recherchen einzustellen. Ihr Privatleben bleibt dabei größtenteils auf der Strecke.

Es kommen Zweifel auf

Die Kollegen bescheinigen der jungen Psychologin Eigenschaften wie Präzision, Gewissenhaftigkeit, Kommunikationsstärke, Selbstbewusstsein und Resolutheit. Der Gefängnisdirektor jedoch ist ein Narzisst und nicht davon überzeugt, dass sie die richtige Person für diesen Job ist. Dieser Eindruck erhärtet sich, als einer der ihr zugeteilten Schwerverbrecher als Bezugsperson einen Suizidversuch unternimmt.

Ein verwirrendes Setting

Verschiedene Erzählebenen und -perspektiven sind verwirrend für den Leser, weil man sie zunächst nicht zuordnen kann. Anna als Ich-Erzählerin ist in diesem Thriller die Hauptfigur. Aus eingefügten Tagebucheinträgen erfahren wir mehr über die innere Zerrissenheit einer weiteren Person, deren Gemütszustand sich immer weiter verschlechtert. Und es gibt einen weiteren Handlungsstrang aus der Sicht eines jungen Mannes. Der ist so aufgebaut, dass man über diese Figur sowohl etwas aus dessen von Gewalt geprägter Kindheit als auch aus der Gegenwart als Erwachsener erfährt.

Das Ende kann nicht ganz überzeugen

Am Ende erwartet den Leser ein regelrechtes »Finale furioso«. Die Ereignisse überschlagen sich, ein Plot Twist jagt den nächsten. Nicht jede der tragenden Figuren ist das, was sie vorgibt zu sein. Die Auflösung überrascht und konnte so nicht unbedingt erwartet werden. Es wirkt abstrus und passt nicht zu dem ansonsten gut durchdachten Plot. Die Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke.


Fazit

Sarah Bestgen hat nach ihrem vielbeachteten Thrillerdebüt »Happy End« aus dem Jahr 2024 nun ihren zweiten Stand-Alone mit »Safe Space« veröffentlicht. Die Handschrift einer studierten Psychologin ist dabei unverkennbar. Die Beschreibung und Analysierung psychologischer Abgründe treten klar zum Vorschein.
Das Buch startet langatmig. Man muss Geduld haben mit diesem psychologischen Thriller. Ungefähr die ersten einhundert Seiten geschieht nicht viel. In der Folge kommt es zu einem Anstieg der Spannungskurve.
Der Plot ist ungewöhnlich, aber interessant. Je tiefer man vordringt, umso mehr Rätsel und Ungewissheiten werden aufgelöst. Die zuvor zusammenhanglos erscheinenden Erzählebenen fügen sich nach und nach zu einem Ganzen zusammen.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Coverinnenseite © Bastei Lübbe AG, Köln 2025

Donnerstag, 8. Januar 2026

Calden, Saskia – Das geheime Zeichen

Über die Autorin

Saskia Calden wurde 1977 im Berchtesgadener Land geboren. Ihre Leidenschaft für das Schreiben und Erzählen von Geschichten entstand schon in der Kindheit. Seit eine ihrer Kurzgeschichten dem Nachbarsjungen eine schlaflose Nacht bescherte, war ihr Eifer geweckt. Ihr Debüt »Der stille Feind« wurde für den Deutschen Selfpublishingpreis nominiert. Ihr zweiter Psychothriller »Die Rachsüchtige« landete auf Platz 1 der Amazon-Kindle-Bestsellerliste – ebenso wie »Der Puppenwald«, der 2024 erschienene erste Band der Evelyn-Holm-Thrillerserie.


Das geheime Zeichen


Kategorie: Thriller
Ort der Handlung: Freiburg
Erstausgabe: Taschenbuch (07/25; 411 S.)
Schlagworte: Freiheitsberaubung, Misshandlung, Folter, Vergewaltigung
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️/5


Eine grausige Entdeckung

Ein neuer Fall für Evelyn Holm von der Freiburger Mordkommission. In einem Handlungsstrang, der in der Gegenwart spielt, wird bei Sanierungsarbeiten im Keller eines dreißig Jahre alten Hauses ein Skelett gefunden. Die Person wurde in Zement gegossen, bevor man sie eingemauert hat. Das Skelett hat eine Kette umgehängt.

