Freitag, 2. Januar 2026

Michel, Julia – Schwester- herz

Über die Autorin

Julia Michel wurde in Willingen im hessischen Upland geboren und ist dort tief verwurzelt. Schon früh begann sie zu schreiben und veröffentlichte zunächst unter dem Pseudonym Maggie Jay mehrere regionale Thriller.
Sie ist ein großer Fan von Stephen King, dessen psychologische Tiefe und erzählerische Intensität sie stark beeinflusst haben. Nach einer Zeit in den USA lebt und arbeitet sie inzwischen wieder in Deutschland. Heute schreibt sie unter ihrem eigenen Namen Thriller, in denen familiäre Beziehungen, emotionale Abgründe und zerstörerische Geheimnisse im Mittelpunkt stehen.
Mit Schwesterherz legt sie nun ihren ersten Psychothriller als Julia Michel vor.
Quelle: Amazon


Schwesterherz


Kategorie: Kriminalroman
Ort der Handlung: Paderborn 
Erstausgabe: Taschenbuch (12/25; 276 S.)
Schlagworte: Horror, Paranoia, Realitätsverlust, Wahnvorstellungen
Meine Bewertung: ⭐️⭐️⭐️⭐️/5



Grausam, gruselig, Horror

Der Einstieg könnte nicht grausamer sein. Die Autorin kommt gleich zum Mittelpunkt des Geschehens. Kriminalhauptkommissar Holger Ebers bietet sich ein Bild in dem kleinen Einfamilienhaus der Gardners, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Eine Frau und ein Kind liegen blutüberströmt auf dem Boden. Beide wurden aufgeschlitzt und ausgeweidet. Aber wo ist das Herz des kleinen Mädchens? Es ist nicht auffindbar! In der Ecke kauert ein Mann mit einem Messer in der Hand. Es handelt sich um den Ehemann bzw. Vater der beiden Personen.


Schuldig oder nicht schuldig

Henry Gardner hat als Professor einen Lehrstuhl an der Universität in Paderborn. Er soll seine Frau Eva und die sechsjährige Tochter Emilie auf bestialische Weise ermordet haben. Dr. Anne-Marie Faber ist Psychiaterin. Sie begutachtet vermeintliche Straftäter, um herauszufinden, ob ein Täter oder eine Täterin zum Tatzeitpunkt schuldfähig war oder nicht.

Leidet Gardner an einer Psychose? Eine schizoaffektive Störung, die durch Realitätsverlust, Halluzinationen oder Wahnvorstellungen hervorgerufen wird? Das könnte eine mögliche Erklärung für sein Verhalten sein. Er wird in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Dort soll ihn die Oberärztin Dr. Anne-Marie Faber befragen und stabilisieren, damit er von der Polizei verhört werden kann. In den Gesprächen beteuert Gardner immer wieder seine Unschuld. 

In langen Gesprächen mit Dr. Faber erleben wir Gardner teilweise als Ich-Erzähler aus der Zeit vor den Taten. Er erzählt viel über sein Elternhaus und wie er aufgewachsen ist. Über Eva erfahren wir eigentlich nicht viel. Beide haben studiert und sind sich nach Abschluss ihres Studiums nähergekommen und haben nach einem Jahr geheiratet. Nachdem Eva bei der ersten Schwangerschaft vor sechs Jahren das Kind verlor, war sie beim zweiten Mal mit Zwillingen schwanger. Eines der beiden Mädchen starb noch im Mutterleib, aber das zweite Mädchen kam gesund zur Welt.


Ein Kind mit Verhaltensstörungen

Als Emilie zwei Jahre alt ist, wirkt sie manchmal wie ein anderer Mensch. Sie reagiert nicht auf ihren Namen und sie schaut sich um, als würde sie die Umgebung zum ersten Mal sehen. Im Alter von fünf Jahren entdecken die Eltern weitere Verhaltensauffälligkeiten bei ihr. Leidet auch Emilie vielleicht an einer Psychose?