Was hat es mit dieser Kette und dem Anhänger auf sich? Der Anhänger stellt eine Raute dar, in der sich geschwungene Linien in Form einer abstrakten Blüte kreuzen. Dieses Zeichen zieht sofort die Aufmerksamkeit von Evelyn an. Es treten Erinnerungen von vor dreißig Jahren auf, mit denen sie bis heute nicht abschließen konnte.

Ein paralleler Handlungsstrang führt uns zurück in die Vergangenheit. Dort lernen wir Viola Simon kennen. Sie träumt von einer Karriere als Malerin. Sie hat Talent, wie einige Gemälde von ihr beweisen.

Ein Wiedersehen mit Folgen

Viola begegnet zufällig Anna, mit der sie gemeinsam zur Schule gegangen ist. Anna will ihr behilflich sein, um in einen elitären Club aufgenommen zu werden, in dem Anna selbst Mitglied ist. Sie verspricht Viola, dass in diesem Club ihr Talent gefördert werden kann. Viola gelingt es schließlich, Mitglied in diesem Club zu werden. 

Dieser Eliteclub ähnelt einer Sekte und birgt ein dunkles Geheimnis in sich. Wer eine Mitgliedschaft erreicht, kann zu Erfolg und Ruhm gelangen, wenn derjenige sich an gewisse Regeln hält. Aber man kann auch tief fallen, wenn man gegen die Interessen dieser kriminellen Brutstätte verstößt. Ein Austritt aus diesem Club ist nicht möglich, jedenfalls nicht auf einem normalen Weg.

Ein persönliches Interesse

Evelyn ist getrieben von Ehrgeiz und persönlichem Interesse, diesen Fall zu klären. Schon aus dem Grund, da es eine Verbindung zu dem Doppelmord an ihren Eltern vor dreißig Jahren zu geben scheint. Man will ihr den Fall entziehen, da ihr Vorgesetzter genau aus diesem Grund einen Interessenkonflikt sieht. Evelyn ermittelt trotzdem weiter und begibt sich dadurch in große Gefahr.

Die Spannung zieht spürbar an, nachdem Evelyns Adoptivtochter Jessica von einer Party nicht nach Hause zurückkehrt. Evelyn erhält einen Drohbrief. Sie soll die Ermittlungen einstellen, andernfalls stößt ihrer Tochter etwas zu. Die Ereignisse überschlagen sich. Evelyn verhaftet einen Tatverdächtigen ohne Haftbefehl, ihr droht ein Disziplinarverfahren.

Eine kriminelle Vereinigung treibt Evelyn in die Enge. Sie kann nicht mehr rational denken und handeln. Nach dem Verschwinden von Jessica läuft alles nur noch über die emotionale Schiene ab.

Parallelen ersichtlich

Vom Charakter kommen fast alle Personen mit Ausahme von Evelyn Holm unsympathisch rüber. Teilweise sind sie gefährlich und unberechenbar. Auch mit Evelyns Kollegen ist es nicht einfach. Zusätzlich bereitet ihr ihre Adoptivtochter Jessica Probleme. Jessica haben wir schon in dem Evelyn-Holm-Thriller »Der Puppenwald« als Opfer einer Entführung kennengelernt. Auch jetzt steht wieder eine Person im Mittelpunkt, die gegen ihren Willen festgehalten und von der Außenwelt abgeschirmt wird. Ihre Fluchtversuche bleiben ohne Erfolg. Die Gründe sind hier allerdings anders gelagert.

Die Geschichte ist stimmig und innovativ erzählt. Man erwartet Antworten darauf, wie lange es schon her ist, dass ein Mensch im Keller eines alten Hauses eingemauert wurde und was der Grund dafür war? Gibt es eine Verbindung zu dem »Club« bzw. zu einer seit langem vermissten Person?


Fazit

Der Schreibstil ist flüssig und leicht lesbar. Die Kapitel sind überwiegend kurzgehalten. Im Verlauf der Handlung nimmt das Pacing merklich zu. Cliffhanger werden an den richtigen Stellen platziert, um den weiteren Verlauf später aufzulösen oder fortzusetzen. Wir begegnen Figuren, die man schon aus den anderen beiden Thrillern kennt. Trotzdem kann man dieses Buch ohne Vorkenntnisse lesen.
Durch häufige Perspektivwechsel bleibt die Geschichte spannend bis zum Schluss, was aber auch der überdurchschnittlich guten Erzählweise der Autorin geschuldet ist. 
Dass Saskia Calden eine Autorin mit Potential ist, hat sie schon in ihren ersten beiden Büchern der Evelyn-Holm-Reihe unter Beweis gestellt. Mit diesem Buch ist ihr ein weiterer Pageturner gelungen. Man darf auf den nächsten Band dieser Reihe gespannt sein (»Ein dunkles Versteck«, 31. März 2026).
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: Innenseite © Saskia Calden, 2025
Buchcover: Edition M, Imprint von Amazon Publishing

Freitag, 2. Januar 2026

Michel, Julia – Schwester- herz

Über die Autorin

Julia Michel wurde in Willingen im hessischen Upland geboren und ist dort tief verwurzelt. Schon früh begann sie zu schreiben und veröffentlichte zunächst unter dem Pseudonym Maggie Jay mehrere regionale Thriller.
Sie ist ein großer Fan von Stephen King, dessen psychologische Tiefe und erzählerische Intensität sie stark beeinflusst haben. Nach einer Zeit in den USA lebt und arbeitet sie inzwischen wieder in Deutschland. Heute schreibt sie unter ihrem eigenen Namen Thriller, in denen familiäre Beziehungen, emotionale Abgründe und zerstörerische Geheimnisse im Mittelpunkt stehen.
Mit Schwesterherz legt sie nun ihren ersten Psychothriller als Julia Michel vor.
Quelle: Amazon


Schwesterherz


Kategorie: Kriminalroman
Ort der Handlung: Paderborn 
Erstausgabe: Taschenbuch (12/25; 276 S.)
Schlagworte: Horror, Paranoia, Realitätsverlust, Wahnvorstellungen
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5



Grausam, gruselig, Horror

Der Einstieg könnte nicht grausamer sein. Die Autorin kommt gleich zum Mittelpunkt des Geschehens. Kriminalhauptkommissar Holger Ebers bietet sich ein Bild in dem kleinen Einfamilienhaus der Gardners, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Eine Frau und ein Kind liegen blutüberströmt auf dem Boden. Beide wurden aufgeschlitzt und ausgeweidet. Aber wo ist das Herz des kleinen Mädchens? Es ist nicht auffindbar! In der Ecke kauert ein Mann mit einem Messer in der Hand. Es handelt sich um den Ehemann bzw. Vater der beiden Personen.


Schuldig oder nicht schuldig

Henry Gardner hat als Professor einen Lehrstuhl an der Universität in Paderborn. Er soll seine Frau Eva und die sechsjährige Tochter Emilie auf bestialische Weise ermordet haben. Dr. Anne-Marie Faber ist Psychiaterin. Sie begutachtet vermeintliche Straftäter, um herauszufinden, ob ein Täter oder eine Täterin zum Tatzeitpunkt schuldfähig war oder nicht.

Leidet Gardner an einer Psychose? Eine schizoaffektive Störung, die durch Realitätsverlust, Halluzinationen oder Wahnvorstellungen hervorgerufen wird? Das könnte eine mögliche Erklärung für sein Verhalten sein. Er wird in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Dort soll ihn die Oberärztin Dr. Anne-Marie Faber befragen und stabilisieren, damit er von der Polizei verhört werden kann. In den Gesprächen beteuert Gardner immer wieder seine Unschuld. 

In langen Gesprächen mit Dr. Faber erleben wir Gardner teilweise als Ich-Erzähler aus der Zeit vor den Taten. Er erzählt viel über sein Elternhaus und wie er aufgewachsen ist. Über Eva erfahren wir eigentlich nicht viel. Beide haben studiert und sind sich nach Abschluss ihres Studiums nähergekommen und haben nach einem Jahr geheiratet. Nachdem Eva bei der ersten Schwangerschaft vor sechs Jahren das Kind verlor, war sie beim zweiten Mal mit Zwillingen schwanger. Eines der beiden Mädchen starb noch im Mutterleib, aber das zweite Mädchen kam gesund zur Welt.