Andere Kinder im Kindergarten fangen an, Emilie zu meiden. Die Nachbarin, die die Leichen im Haus der Gardners entdeckt hat, berichtet ebenfalls über ein merkwürdiges Verhalten von Emilie. Ihre Tochter Luisa und Emilie haben manchmal miteinander gespielt. Dabei fiel ihr auf, dass sich Emilie mit den Jahren veränderte. Sie wurde ruhiger, wirkte oft in sich gekehrt und rastete manchmal ohne ersichtlichen Grund aus. Das Jugendamt schaltet sich ein und prüft, ob Emilie von ihren Eltern misshandelt wird.


Was stimmt mit der Psychiaterin nicht?

KHK Ebers drängt Anne-Marie, schnellstens ihren Bericht zu Gardners psychischem Zustand abzugeben, damit er mit der Befragung beginnen kann. Für ihn ist die Beweislage eindeutig. Anne-Marie zögert aber die Befragung immer wieder hinaus. Ebers erinnert sie an einen ähnlich gelagerten Fall aus der Vergangenheit, wo sie schon einmal einen Fehler begangen hat. Holger Ebers und Anne-Marie Faber geraten des Öfteren aneinander, da sie unterschiedlicher Meinung sind, was den Umgang mit Gardner betrifft.

Irgendetwas stimmt mit Anne-Marie Faber nicht. Ist sie selbst schon Opfer ihrer eigenen Psyche geworden? Sie steht oft neben sich, seit ihre Lebensgefährtin Michelle mit ihr Schluss gemacht hat. Fünf Jahre waren die Beiden ein Paar. Nach mehreren Therapiegesprächen empfindet sie Sympathien für ihren Patienten Henry Gardner. Es entwickelt sich eine toxische Verbindung, je weiter sie in die Psyche von Gardner vordringt. Es fällt ihr schwer, das alles zu verarbeiten und sie greift immer häufiger zur Flasche.

Die Charaktere von Henry, seiner Frau Eva und Dr. Faber weisen alle drei starke Defizite in der Selbstwahrnehmung auf, bei Henry kommt eine nicht zurechnungsfähige Mentalität hinzu. Es gibt keinerlei nennenswerte positive Charaktereigenschaften. Man kann für diese drei Figuren keine Sympathie entwickeln, auch die kleine Emilie kommt einem unheimlich vor.


Kein whodunit

Ziel von »Schwesterherz« ist die Spannungserzeugung, die nicht auf einem whodunit beruht. Der Leser fühlt die Angst und die Wahrnehmung des Protagonisten (Henry), die von der empfundenen Bedrohung einer ihm nahestehenden Person ausgeht. Wie bei den meisten Psychothrillern wird hier eine paranoide Konstellation dramatisiert.


Fazit

Die Chronologie der Ereignisse: Zu Beginn wird man mit einer grausamen Tat konfrontiert. Danach erfährt man rückblickend in verschiedenen Stufen die Entstehung bis zum Tag »X«.
Es gibt keine Hänger in der Handlung. Die Spannung bleibt durchgehend auf einem hohen Level, das sich zum Ende hin noch steigert. Das Buch lässt sich flüssig lesen. Manchmal gibt es einen Cliffhanger am Ende eines Kapitels, um die Auflösung der Situation hinauszuzögern. Die Anzahl der Figuren ist überschaubar. Die Figurenzeichnungen weisen eine gewisse Tiefe auf, so dass man sich ein gutes Gesamtbild machen kann.
Oft vermischen sich die Grenzen der unterschiedlichen Genres miteinander. So kann man »Schwesterherz« nicht nur als reinen Psychothriller wahrnehmen, sondern auch als einen Horrorthriller.
Wer dieses Buch liest, sollte sich auf viele hässliche Details gefasst machen, die ekelerregend und grausam wirken können.
 
Quellenangaben
Text über die Autorin: https://www.amazon.de
Buchcover: Bildrechte gehören dem jeweiligen Verlag

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