Ein Kind mit Verhaltensstörungen

Als Emilie zwei Jahre alt ist, wirkt sie manchmal wie ein anderer Mensch. Sie reagiert nicht auf ihren Namen und sie schaut sich um, als würde sie die Umgebung zum ersten Mal sehen. Im Alter von fünf Jahren entdecken die Eltern weitere Verhaltensauffälligkeiten bei ihr. Leidet auch Emilie vielleicht an einer Psychose?

Andere Kinder im Kindergarten fangen an, Emilie zu meiden. Die Nachbarin, die die Leichen im Haus der Gardners entdeckt hat, berichtet ebenfalls über ein merkwürdiges Verhalten von Emilie. Ihre Tochter Luisa und Emilie haben manchmal miteinander gespielt. Dabei fiel ihr auf, dass sich Emilie mit den Jahren veränderte. Sie wurde ruhiger, wirkte oft in sich gekehrt und rastete manchmal ohne ersichtlichen Grund aus. Das Jugendamt schaltet sich ein und prüft, ob Emilie von ihren Eltern misshandelt wird.


Was stimmt mit der Psychiaterin nicht?

KHK Ebers drängt Anne-Marie, schnellstens ihren Bericht zu Gardners psychischem Zustand abzugeben, damit er mit der Befragung beginnen kann. Für ihn ist die Beweislage eindeutig. Anne-Marie zögert aber die Befragung immer wieder hinaus. Ebers erinnert sie an einen ähnlich gelagerten Fall aus der Vergangenheit, wo sie schon einmal einen Fehler begangen hat. Holger Ebers und Anne-Marie Faber geraten des Öfteren aneinander, da sie unterschiedlicher Meinung sind, was den Umgang mit Gardner betrifft.

Irgendetwas stimmt mit Anne-Marie Faber nicht. Ist sie selbst schon Opfer ihrer eigenen Psyche geworden? Sie steht oft neben sich, seit ihre Lebensgefährtin Michelle mit ihr Schluss gemacht hat. Fünf Jahre waren die Beiden ein Paar. Nach mehreren Therapiegesprächen empfindet sie Sympathien für ihren Patienten Henry Gardner. Es entwickelt sich eine toxische Verbindung, je weiter sie in die Psyche von Gardner vordringt. Es fällt ihr schwer, das alles zu verarbeiten und sie greift immer häufiger zur Flasche.

Die Charaktere von Henry, seiner Frau Eva und Dr. Faber weisen alle drei starke Defizite in der Selbstwahrnehmung auf, bei Henry kommt eine nicht zurechnungsfähige Mentalität hinzu. Es gibt keinerlei nennenswerte positive Charaktereigenschaften. Man kann für diese drei Figuren keine Sympathie entwickeln, auch die kleine Emilie kommt einem unheimlich vor.


Kein whodunit

Ziel von »Schwesterherz« ist die Spannungserzeugung, die nicht auf einem whodunit beruht. Der Leser fühlt die Angst und die Wahrnehmung des Protagonisten (Henry), die von der empfundenen Bedrohung einer ihm nahestehenden Person ausgeht. Wie bei den meisten Psychothrillern wird hier eine paranoide Konstellation dramatisiert.


Fazit

Die Chronologie der Ereignisse: Zu Beginn wird man mit einer grausamen Tat konfrontiert. Danach erfährt man rückblickend in verschiedenen Stufen die Entstehung bis zum Tag »X«.
Es gibt keine Hänger in der Handlung. Die Spannung bleibt durchgehend auf einem hohen Level, das sich zum Ende hin noch steigert. Das Buch lässt sich flüssig lesen. Manchmal gibt es einen Cliffhanger am Ende eines Kapitels, um die Auflösung der Situation hinauszuzögern. Die Anzahl der Figuren ist überschaubar. Die Figurenzeichnungen weisen eine gewisse Tiefe auf, so dass man sich ein gutes Gesamtbild machen kann.
Oft vermischen sich die Grenzen der unterschiedlichen Genres miteinander. So kann man »Schwesterherz« nicht nur als reinen Psychothriller wahrnehmen, sondern auch als einen Horrorthriller.
Wer dieses Buch liest, sollte sich auf viele hässliche Details gefasst machen, die ekelerregend und grausam wirken können.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: https://www.amazon.de
Buchcover: Bildrechte gehören dem jeweiligen Verlag